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Karriere / Unternehmenskultur

«Profifussballer arbeiten nur selten im Homeoffice»

Familie mit Kind und Computer

Ökonomieprofessor Tim Weitzel über die neue Familienfreundlichkeit in Unternehmen, die Vor- und Nachteile der Heimarbeit und heutige Ansprüche junger Arbeitnehmerinnen.

wir eltern: Herr Professor Weitzel, was ist mit den Unternehmen los? Neuerdings spriessen familienfreundliche Arbeitszeitmodelle aus dem Boden wie Löwenzahn auf einer gedüngten Wiese. Ist die Wirtschaft plötzlich weichgespült?

Tim Weitzel: Ach was. Die zentrale Frage einer Firma ist nach wie vor: Was rechnet sich? Da muss man gar nicht politisch korrekt aneinander vorbeireden. Unternehmen bezahlen ja niemanden dafür, dass er oder sie Kinder hat. Geld gibts für Arbeit. Ökonomisch ist interessant: Wie kriege ich für mein Unternehmen die besten Mitarbeiter und wie besetze ich die freien Stellen?

Die derzeitige Arbeitsmarktlage spielt also Familien in die Hände?

Kommt drauf an in welcher Sparte. Für Soziologinnen und Soziologen sieht es wahrscheinlich anders aus als für Ingenieure und IT-Leute. Aber beispielsweise in der Computerbranche ist es so, dass die Unternehmen an potenzielle Arbeitnehmer Bewerbungsmäppchen verteilen und nicht andersherum. Überhaupt ist die IT-Branche für uns Wissenschaftler hochinteressant, eine Art Kristallkugel. Was dort heute abläuft, läuft morgen überall ab.

Dann lassen Sie uns mit in die Kristallkugel sehen.

_In den Bewerbungsgesprächen dieses Bereiches ist spürbar – was sich übrigens auch mit Studien deckt: Jungen Arbeitnehmern ist das Gehalt zwar schon wichtig, aber am allerwichtigsten sind ihnen Inhalte und Arbeitszeiten. Also flexibles Arbeiten, Homeoffice, vielleicht ein Sabbatical, das alles. Dieses Japanmässige, was in den 80ern noch angesagt war, dass man am besten gleich im Büro schläft, hat sich überlebt. Diese Präsenz- Leistungsauffassung wird seltener. Allerdings ist Flexibilität in der Computerbranche einfacher. Alle Branchen über einen Kamm zu scheren, macht keinen Sinn.

Wie meinen Sie das?

Der Ausgangspunkt kann ja nicht die Frage sein: Was findet ein Arbeitnehmer schön? Sondern: Was ist das Beste für die anstehenden Aufgaben? Was erfordert die Arbeit? Homeoffice beispielsweise ist in vielen Branchen möglich, aber längst nicht in allen. Ich habe noch nie von einem Profifussballer gehört, der im Homeoffice arbeiten wollte. Auch die räumliche Entkopplung bei einer Kellnerin wird schwierig. In manchen Branchen dagegen kann Homeoffice von Vorteil sein: Die zeitraubende Pendelzeit fällt weg. Und in manchen Studien heisst es, daheim würde 2 bis 3 Stunden mehr gearbeitet. Trotz des geflügelten Wortes «homeoffice is no office». Ausserdem gibt es Erhebungen, die belegen, dass am Arbeitsplatz täglich 45 bis 60 Minuten versickern: durch Plaudern am Kaffeeautomaten oder anderes. Allerdings entstehen beim Flurfunk auch Ideen, der soziale Zusammenhalt wird gestärkt und ein gewisses Konfliktpotenzial fällt weg.

Konflikt? Wieso, wenn zum Teil friedlich zu Hause gearbeitet wird?

Die daheim verdächtigen die im Büro, miteinander zu schwatzen und die im Büro stellen die daheim generell unter Urlaubsverdacht. Es gibt also auch Nachteile.

Welche Modelle halten Sie persönlich für Unternehmen und Arbeitnehmer gleichermassen für am besten?

«Das» unschlagbare Modell gibt es nicht. Sehen Sie, ich arbeite – behaupte ich – mit dem besten halben Prozent der Wissenschaftler zusammen. Meine Mitarbeiter sind hochmotiviert, denen muss ich gar nichts vorschreiben. Die arbeiten, wann sie wollen. Manchmal um Mitternacht mit einer Pizza auf dem Schreibtisch. Wie gesagt, alle Modelle müssen zur Aufgabe passen. Genauso wie es töricht wäre, irgendwo eine Angel ins Wasser zu hängen und anzunehmen, man finge zufällig einen seltenen Südseefisch. Um Erfolg zu haben, ist es notwendig, gezielt vorzugehen, speziell Zugeschnittenes im Angebot zu haben. Internationale Unternehmen profitieren beispielsweise, wenn mobil, flexibel an unterschiedlichen Orten der Welt, gegebenenfalls rund um die Uhr, gearbeitet wird. Skype machts möglich. Und trotzdem wäre es zuweilen besser, die Leute träfen sich ab und zu an einem gemeinsamen Tisch, um sich besser kennenzulernen und besser zu verstehen ...

Und wohin geht die Reise in Sachen Arbeit und familienfreundliche Arbeitszeitmodelle?

Da bin ich selbst gespannt. Manche Ideen diesbezüglich sind sicherlich in ein paar Jahren an die Wand gefahren. Welche, weiss ich noch nicht. Klar ist: In 10 bis 15 Jahren wird die Arbeitswelt völlig anders aussehen als heute. Die Entwicklungen laufen rasant. Vorstellungen – etwa was das Rollenverständnis von Männern und Frauen anbelangt – ändern sich ebenfalls, aber weniger schnell. Vor ein paar Jahren war es in Deutschland noch undenkbar, dass ein Vater in Elternurlaub geht. Heute ist es dagegen untragbar, wenn er gar keine Auszeit nimmt. Aber mehr als acht Wochen ist wiederum noch unvorstellbar. Wir werden sehen, wohin die Reise geht. Ich bin neugierig.


Professor Tim Weitzel forscht an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg zu den aktuellen Trends und Innovationen in der modernen Personalbeschaffung von Unternehmen sowie zur Bewerbungspraxis.

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