Menü
wireltern-andre-stern-1020

Interview mit André Stern

André Stern: Freies Lernen und Vertrauen ins Kind

Kinder lernen spielend, davon ist Freibildungsexperte André Stern überzeugt. Ein Gespräch über die Missverständnisse des Lernens, über Vertrauen und Sterns Sohn, der eine überraschende Karriere anstrebt.

Auch der Alltag eines Lebenskünstlers wie André Stern (49) schrumpfte in Coronamonaten auf einen kleinen Radius. Ich erreiche den Freibildungsexperten an seinem Wohnort auf dem Land, 300 Kilometer von Paris entfernt. Dort lebt er mit seiner Frau Pauline (39), den Kindern Antonin (10) und Benjamin (4), mit seinen Eltern und seiner Schwester. Vor ein paar Jahren sassen wir zusammen auf einem Podium; auch heute via Skype finden wir rasch ins Gespräch.

wir eltern: In diesem Jahr haben Kinder auf der ganzen Welt etwas erlebt, was für deine Kinder Alltag ist: Sie gingen nicht in die Schule. Hat sich für euch auch etwas verändert?
André Stern: Wir sind nicht mehr so frei, wie wir es gewohnt waren. Wenn Kinder nicht in die Schule gehen, reisen sie in die weite Welt. Das können wir im Moment nicht. Wenigstens kann Antonin wieder trainieren.

Was trainiert er?
Seit seiner ersten Kart-Fahrt strebt Antonin eine Karriere als Autosportler an. Er trainiert mindestens einmal in der Woche und fährt Rennen.

Wie ist das für dich?
Es war eine Überraschung. Ich bin in einer Familie gross geworden, in der Autos nicht beliebt waren und Sport nie eine Rolle gespielt hat. Es gibt Momente, da klopft dir das Leben auf die Schulter und meint: Du sagst viele Dinge, jetzt musst du sie auch leben (lacht). Ich bin dankbar für solche Momente. Das wunderbare am freien Kind ist, dass es dich mitnimmt in die Welt, in die es voller Begeisterung eintaucht. Antonin hat mit seiner Begeisterung die ganze Familie angesteckt. Mein 96-jähriger Vater ist einer seiner grössten Fans.

Welche Art von Motorsport macht er?
Im Moment fährt er immer noch Kart. Das sind eher kleine Autos, die nicht mehr als 70 Stundenkilometer fahren.

Für einen Zehnjährigen ist das ein anständiges Tempo.
Habt ihr manchmal Angst? Nein. Noch nicht … Antonin wurde kürzlich an die Formel-1-Testtage in Spanien eingeladen, dort habe ich einen ersten Eindruck von diesen Autos gewonnen. Da sind diese monströsen Gummireifen, die sich in den Boden drücken; die Luft, die von den Spoilern derart torpediert wird, dass sie aufschreit; und schliesslich der Motor, ein verrückt gewordenes Symphonieorchester! Diese drei Schichten von Klang fahren mit 300 Stundenkilometern an dir vorbei, es ist die Hölle auf Erden, wirklich. Und dann kommt ein zierlicher Zehnjähriger, der aufgeregt und begeistert sagt: «Ich kanns nicht erwarten, bis ich selbst in so einem Auto sitze.»

Das hast du dir als Vater nicht gewünscht...
Ich habe keinen Plan, keinen Wunsch. Aber es ist nichts, wovon Eltern träumen, denn es macht einfach Angst, sich das eigene Kind in einer solchen Höllenmaschine vorzustellen.

Wie gehst du mit dieser Angst um?
Noch sitzt er nicht drin … (lacht). Das Leben prüft gerade, ob ich wirklich fähig bin, zu tun, wofür ich einstehe. Nämlich Vertrauen zu haben in das Kind und es seine eigene Lebensgeschichte schreiben lassen. Meine Aufgabe ist, ihm keine Steine in den Weg zu legen. Oder die Steine zu entfernen, die auftauchen – wenn das im Rahmen meiner Möglichkeiten ist.

Meldet sich nicht manchmal der klitzekleine Wunsch, dass er nie in so eine Höllenmaschine steigt?
Nein. Das erlaube ich mir nicht. Das wäre nicht ehrlich und Antonin gegenüber nicht loyal. Was man in die Landschaft einspeist, kommt irgendwann zum Vorschein.

Deine Eltern haben dich nicht in die Schule geschickt und deine Kinder sind ebenfalls Freilerner. Was sind eure Beweggründe?
Wir sind nicht gegen die Schule. Auch meine Eltern waren nicht gegen etwas, sondern für etwas. Wenn meine Kinder in die Schule gehen möchten, dürfen sie das und auch ich hätte es tun können.

Das wolltest du nie?
Überhaupt nicht. Als meine Freunde erfuhren, dass ich nicht zur Schule gehe, fragten sie: «Du kannst den ganzen Tag nur spielen? Du musst nie Hausaufgaben machen? Mensch, hast du ein Glück!» Das gab mir eine ziemliche Orientierung.

Wenn ihr nicht gegen die Schule seid – wofür seid ihr dann?
Wir respektieren die Rhythmen und Rituale der Kinder. Ein Beispiel: Die Menschen sind die einzige Spezies, die ihre Kinder weckt.

Für uns ist unvorstellbar, ein schlafendes Kind zu wecken.

Ist das so? Wenn am Morgen die Vögel zu pfeifen beginnen, wecken sie doch wahrscheinlich die Vogelkinder.
Nein, die sind vorher wach (lacht). Im Ernst: Tiere wecken ihre Kleinen nur, wenn eine Gefahr auftaucht. Für uns ist es deshalb absolut unvorstellbar, ein schlafendes Kind zu wecken. Ein Kind schläft nicht, weil es faul ist, sondern weil es das braucht. Ebenso unvorstellbar ist es, ein spielendes Kind zu unterbrechen.

Was passiert, wenn man das macht?
Das Kind erfährt, dass seine Bedürfnisse und Interessen in den Hintergrund rücken und dass die Anliegen der anderen wichtiger sind. Das unterbrochene Spiel ist ein Schmerz für das Kind. Ein Beispiel: Magst du Tiramisu?

Sehr!
Stell dir vor, du bekommst einen Teller Tiramisu, probierst zwei Löffel. Jetzt nimmt man dir den Teller wieder weg und gibt dir stattdessen rohen Spinat. Du hast das Tiramisu noch gar nicht ausgekostet und weisst nicht, ob oder wann du es zurückerhältst. Ein unangenehmes Gefühl, nicht wahr?

Wir können aber nicht nur nach dem Lustprinzip leben. Manchmal haben Kinder einen Arzttermin und vor dem Ins-Bettgehen müssen sie die Zähne putzen.
Die meisten Kinder müssen im normalen Alltag so viele Dinge machen, die sie nicht begeistern, dass das Zähneputzen einfach zu viel ist. Kann das Kind frei seinen Interessen nachgehen und sicher sein, dass es später oder am nächsten Tag ungestört weiterspielen kann, ist weder der Arzttermin noch das Zähneputzen ein Problem.

Eltern befürchten, dass die Kinder nicht lesen, schreiben und rechnen lernen würden, wenn sie nicht in die Schule gingen.
Lesen, schreiben und rechnen sind just die Bereiche, die man nicht NICHT lernen kann. Wir sind umgeben von Sprache, überall sind Buchstaben und auch Zahlen. Das Kind müsste vollkommen bescheuert sein, um das nicht zu sehen. Sehr viele Kinder lernen lesen, bevor sie in die Schule kommen und ohne, dass es ihnen jemand beigebracht hat. So wie sie auch ihre Muttersprache gelernt haben: ganz ohne Unterricht, aber mit Leuten um sie herum, die diese Sprache sprechen.

Wann lernten deine Kinder lesen?
Antonin mit zwei Jahren. Ich kann nicht sagen, wie er es gelernt hat. So ging es auch mit dem Englisch. Vor eineinhalb Jahren konnte er es plötzlich. In einer Welt, wo Englisch so präsent ist, scheint es unmöglich zu sein, Englisch nicht zu lernen. Allerdings wird das Kind nicht zum erwarteten Zeitpunkt lesen, Englisch sprechen oder multiplizieren können. Manche Kinder lernen es früher, andere später. In der Schule wird das jedoch zum Problem, denn alle sollen zur gleichen Zeit gleich weit sein.

Inwiefern schadet das dem Kind?
Rund ums Lernen gibt es ein grosses Missverständnis. Wir vermischen lernen und auswendig lernen, doch das eine hat mit dem andern nichts zu tun. Lernen ist nicht etwas das man tut, sondern etwas, das einem passiert.

Oft funktioniert das Kurzzeitgedächtnis recht gut. Doch ein paar Wochen nach einer Prüfung ist alles wieder weg.
Dafür gibt es eine wissenschaftliche Erklärung. Unser Gehirn ist für etwas gemacht, das unsere Spezies bis jetzt immer gerettet hat: für das Lösen von Problemen. Für die Speicherung von Informationen funktioniert es nicht so gut. Mit einer wichtigen Ausnahme: Nämlich, wenn unsere emotionalen Zentren aktiviert sind. Wenn eine Info uns berührt, wenn sie uns betrifft und eine Relevanz hat in der jetzigen Welt. Ist dem nicht so, vergessen wir das meiste, was wir gelernt haben. Das führt zum allerschlimmsten Satz, den man sich vorstellen kann: Ich bin schlecht in Mathe. Millionen von Menschen sagen das, doch wissenschaftlich gesehen ist es völlig falsch. Die richtige Aussage wäre: Mathe interessiert mich nicht. Dieser Satz ist eine solche Befreiung!

Eltern machen sich Sorgen, wenn das Kind ein Mathe-Versager ist.
Eltern machen sich gerne Sorgen. Und die grösste Sorge der Eltern ist die Notwendigkeit, gute Eltern zu sein. Das ist ein unheimlicher Druck. Nichts falsch machen, nichts versäumen – das ist erschöpfend und am Ende sind wir nur noch verwirrt. Dabei vernachlässigen wir total, was unsere Kinder suchen.

Lernen ist nicht etwas, das man tut, sondern etwas, das einem passiert.

Was suchen sie?
Neben der Möglichkeit zu spielen, nur etwas: Einen sicheren Hafen. Diesen schaffen wir, in dem wir dem Kind mit der Haltung begegnen: «Ich liebe dich, weil du so bist, wie du bist.» Wir bringen ihm bedingungsloses Vertrauen entgegen und damit bedingungslose Liebe. Wenn wir nur sagen, «Ich liebe dich» folgt darauf fast immer: «Aber ich hätte dich noch lieber, wenn du mehr aufräumen, mehr Hausaufgaben erledigen würdest ...» Dadurch erhält das Kind das Gefühl, dass es nicht genügt, dass es sich verändern, verbessern muss. Hat es aber unser bedingungsloses Vertrauen, kann es in die weite Welt hinausgehen und sich an den Verschiedenartigkeiten der Welt erfreuen.

Es fällt vielen Eltern schwer, dem Kind dieses Vertrauen entgegenzubringen.
Wohl weil sie selbst diese Erfahrung nicht gemacht haben. Natürlich. Wir alle tragen ein verletztes Kind in uns. Sagen wir einem Kind im nonverbalen Bereich der Sprache, dass wir es lieben, weil es ist, wie es ist, sagen wir es allen Kindern dieser Welt und damit auch dem eigenen verletzten Kind.

Wie geht das?
Wir sprechen es nicht aus, sondern lassen den Satz auf der Zunge zergehen und schauen, was er bewirkt. Mit der Zeit können wir ihn immer mehr fühlen. Meine Hoffnung ist, dass es möglichst vielen Eltern gelingt, immer länger auf der Seite des Vertrauens zu sein, und mit diesem Satz ist es unglaublich leicht. Jede Minute, die wir dort verbringen, ist ein Segen für das Kind und entspannt die Eltern.

*Das Gespräch wurde zuerst in «wir eltern» Ausgabe 10/2020 veröffentlicht.

Auch lesenswert