Menü

Europa

Andere Länder, andere Geburten

Schwangere Frau mit bemaltem Bauch

Wie ein Kind auf die Welt kommt, hängt zu einem grossen Teil davon ab, in welchem Land seine Mutter lebt.

Die Zahlen erstaunen. Sind wir Europäerinnen wirklich so unterschiedlich? Wenn es darum geht, ein Kind auf die Welt zu bringen, anscheinend schon: 2010 hatten 47,8 Prozent der Frauen auf Zypern eine natürliche Geburt, in Island 85,2 Prozent. Geringer, aber immer noch auffällig sind die Unterschiede zwischen Italien, Portugal, Norwegen, Finnland und Schweden: In den beiden südlichen Ländern, aber auch in Deutschland und in der Schweiz kommt heute rund jedes dritte Kind per Kaiserschnitt auf die Welt, in Skandinavien hingegen nur jedes sechste. Seit Menschengedenken empfangen Frauen Kinder, tragen sie neun Monate unter ihrem Herzen, gebären sie mit Schmerzen. Die Biologie unterscheidet sich nicht. Die meisten Frauen wünschen sich, ihr Kind aus eigener Kraft zu gebären. Wieso klappt das in einigen Ländern besser als in anderen? «Es liegt an den unterschiedlichen geburtshilflichen Traditionen und Systemen», erklärt Beate Schücking, langjährige Geburtsforscherin und Rektorin der Universität Leipzig. «Die Hebamme ist die zentrale Figur in der Geburtshilfe. Hat sie eine starke Stellung, braucht es weniger medizinische Interventionen.»
In der Tat: In Skandinavien, aber auch in allen anderen Ländern mit tiefen Kaiserschnittraten sind es die Hebammen, welche die Frauen während der Schwangerschaft betreuen und oft auch während der Geburt die Hauptverantwortung tragen – ausser es treten Probleme auf, die für Mutter und Kind zum Risiko werden könnten. Dann werden Gynäkologinnen zugezogen oder die Frau wird fortan im Spital betreut.
Besonders fest in den Händen der Hebammen ist die Geburtshilfe in Holland. Hier kommt jedes vierte Kind zu Hause und ohne Arzt auf die Welt, in Regionen mit einem gut ausgebauten Hebammensystem jedes zweite – so häufig wie nirgends in Europa. Gleichzeitig ist die Kaiserschnittrate mit 17 Prozent aussergewöhnlich tief. Beate Schücking begründet dies mit Hollands calvinistischnüchtern geprägter Tradition: «Die Haltung, ‹Stell dich nicht so an›, ist weitverbreitet. Man traut den Frauen eine Geburt zu.»

Auch in England wurden in den letzten Jahren Anstrengungen unternommen, die Hausgeburt und die von Hebammen geleitete Geburt zu stärken. «Die Regierung unterstützt die natürliche Geburt », sagt Jacque Gerrard, Direktor des Royal College of Midwives. 72 Prozent der Frauen gebären in England heute unter der Obhut von Hebammen. Die Kaiserschnittrate beträgt 24 Prozent. Deutlich tiefer als in der Schweiz. Ganz nach europäischem Vorbild wollen die Hebammen jetzt auch in der Schweiz ihren Verantwortungsbereich ausweiten und dazu beitragen, dass wieder mehr Frauen natürlich gebären können. Die von Hebammen geleitete Geburt soll nicht nur in den Geburtshäusern, sondern auch in den Spitälern etabliert werden, teilte der Schweizerische Hebammenverband kürzlich mit.
Unter Umständen liessen sich damit auch die tiefen Geburtenraten heben, die vielerorts Besorgnis erregen. England verzeichnete nämlich in den letzten Jahren einen richtigen Gebärboom. Seit 40 Jahren wurden nicht mehr so viele Kinder geboren wie 2011. Laut Beate Schücking geht eine hohe Kaiserschnittrate mit einer niedrigen Geburtenrate einher: «Nach einem Kaiserschnitt haben die Frauen mehr gesundheitliche Probleme und oft Schwierigkeiten, wieder schwanger zu werden. Häufig bleibt es bei einem Kind.»
Die Statistik bestätigt Schückings These. Frankreich hat mit 2,03 Kindern pro Frau die zweithöchste Geburtenrate und einen Kaiserschnittanteil von nur gerade 21 Prozent. Mehr Kinder, nämlich 2,2 pro Frau, werden nur im Land mit der tiefsten Kaiserschnittrate geboren, nämlich in Island. Die Italienerinnen hingegen mit einer Kaiserschnittrate von 38 Prozent sind deutlich weniger gebärfreudig. Ihre Geburtenrate beträgt bloss 1,41 Kinder pro Frau.
Niedriger sind die Zahlen nur noch in Osteuropa. Nach einem regelrechten Gebärstreik in den politisch und wirtschaftlich unsicheren 90er-Jahren stieg in letzter Zeit die Lust aufs Kinderkriegen, ist aber nach wie vor gering. In Lettland werden pro Frau durchschnittlich 1,17 Kinder geboren, in Ungarn 1,25 und in Rumänien 1,33. Ein weiterer osteuropäischer Rekord: Nirgendwo sonst sind die Kaiserschnittraten so gestiegen wie in Polen, Rumänien und Ungarn.


Frankreich

Schmerz muss nicht sein

In Frankreich werden Schwangerschaft und Geburt medizinisch begleitet und überwacht. Trotzdem wollen die meisten Frauen in Frankreich natürlich gebären. Mylène Garcia-Aknin aus Paris erzählt:

«Meine Einstellung zum Kinderkriegen ist wie die vieler Französinnen: pragmatisch. Mir war wichtig, natürlich zu gebären, um die Geburt bewusst mitzuerleben. Gleichzeitig wollte ich die Schmerzen kontrollieren können. 70 Prozent der Frauen in Frankreich erhalten eine Periduralanästhesie, sie wird von den meisten Kliniken selbstverständlich angeboten. Ein Kaiserschnitt ist in Frankreich keine automatische Option, er wird nur aus medizinischen Gründen durchgeführt oder wenn die Mutter Angst hat vor der Geburt. Obwohl ich die Schwangerschaft sehr entspannt erlebte, würde ich sie eher als medizinisches denn als natürliches Erlebnis bezeichnen. Ich wurde von einem Gynäkologen in seiner Praxis betreut. Er führte alle nötigen Tests durch, nur für die grossen Ultraschallkontrollen ging ich ins Spital. Für weitere pränatale Tests wie die Fruchtwasseruntersuchung gab es keinen medizinischen Anlass.
Bei der ersten Schwangerschaft suchte ich mir zur Geburtsvorbereitung zusätzlich eine Hebamme, die mich zur Geburt begleitete. Es war ein beruhigendes Gefühl, vertraute Gesichter um mich zu haben und die medizinischen Fachleute bereits zu kennen. Ich wählte die Klinik nicht selbst aus, sondern ging dahin, wo mein Gynäkologe Belegarzt ist. Auch mein Partner war dabei.

Meine erste Geburt war trotz PDA schwierig. Benjamin kam schliesslich mit der Geburtszange auf die Welt. Bei Noémi wurden die Wehen aus praktischen Gründen eingeleitet, nachdem der Geburtstermin überschritten war – um nicht mitten in der Nacht mit dem ersten Sohn in die Klinik fahren zu müssen. Auch beim zweiten Mal erhielt ich eine PDA. Ich konnte sie sogar nach Wunsch dosieren und meine Tochter aktiv auf die Welt bringen. Diese Geburt ist mir als sehr gutes Ereignis in Erinnerung geblieben.

Mutter umarmt ihre zwei Kinder

Mylène Garcia-Aknin (35), Pressechefin, verheiratet, mit Benjamin (4) und Noémi (2).

Ich habe beide Kinder gestillt und bedaure, dass in Frankreich nicht aktiv zum Stillen ermutigt wird. Wenn es nicht sofort klappt, machen die Hebammen kurzen Prozess: ‹Hier, die Flasche, füttern Sie Ihr Kind›, heisst es. Mein Arzt musste beim Pflegepersonal insistieren, damit ich beim Stillen Unterstützung erhielt. Er sagt, es gebe keine Frau, die nicht stillen könne und nur schon eine kurze Zeit sei toll für Mutter und Kind. Drei Tage nach der Geburt ging ich jeweils mit den Babys nach Hause.»
Frankreich hat im Vergleich mit dem übrigen Europa eine deutlich höhere Zahl von Totgeburten. 9,2 von 1000 Babys sterben vor und während der Geburt. In einer Studie des Institut national de la santé et de la recherche médicale von 2012 werden dafür verschiedene Gründe genannt: Das Alter der Frauen bei der ersten Geburt – 19 Prozent sind mittlerweile über 35 Jahre alt – sowie Übergewicht und Tabakkonsum; in Frankreich rauchen rund 17 Prozent der Schwangeren, womit sie europäische Spitzenreiterinnen sind. Allerdings werden zu den Totgeburten in Frankreich auch die medizinischen Schwangerschaftsabbrüche mitgerechnet, anders als in den meisten europäischen Ländern.


England

Klapprig, aber charmant

In England müssen Gebärende Bettwäsche und Windeln selber mitbringen. Es sei denn, das Kind kommt in einer Privatklinik auf die Welt, wie Juna, Tochter von Bianca Brunner.

«Ich war schon beinahe acht Jahre lang in London, als ich schwanger wurde. In diesen acht Jahren war ich nie krank. Wohl weil ich in das englische Gesundheitssystem kein richtiges Vertrauen hatte. Wer krank oder schwanger ist, geht hier nicht zum Hausarzt, sondern ins lokale Health Center oder gleich ins Spital. Dort scheinen die Wartezimmer immer voll zu sein, der Putz bröckelt von den Wänden. Die medizinische Qualität ist sicher gut, doch als Schweizerin merkte ich, wie verwöhnt ich bin und welch hohes Niveau ich gewöhnt bin.
In England müssen die Frauen zur Geburt zum Teil die Bettwäsche mitbringen, ebenso Windeln, Wochenflussbinden, Fläschchen und Pulvermilch, falls es mit dem Stillen nicht klappt.

Viele Frauen in meinem Umfeld, die in kreativen Berufen tätig sind, haben deswegen eine Hausgeburt gewählt. Auch ich habe mir dies überlegt, fühlte mich jedoch nicht sicher genug. Ich entschied mich für eine Frauenärztin, die in einer Privatklinik Geburtshilfe leistet, im Portland Hospital for Women and Children. Hier gebären auch Celebrities wie Victoria Beckham oder Claudia Schiffer – ihre Zimmer waren jedoch sicher grösser und wohl auch in besserem Zustand als meins. Drehte ich den Wasserhahn auf, hatte ich ihn gleich in der Hand. Meinem Mann und mich störte das nicht, wir fanden es irgendwie charmant.
Im Gegensatz zur Spitalgeburt, die nichts kostet, sind Hausgeburt und Privatklinik nicht staatlich finanziert. Meine Schweizer Krankenkasse übernahm zum Glück einen Teil der Kosten. Mir war wichtig, dass ich eine gute Geburt haben würde; schliesslich ist sie ein Erlebnis, das eine Frau ihr Leben lang nicht vergisst. Um mir das zu leisten, war ich gerne bereit, einmal weniger in die Ferien zu fahren.

Mutter im Park mit ihren zwei Kindern

Künstlerin Bianca Brunner (39), mit Juna (3) und Eira (3 Monate).

Meine Frauenärztin trug mir auf, einen Geburtsplan zu schreiben, und wir besprachen miteinander, was möglich sein würde und was nicht. Sie war sehr motivierend, ich fühlte mich total sicher und hatte null Angst. Vier Wochen vor dem Geburtstermin brach das Fruchtwasser. Ich rief meine Gynäkologin auf ihrem Handy an und sie schickte mich in die Klinik, wo sie mich kurze Zeit später untersuchte. Die ersten Wehen konnte ich mit Yoga und dem Nerven stimulierenden TENS-Gerät gut bewältigen. Nach sechs Stunden war ich am Ende und bat um eine PDA. Dank dieser Hilfe entspannte ich mich, zwei Stunden später war Juna geboren. Es zeigte sich, dass es richtig gewesen war, mich gegen eine Hausgeburt zu entscheiden. Meine Plazenta löste sich nicht, sodass die PDA wieder erhöht und die Plazenta operativ entfernt werden musste. Danach genoss ich es, noch vier Tage im Spital zu bleiben und nicht nach 24 Stunden schon nach Hause zu gehen wie die Frauen im Spital. Ich bin glücklich mit der Geburt, genau wie sie war. Beim zweiten Kind lebte ich wieder in der Schweiz und hatte einen geplanten Kaiserschnitt, weil es in Steisslage war.»


Polen

Schmerzmittel nur gegen «freiwillige Spende»

In Polen ist in der Geburtshilfe alles knapp: das Material, die Medikamente und auch das Personal. Dies öffnet dubiosen Machenschaften Tür und Tor.

Malgorzata Jesien (34) aus Warschau ist bei ihrem dritten Kind ähnlich vorgegangen wie die meisten Polinnen: Für die Schwangerschaftskontrollen und die Geburt hat sie sich einen komplexen Mix aus privaten Arztbesuchen und staatlichen Versicherungsleistungen zusammengestellt. Die Routineuntersuchungen alle drei bis vier Wochen machte sie in einer staatlichen Gesundheitsstation. Die Kosten dafür übernahm die obligatorische Krankenkasse, für die in Polen monatlich neun Prozent des Bruttoeinkommmens bezahlt werden – eine hohe Summe in Anbetracht der bescheidenen Leistungen und langen Warteschlangen zu Spezialärzten. Für die Ultraschalluntersuchungen, vier insgesamt, ging Malgorzata hingegen zu einem Privatarzt, da dieser über ein modernes 3-D-Gerät verfügt und gut geschult ist in der Interpretation der Bilder. «Beliebt bei jungen Müttern heute sind Ultraschallfilme; ich wollte nur das Allernötigste, dies dafür möglichst gut», sagt Malgorzata. Umgerechnet 350 Franken haben sie die privaten Arztbesuche gekostet – ein Betrag, der nicht jedermann einfach so erübrigen kann, beträgt doch der monatliche polnische Durchschnittsverdienst gerade mal 1000 Franken. Malgorzata hat sich jedoch durch das Vertrauensverhältnis zum Privatarzt, der auch leitender Arzt im staatlichen Krankenhaus der heiligen Sofia ist, einen garantierten Platz auf dessen Gebärabteilung gesichert. «Wer dies nicht tut, riskiert wegen Platz- und Personalengpässen abgewiesen zu werden, wenn die Wehen einsetzen», sagt die Warschauerin. Der Personalmangel hat einen einfachen Grund: Viele Hebammen und Gynäkologen haben sich in den vergangenen Jahren in Westeuropa, so auch in der Schweiz, besser bezahlte Arbeit gesucht.

In ihrem Spital fehle es an allem – an Medikamenten, an Personal, ja selbst Fäden seien Mangelware, berichtet eine Hebamme mit über dreissigjähriger Berufserfahrung. Manchmal schaffe sie es, den leitenden Arzt nach einem Kaiserschnitt beim Nähen zum Sparen anzuhalten, damit es auch noch für die nächste Frau reiche, manchmal nützt es nichts. «Wir Hebammen geben uns alle Mühe, damit es die Gebärenden bei uns gut haben», beteuert sie. Schwierig ist, dass Polen auch nach der Wende von der sozialistischen Mangel- zur kapitalistischen Marktwirtschaft die niedrigen Löhne für Akademiker, darunter Ärzte und diplomierte Hebammen, beibehalten hat.

Lächelnde Mutter und Sohn

Politologin Malgorzata Jesien plant, auch mit ihrem dritten Kind Jasiek wieder Vollzeit als Pressesprecherin der Warschauer Verkehrsbetriebe zu arbeiten.

Dies öffnet Missbräuchen wie Korruption Tür und Tor. Malgorzata Jesien hatte Glück. Weder Kaiserschnitt noch Dammschnitt waren nötig bei der Geburt von Jasiek. Einzig Schmerzmittel brauchte sie. Weil die Spitäler dafür keine Sondergebühren mehr verlangen dürfen, werden diese nur noch abgegeben, wenn die Patientinnen eine freiwillige Spende von ungefähr 100 Franken entrichten. Dieses Vorgehen wurde kürzlich in der Lokalpresse als skandalös taxiert. «Ich habe die Spendenerklärung einfach schnell unterschrieben », sagt Malgorzatas Ehemann, «ich wollte doch nicht, dass meine Frau leidet.» Vier Tage nach der Geburt gingen Mutter und Kind wohlauf nach Hause.


Italien

Risiko-orientiert

Die meisten Italienerinnen vertrauen in der Schwangerschaft ganz ihrem Gynäkologen. Dieser empfiehlt häufiger als anderswo einen Kaiserschnitt.

Eine Schwangerschaft in Italien wird engmaschig kontrolliert. Einmal im Monat ging Kathrin Plaikner (33) aus Bozen für Tests und Ultraschall zur Frauenärztin. Ihr Blut wurde auf Erbkrankheiten untersucht, Zucker- und Streptokokken-Tests standen auf dem Programm. Folgsam liess Kathrin auch die Kaiserschnitt-Voruntersuchungen über sich ergehen. Sie gehören zwar nicht zum Pflichtprogramm, werden jedoch von vielen Medizinern empfohlen. Trotzdem: «Mein grösster Wunsch war, im Wasser zu gebären», sagt die junge Mutter.

So wie Kathrin vertrauen viele italienische Frauen ihrem Gynäkologen. Sinn und Notwendigkeit der durchgeführten Untersuchungen werden kaum hinterfragt. Andererseits lesen auch Italienerinnen Blogs und informieren sich im Internet. «Das Vertrauen in den Arzt bröckelt, aber die Frauen haben verlernt, auf ihren Körper zu hören», sagt die 37-jährige ligurische Gynäkologin Francesca Accorsi. Eine Geburt sei heute ein aussergewöhnliches, weniger ein natürliches Ereignis, das in die Obhut der Ärzte gehöre. Zumal die Mehrheit der Italienerinnen nur noch ein einziges Kind hat. Und dieses kommt öfter denn je per Kaiserschnitt auf die Welt – in Privatkliniken häufiger als in staatlichen, im Süden öfter als im Norden. Die Region Kampanien um Napoli belegt mit 61 Prozent den Spitzenplatz. Wer im ehemals armen Süden etwas auf sich hält, leistet sich eine operative Geburt. Mit ein Grund, warum die Gynäkologen so oft zum Skalpell greifen, ist laut Accorsi deren teils ungenügende Ausbildung sowie das fortgeschrittene Alter von Erstgebärenden: «Die Mediziner möchten diesen lang erwarteten und nicht selten künstlich gezeugten Kindern keine unnötigen Risiken aussetzen.» Denn geht etwas nicht gut, hat der Arzt schnell eine Klage am Hals.

Mutter umarmt Tochter

Kathrin Plaikner (33) mit Elisa – sie lässt sich zur Fussreflexzonen- Masseurin ausbilden.

Auch Kathrins Tochter Elisa kam im Operationssaal auf die Welt. Trotz stundenlanger Wehen blieb der Muttermund geschlossen. Der anwesende Arzt ordnete einen Kaiserschnitt an. Nun ging alles schnell. Kathrin durfte das Baby kurz begrüssen, danach kam es routinemässig eine Stunde in den Brutkasten. Nach drei Tagen wurde sie entlassen. «Ich bat um eine Zusatznacht, weil ich mich noch nicht in der Lage fühlte, heimzugehen», sagt Kathrin. Das Personal habe unsensibel reagiert und gewitzelt, ob sie ihren «Hotelaufenthalt» verlängern wolle. In Italien muss suchen, wer ein gebärfreundliches Spital wünscht.


Holland

Geburt ohne Arzt ist normal

Hebamme Anne Bärtsch ist vor elf Jahren vom Bündnerland nach Holland ausgewandert, weil sie im Beruf mehr Verantwortung übernehmen wollte.

«wir eltern»: In der Schweiz gelten Frauen, die zu Hause gebären, schon fast als verantwortungslos. In Holland tut es jede vierte. Was ist bei Ihnen anders?

Anne Bärtsch: In Holland ist die Hausgeburt immer noch etwas Selbstverständliches. Anfang der 60er-Jahre kamen rund 70 Pro-zent der Kinder zu Hause auf die Welt. Diese Zahl nahm ab, als die Spitäler den freischaffenden Hebammen ihre Türen öffneten und die von Hebammen geleitete Spitalgeburt möglich wurde. Dafür bezahlen die Frauen jedoch einen Eintrittspreis von 250 Euro, was ein Grund sein kann, zu Hause zu gebären.

Holland hat mit 17 Prozent die zweittiefste Kaiserschnittrate in Europa. Was machen Holländerinnen anders?

In Holland sind Schwangerschaft und Geburt keine per se medizinisch zu kontrollierenden Ereignisse. Wird eine Frau schwanger, wird etwa in der achten Schwangerschaftswoche in einer Hebammenpraxis anhand verschiedener Kriterien eine Risikoselektion gemacht. Gesunde Schwangere bleiben bei der Hebamme, Risikoschwangere gehen fortan zum Arzt. Pränataldiagnostik wie Ultraschall machen Hebammen mit Zusatzausbildung.

Wie beliebt ist die PDA?

Lange stellten sich die Anästhesisten quer, weil sie die Meinung vertraten, eine Geburt sei kein Notfall. Mittlerweile sind sie verpflichtet, innerhalb einer halben Stunde bei der Gebärenden einzutreffen. Die PDA ist im Kommen, ebenso Lachgas. Die Hebammen setzen jetzt wieder vermehrt auf alternative Schmerzlinderung wie Quaddeln: Steriles Wasser wird unter die Haut gespritzt und erhöht die Endorphin-Ausschüttung.

Anna Bärtschi lächelt.

Anne Bärtsch (43) ist Mutter von zwei Kindern, Miteigentümerin einer Hebammenpraxis in Waddinxveen und absolviert an der Fachhochschule Salzburg den Master of Science.

Die Holländerinnen gehen beinahe unmittelbar nach der Geburt nach Hause.

Eine Wochenbettpflegerin betreut die Familie in den ersten acht Tagen zu Hause, insgesamt 49 Stunden, bei Bedarf auch länger. Sie unterstützt die Mutter mit dem Neugeborenen, macht den Haushalt und versorgt die älteren Kinder. Auch die Hebamme geht täglich vorbei, hat Supervisionsfunktion, trägt aber die Verantwortung.

Sie haben selber zwei Kinder geboren. Auch zu Hause?

Leider nein. Bei Sebastiaan war ich zwei Wochen über dem Termin, als das Fruchtwasser abging und ich Fieber bekam. Darauf habe ich im Spital mit den nötigen Medikamenten geboren. Bei Matthijs hatte ich eine Placenta prävia und deshalb einen Kaiserschnitt.

Sponsored Content

Auch lesenswert