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Alte Hand hält eine junge

Interview

«Sich der reifen Elternschaft bewusst sein»

Die Haltung «Anything goes» verströmt zwar einen modernen Anstrich, psychologisch aber ist nicht alles möglich, sagt die Generationenforscherin und Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello.

wir eltern: Frau Perrig-Chiello, das Durchschnittsalter von Eltern ist deutlich gestiegen. Gibt es eine Erklärung dafür?

Pasqualina Perrig-Chiello: Zunächst dauert die Ausbildung heute länger. Der Druck, sich beruflich zu verankern, hat sich auch auf Frauen erhöht. Zudem ist die Option «Familie» heute nur eine unter mehreren. Mit der Pille wurde Elternschaft planbar – man kann sie auch auf später verlegen. In der Schweiz spielt aber auch die strukturelle Rücksichtslosigkeit gegenüber Familien eine Rolle: Kinder zu haben, ist angesichts der fehlenden Betreuungsplätze nicht wirklich attraktiv.

Die Medien berichten – oft anerkennend – von 70-jährigen Promidaddys und weiblichen Hollywoodstars, die dank Fortpflanzungsmedizin und Leihmutterschaft (nochmals) Eltern werden.

Späte Kinder gab es immer. Ein neueres Phänomen hingegen ist das späte Erstkind, und vor allem im Trend liegt die Gründung einer Zweitfamilie – insbesondere bei Männern. Damit wird der Anschein erweckt, dass in einer modernen Gesellschaft «alles möglich» sei. Wenn ich mit 80 Vater werden will – so what! Psychologisch aber ist mitnichten alles möglich. Alles was «ausserhalb der Zeit» liegt, ist heikel. Wir wissen aus psychologischer Perspektive, dass Kinder mit ganz jungen oder sehr späten Eltern mit grösseren Risiken aufwachsen.

Aber Eltern, egal welchen Alters, sind doch für das Kind immer die geliebten und bewunderten Beschützer?

Das stimmt. Ungefähr ab dem Kindergartenalter jedoch beginnt die Erkenntnis, dass der eigene Papa, die eigene Mama im Vergleich mit anderen Eltern anders, eben älter sind. Entwicklungspsychologisch gesehen spielen soziale Vergleiche bei Kindern eine grosse Rolle. Kinder wollen zur Gruppe dazugehören, nicht auffallen. Wenn ein Kind realisiert, dass der Vater eher wie der Opa der anderen Kinder aussieht, entsteht unweigerlich ein Andersartigkeitsgefühl.

Ist das so schlimm?

Nicht, wenn die Eltern das mit dem Kind besprechen. Jedoch kommen andere Aspekte hinzu: Ältere Eltern sind generell ängstlicher und weniger spontan, sie haben selten die Unvoreingenommenheit jüngerer Eltern. Die Überbehütung, die in zahlreichen Studien nachgewiesen wurde, birgt die Gefahr, dass späte Erstkinder die Welt nicht explorieren wie andere Kinder, dass sie nicht im gleichen Ausmass unbelastet Erfahrungen sammeln können. Die Angst der Eltern überträgt sich auf die Kinder. Diese spüren das und verhalten sich entsprechend vorsichtiger.

Das späte Kind ist oft ein Projekt, in das viel investiert wird.

Zweitehekinder machen den grössten Teil Spätgeborener aus. Die Wahrscheinlichkeit, als Kind oder Jugendlicher den alten Vater zu verlieren, erhöht sich. Was macht dies mit der Psyche eines jungen Menschen?

Späte Kinder betrachten alte Eltern stets mit einer gewissen Sorge. Sie leiden zumeist unter Verlustängsten – eine Urangst, die geliebte Bezugsperson zu verlieren. Wenn immer nur von Krankheit die Rede ist und der Papa ständig zum Arzt muss, zählt ein Kind eins und eins zusammen. Je älter die Kinder werden, desto besser realisieren sie das Altern des Elternteils mit all den möglichen negativen Folgen wie etwa eine demenzielle Entwicklung – das ist belastend.

Was ist mit späten Müttern?

Es gibt einen Unterschied zwischen geplant oder ungeplant späten Müttern. Früher kamen die Kinder ungefragt. Ältere Mütter waren routiniert, das Kind wuchs mit Geschwistern auf. Für heutige späte Mütter ist das Kind oft ein Projekt, in das sie viel investieren. Das späte Kind bleibt häufig ein Einzelkind und leider allzu oft ein Selbstrealisierungsvehikel, von dem man sich sehr viel erhofft. Das sind schwierige Lebensaufgaben, die man einem kleinen Menschen mitgibt.

Wo Schatten ist, ist auch Licht: Welches sind die Vorteile reifer Eltern?

Späte Kinder sind meist gewollt. Der sozioökonomische Status der Eltern ist im Durchschnitt höher und sie haben Lebenserfahrung, was in vielerlei Hinsicht von Vorteil ist. Viele sind sich auch der eher kritischen Seiten reifer Elternschaft bewusst und handeln entsprechend im Interesse des Kindes.

Was können späte Eltern denn für ihre Kinder tun?

Damit das Kind nicht immer im Fokus steht und im Kindergarten das kleine Prinzesslein abgibt, sollte man es möglichst früh in soziale Gruppen einbinden. Kontraproduktiv ist das frühe Verplanen des Kindes in allerlei Einzelförderungslektionen. Späte Eltern sollten zudem versuchen, nicht gekränkt zu reagieren, wenn dumme Bemerkungen fallen, sondern eher eine selbstbewusst-gelassene Haltung einnehmen. Unabdingbar ist es zudem, Fragen und unbedachte Sprüche aus dem Umkreis nicht zu verdrängen oder zu bagatellisieren, sondern mit dem Kind ruhig zu besprechen.

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Der Trend zu später Elternschaft hält an. Was vielleicht die Eltern glücklich macht, kann den späten Kindern eine Last aufbürden. Die Schattenseiten eines Phänomens.

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