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Aufklärung - Interview

«Aufklärung ist mehr als ein einmaliges Gespräch»

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Fragen sind nie falsch. Antworten aber können überfordern. Interview mit Dagmar Pauli, Chefärztin am Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst des Kantons Zürich.

wir eltern: Dagmar Pauli, wann ist der richtige Zeitpunkt, sein Kind aufzuklären?

Dr. med. Dagmar Pauli: Das ist unabhängig von einem bestimmten Alter, sondern wird dann aktuell, wenn das Kind eine konkrete Frage hat. Dabei gilt meiner Meinung nach: Es gibt keine falschen Fragen! Ein Kind ist nie zu jung, um eine Antwort zu bekommen, wenn diese altersgerecht ist.

Was heisst das genau?

Dass man Fragen je nach Alter nicht bis ins Detail beantworten muss. Wenn das Kind zum Beispiel fragt «Wieso küssen sich diese zwei Männer?», dann reicht meistens die Antwort: «Viele Männer verlieben sich in Frauen, aber es gibt eben auch Männer, die sich in Männer verlieben.» Wenn man aber einem Fünfjährigen erklären will, wie es zwei Männer im Bett genau machen, nämlich anders als Mama und Papa, wäre das zu weit gegriffen.

Was sind typische Kinderfragen?

Natürlich die Frage, woher die Kinder kommen. Die wird gerne gestellt, wenn beispielsweise das Mami ein Geschwisterchen erwartet. Dann möchten Kinder wissen: Wie kommt das Baby in den Bauch? Aber heute, in unserer offenen Gesellschafft, beobachten Kinder auch andere Dinge, die sie beschäftigen: Wieso ist die Frau auf dem Bild nackt? Oder sie stellen Fragen zum eigenen Körper: Wieso habe ich ein Schnäbeli und meine Schwester nicht?

Was ist mit Kindern, die keine Fragen stellen?

Kommen diese Kinder bereits ins Primarschulalter, würde ich empfehlen, dass die Eltern mal ein Aufklärungsbuch nach Hause bringen und mit dem Kind anschauen, daraus erzählen, so wie sie das mit Büchern über Dinosaurier oder Prinzessinnen auch tun. Wenn sich das Kind nicht besonders dafür interessiert, muss man das Thema auch gar nicht weiter vertiefen. Es geht einfach darum, dem Kind zu signalisieren: Sexualität ist ein ganz normales Thema, über das man sprechen kann und auch Fragen stellen darf.

Das Buch als Hilfestellung?

Ja, denn es gibt Kinder, die viele Fragen mit sich herumtragen, sich aber nicht getrauen, diese zu stellen. Durch das Buch wird es ihnen vielleicht leichter gemacht. Abgesehen davon können Aufklärungsbücher eine nützliche Hilfe für Eltern sein, die nicht recht wissen, wie sie das Thema vermitteln sollen, weil es ihnen selber etwas peinlich ist.

Wann überfordert man ein Kind?

Wie gesagt, mit zu weitreichenden Antworten. Oder wenn man Dinge erklären will, die man selber im Erwachsenenkopf hat. Es sollte immer um die Perspektive des Kindes gehen!

Kann ein Kind durch zu viele Informationen auch übersexualisiert werden?

Wird ein Kind sachlich aufgeklärt, besteht keine Gefahr. Mit elterlichem Gespür für die Bedürfnisse und einem offenen Ohr fürs Kind, kann es nie zu viel des Guten sein. Man weiss aus Erfahrung, dass gerade Kinder, die zu wenig informiert werden, oftmals übersexualisiert sind, weil sie sich in etwas hineinsteigern. In modernen Aufklärungsbüchern werden auch Adoption, künstliche Befruchtung oder Homosexualität angesprochen.

Soll man solche Themen gleichzeitig vermitteln?

Nein, Kinder brauchen nicht alle Informationen aufs Mal. Vor allem, wenn es sich um Spezialfälle wie die künstliche Befruchtung handelt. Man ist sowieso gänzlich davon weggekommen, Kinder in einem einzigen Gespräch aufzuklären. Es geht heute um eine allgemeine Sexualerziehung, die sich prozesshaft über die ganze Kindheit verteilen soll. Alles zu seiner Zeit.

Welchen Teil der Aufklärungsarbeit sollen Eltern übernehmen, was ist die Aufgabe der Schule?

Es gibt meiner Meinung nach nichts, das die Eltern nicht übernehmen können. Es ist gut, wenn sie die wichtigsten Bezugs- und Ansprechpersonen sind. Häufig klappt das sehr gut, aber manchmal eben auch nicht. Weil Eltern nicht wissen wie, weil sie vielleicht selber nicht alle Infos und Hilfsmittel haben. Es ist aber wichtig, dass auch diese Kinder die Chance bekommen, richtig aufgeklärt zu werden. Die Schule hat meiner Meinung nach die Aufgabe, allen Kindern ab Kindergarten die wichtigsten Aspekte der Sexualerziehung zu vermitteln. Zum Beispiel, dass Berührungen freiwillig und einvernehmlich sein sollen und dass man sich auch wehren kann, wenn es unangenehm ist. Und natürlich, wie man sich vor Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten schützen kann. Sexualität ist ein Thema, das jeden Menschen etwas angeht, das zu unserem Leben gehört und auf keinen Fall tabuisiert werden darf. Weder zu Hause noch in der Schule.


Dr. med Dagmar Pauli ist Chefärztin am Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst des Kantons Zürich. Ihre Spezialgebiete sind Familientherapie, Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Essstörungen, Depressionen und Störungen der Geschlechtsidentität. Dagmar Pauli ist verheiratet, lebt in Zürich und hat ihre drei Kinder mit dem Buch «Andreas fragt» aufgeklärt.

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