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Interview

Die Traumen der Kindheit heilen

Teddy auf einem Parkettboden

Die Entwicklungspsychologin Aletha Solter erklärt, wieso wir nicht unsere schwierigen Kinder zum Therapeuten bringen sollten, sondern besser selber hin gehen.

wir eltern: Lautstark weinende Babys oder tobende Kleinkinder bringen uns an unsere Grenzen. Wieso das?

Aletha Solter: Das beruht auf einer einfachen Wechselwirkung: Haben wir Schwierigkeiten, unsere eigenen Gefühle zu akzeptieren, ist es auch schwierig, die starken Gefühle der Kinder auszuhalten. Kinder triggern immer unsere eigene Kindheit und die grossen und kleinen Verletzungen, die wir erlitten haben. Das kann ein einzelnes traumatisches Ereignis gewesen sein, oft aber einfach das alltägliche Übergehen unserer wirklichen Bedürfnisse. Wenn wir damals unsere Gefühle unterdrücken mussten, reagieren wir jetzt auf die herausfordernden Situationen erneut mit Ablehnung.

Was können wir tun?

Viele Eltern, die meine Bücher lesen oder meine Kurse besuchen, beginnen danach eine Beratung. Um den emotionalen Bedürfnissen der Kinder zu begegnen, müssen wir möglichst frei sei von Belastung, wir müssen unsere alten Kindheitswunden heilen. Das geschieht meist ‹unterwegs›, das heisst wir entwickeln uns mit unseren Kindern. Das passiert übrigens sowieso, auch wenn man meine Bücher nicht liest.

Statt unsere Kinder zum Therapeuten zu bringen, sollten wir also selber hingehen?

Ja, das macht es viel einfacher. Es ist schwierig, unseren Kindern etwas zu geben, das wir selbst nicht bekommen haben. Wenn Kinder etwas tun, was wir nicht wollen, reagieren wir automatisch so, wie unsere Eltern reagiert haben. Oder tun das genaue Gegenteil. In einer angespannten Situation ist es kaum möglich, rational zu denken und zu überlegen, was das Kind wirklich braucht.

Welche Art von Beratung macht Sinn?

Reden ist gut, es hilft uns, die Dinge in der Perspektive zu sehen. Aber wir müssen auch weinen dürfen; Gefühle wie Angst und Wut wollen in einem sicheren Umfeld, wo wir niemanden verletzen können, körperlich ausgedrückt werden. Oftmals sind wir gehemmt und es passiert nicht so einfach. Wir brauchen also Unterstützung.

Wie war das bei Ihnen?

Ich hatte einen Vater, der Lärm nicht ertrug, sehr zornig wurde und uns Kinder bestrafte. Zudem musste ich mit fünf ins Spital und niemand durfte mich besuchen, sodass ich als junge Erwachsene grosse Angst hatte, von den Menschen, die ich liebte, verlassen zu werden. In der Therapie wurde mir klar, dass Traumen bereits während der Kindheit geheilt werden können, was es dann später im Leben einfacher macht.

In Ihrem neuesten Buch «Spielen schafft Nähe – Nähe löst Konflikte» beschreiben Sie die heilsame Wirkung von Rollen- oder Machtumkehrspielen. Wie geht das und in welchen Situationen hilft spielen?

Kinder fangen diese Spiele oft spontan an. Wenn uns ein Kind haut, können wir es zu einer Kissenschlacht einladen, bei der wir ihm die Möglichkeit geben, sich überlegen zu fühlen. Wir lassen uns mit dem Kissen schlagen und schreien jedes Mal theatralisch auf. Spielen und Lachen baut Spannungen oder Aggressionen genauso ab wie Weinen und Toben. Hat das Kind genug, wird es zum nächsten Spiel übergehen. Sein Ärger ist weg, es will uns nicht mehr hauen.

Was, wenn es bereits spät ist? Ein Spiel ist dann wohl nicht angebracht?

Falsch, wenn Kinder nichts ins Bett wollen, gibt es sehr wohl geeignete Spiele, aber nicht unbedingt aktive. Meine Tochter war sehr kreativ und ich realisierte, wie wichtig das Spiel für sie war. Wenn wir merken, wie zufrieden die Kinder hinterher sind, werden wir vielleicht in Zukunft den Zubettgeh-Prozess früher beginnen, damit Zeit fürs Spiel bleibt. Vertrauen wir den Kindern, sie wissen, was sie brauchen.

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