Menü

Alternative Lebensformen

Allein und doch gemeinsam

2 Kinder am klettern

Jedes fünfte Kind wächst bei nur einem Elternteil auf – oder mit sieben zusätzlichen. In Oerlikon haben sich Alleinerziehende in einem Haus zusammengetan. Denn: Gemeinsam ists leichter. Tamara und Junah wohnen dort.

Alleinerziehend zu sein, macht schnell. Vor allem das Urteil der anderen. In Schallgeschwindigkeit werden da noch immer Schubladen aufgerissen und, zackzack, Single-Mütter samt Kindern reingestopft.
In diesem Fall war es der Sporttrainer, der Tamara Lardori (41) seine ebenso falsche wie gewichtig vorgetragene Spontandiagnose über ihr Töchterchen mitteilte «Junah will mit ihren Allergien bestimmt nur Aufmerksamkeit erregen. Das kommt ja häufig vor, wenn es in der Familie schwierig ist …» Tonfall: herablassend bis gönnerhaft.
Denn bei Single-Moms meint jeder zu wissen, wie es bei denen daheim aussieht: überforderte Frauen, oder lebensmüde oder auch sexuell allzu lebenslustige, in einem schluddrigen Haushalt mit blinden Fenstern und einsamen Kindern, die Probleme ohne Zahl buckeln.
Fingernägel abgekaut? Der Vater fehlt! 2,8 in der Geschichtsprüfung? Der Vater fehlt! Böög aus der Nase geholt? Der Vater fehlt! Oder eben bei einer Allergie … Der Vater … Genau. Das sind so Momente, in denen Tamara Lardori tief durchatmen muss, um das Gegenüber nicht zu schütteln. Schaut doch mal hin! Das Leben von Junah (7) und ihrer Mutter sieht nämlich sehr anders aus als dieses Klischee in Moll. «Anstrengend haben wir es auch», sagt die 41-Jährige. «Ziemlich sogar. Aber wer hat das nicht?» Doch verkorkst und grau sei in ihrem Leben nun wirklich gar nichts. Das heisst – doch! Tamara lacht: «Etwas ist wohl grau: Unsere beiden Ratten Balthasar und Pfötli». Pfötli liegt gerade in ihrem Riesenkäfig in einer himmelblauen Hängematte. Nicht mal die Ratte sieht deprimiert aus.

Mutter und Tochter auf dem Sofa

Zu Zweit ist auch schön: Tamara Lardori (41) mit Tochter Junah (7).

Hüten und arbeiten

Seit vier Jahren wohnen die Lardoris gemeinsam mit anderen Alleinerziehenden, 7 Frauen, 1 Mann mit einer etwas untypischeren Geschichte und zehn Kindern in einem Genossenschaftshaus in Zürich-Oerlikon. Jede Familie hat ihre eigene Wohnung; eine zusätzliche Wohnung ist angemietet für Mittagstisch und Kinderbetreuung, Hausaufgaben erledigen und spielen. Einen halben bis einen Tag pro Woche hält sich jeder Erwachsene für «Gemeinschaftsdienst» frei. Das heisst: Mittagessen für die Kinder kochen, bei den Uffzgi helfen, Erkältungskinder, die nicht in die Schule können, mitbetreuen, Verabredungen organisieren, Tränen trocknen und putzen. Während eine hütet, gehen die anderen arbeiten.
Frauensolidarität, bei der es nicht um grosse Is mitten im Wort geht, sondern um – Überleben im Alltag. Um Organisation und Hilfe. Nüchtern durchdacht, liebevoll umgesetzt. Denn ausser einer ähnlichen Lebenssituation eint die Frauen, die hier leben, vor allem eines, die feste Überzeugung: Alleinerziehende sind keine Opfer, ihre Kinder keine Wracks.
Leben gelingt auf vielerlei Art. Dabei zeichnen Studien und Untersuchungen vermeintlich ein düsteres Bild: Ein-Eltern-Familien sind fünfmal häufiger von Armut betroffen als «vollständige» Familien. 40 Prozent der Alleinerziehenden haben keinen Job. Unter den sogenannten working poor, also Menschen, die zwar arbeiten, aber trotzdem nicht ohne Hilfe vom Amt über die Runden kommen, stellen sie mit 17,4 Prozent satt die grösste Gruppe. 14 von 100 Menschen, die eine Schuldenberatungsstelle aufsuchen, sind Mütter ohne Partner. Drei Mal höher liegt das Risiko für Alleinerziehende, an einer Depression zu erkranken, und ihre Kinder weisen, laut Unicef-Studie 2013, schon in der 4. Klasse deutliche Rückstände in Mathematik und Naturwissenschaften gegenüber Kindern aus sogenannt «kompletten» Familien auf. Daten zu alleinerziehenden Vätern gibt es bislang kaum, ihr Anteil liegt bei 10 Prozent, 1996 waren es 13 Prozent.
Bedrückende Zahlen und Wasser auf die Mühlen aller Küchenpsychologen. Scheinbar. Denn werden die Studien um den Faktor «Armut» bereinigt, werden also nicht Kinder aus «heilen» und Kinder aus «zerrütteten » Verhältnissen miteinander verglichen, sondern Kinder aus Haushalten mit ähnlichem Einkommen, dann werden – siehe da – aus Trennungskindern kreuznormale Kinder. Mangelt es nicht am Geld, wie so oft, sind die Jungen und Mädchen nicht schlechter und nicht besser in der Schule als alle anderen, ihre Mütter zwar gestresster, aber ansonsten genauso glücklich und gesund wie Mamas, für die das Leben keine One-Woman-Show ist.

Kinder spielen vor dem Haus

Eine Insel der Seligen ist auch das Gemeinschaftshaus nicht. Aber wer möchte schon auf so einer langweiligen Insel wohnen?

Effizient, bitte!

Das Hauptproblem ist also offenbar nicht das Alleinerziehen, sondern das Alleingelassenwerden mit Problemen. Und genau deshalb nahmen sich vor 19 Jahren die vier Gründungsfrauen vom Verein «Goldregen» Goethes hübschen Satz zu Herzen: «Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, lässt sich etwas Schönes bauen.»
«Dass vier Mütter auf einem Spielplatz sitzen müssen, um vier Kinder beim Rutschen und Buddeln zu beaufsichtigen und vier Mütter mittags daheim sein müssen, um vier Kindern Spaghetti zu kochen, schien uns nicht besonders effizient», lacht Mitgründerin und Informatikerin Andrea Fritz (56). Ihre Kinder sind inzwischen gross und aus dem Haus. In der Gemeinschaft lebt sie nur noch, weil sie es mag und solange die anderen nicht finden, da brauche jemand anderes den Platz dringender. So suchten sie damals ein bezahlbares Haus, fanden die sozial engagierte Genossenschaft, gründeten den Verein «Goldregen» und machten sich ihre Grossfamilie einfach selber: samt Sicherheitsnetz für Windpocken, wechselseitige Haustierpflege, Einmaleinsabfragen und Herzausschütten. Wussten doch alle vier aus eigener Erfahrung, dass jemand, der gleichzeitig die Brötchen für die Familie verdienen und die Brötchen fürs Znüni schmieren muss, ein bisschen viel Verantwortung auf nur zwei Schultern schleppt. Das zweite zuständige Paar Schultern verschwindet aus unterschiedlichen Gründen oft genauso wie die Liebe und die Träume von gemeinsamem Eigenheim, Familienfesten und Goldhochzeit. Bei 40 Prozent der Väter versandet nach einer Trennung im Laufe der Zeit auch der Kontakt zu den Kindern, lediglich 37,2 Prozent sehen ihr Kind mindestens einmal die Woche.

Manche werden richtig frech, wenn da kein Mann im Hintergrund ist.

Grosse Liebe, tolles Kind

Tamara Lardori war von Anfang an allein zuständig. Junah hat ihren Vater nie kennengelernt. «Eine verwickelte Liebesgeschichte », erzählt Tamara. Er Berber, sie damals Filmstudentin auf Recherchereise in Marokko – eine lange romantische Liaison, aber aussichtslos. Vor zwei Jahren dann sein Tod bei einem Autounfall. «Und da wir nie verheiratet waren, habe ich auch keine Halbwaisenrente für Junah bekommen. » Die 41-Jährige blickt nachdenklich auf den marokkanischen Teppich an ihrer Wohnzimmerwand, die orientalischen Lämpchen und Junahs Bild von einem Schneemann im Zelt. Ob sie das Gefühl hat, in ihrem Leben etwas falsch gemacht zu haben? Nein. Schule, Studium in Berlin, viel Arbeit, grosse Liebe, wunderbares Kind. Was hätte daran falsch sein können? Gar nichts.

Kinder essen gemeinsam

Mittagstisch: Die Kinder des «Goldregenhauses» essen fast immer gemeinsam. Durch die Räume weht dann ein Hauch von Grossfamilie – und Gekicher.

Selbst wenn ihr Leben vom Tag der Geburt ihres Töchterchens über sie drüber gerollt ist. Noch während ihrer Zeit im Spital trat der Vermieter von der zugesagten Wohnung zurück, Alleinerziehende in seinem Haus, das war ihm irgendwie nicht mehr geheuer, die Aufenthaltsbewilligung für die in Winterthur geborene Italienerin verfiel durch ihre Berlin-Zeit, Ärger mit der Gemeinde, kein Geld und auch keine Aussicht, mit ihrem Beruf «Filmerin» und einem Baby etwas zu verdienen, Sozialhilfe, schlaflose Nächte, doofe Wohnung, Sackgasse.
«Es ist erstaunlich, was sich Leute einer Mutter ohne Mann gegenüber herausnehmen. Die Ratschläge, die Kommentare, die Unterstellungen…» Tamara Lardori wischt durch die Luft, eigentlich ist es ihr zu blöd von diesen «Ihr Namensschild an der Tür sollte nicht mit Kugelschreiber geschrieben sein» und «Muss ihr Fahrrad vor dem Haus stehen?»-Kommentaren zu erzählen. «Manche werden sogar richtig frech, wenn sie wissen, dass da kein Mann im Hintergrund ist. Gut, dass ich wenigstens meine Eltern hatte». Drei Jahre wurschtelte sie sich mit Junah so durch, bis sie eine Freundin im Goldregen-Haus besuchte und fand: «Da zieh ich auch ein!»
Plötzlich war die Miete bezahlbar, eine Weiterbildung als Erwachsenenbildnerin möglich, ihr Töchterchen betreut, während sie als Deutschlehrerin für Asylbewerber und in einem Zirkusprojekt arbeiten konnte. Happy End? Tamara Lardori grinst. Das wäre der Filmerin dann doch zu viel Hollywood-Kitsch. Dokumentarfilme liegen ihr ohnehin mehr. Denn wenn ihr die Wohnform auch einige Schwierigkeiten abnimmt, sieht ihr Leben deshalb dennoch nicht so aus, dass man bei einer Verfilmung Geigen und Weichzeichner bräuchte.

Nicht allein zu erziehen ist das Problem, sondern mit Problemen allein gelassen zu werden.

Mädchen hält eine Katze in den Armen

Beniz schmust mit der «Katze für alle».

Nach wie vor ist das Geld bei den Lardoris knapp, neue Patchwork-Partnerschaften arten durch Kind, Job, Eifersucht hier, Müdigkeit da, schnell in zusätzliche Anstrengung aus und auch in der Gemeinschaft ist nicht alles immer eitel Minne: Da gibts die Schwierigkeiten, wenn Frauen plötzlich hundert Prozent arbeiten wollen und nicht mehr fürs Kochen und Hüten zur Verfügung stehen, Diskussionen darüber, ab wann Hilfsbereitschaft, etwa beim abendlichen Babysitten, ins Ausnutzen kippt, Gezicke unter den Kindern. «Wir haben ganz normale Kräche, die gibt es halt, wenn Menschen nah zusammen leben und ...» Tamara kriegt ihren Satz nicht zu Ende. Die Tür fliegt auf. Junah schwatzt los – noch in Mütze und Jacke –, wie sie in der Schule diesen Kranz gebastelt hätten und für morgen noch so kleine Pappschachteln bräuchten und dann dieser freche Junge da auf dem Pausenhof, also …, draussen landen weitere acht Paar Schuhe mit Gepolter in der Ecke. Mittagszeit. Neun hungrige Kinder, eines ist heute auf Schulreise, sausen an den Tisch. Plappern, lachen, klauen schon vor dem ersten Schöpfen rohe Kohlrabi von den Gemüsetellern, jammern über viiiiiiel zu viele Uffzgi und versuchen, aus den Servietten Flieger zu falten.
Arme einsame Problemkinder von Alleinerziehenden? Gibts.
Hier allerdings nicht.

Auch lesenswert