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Aus dem Vaterland

«Ich bin erwachsen, du nicht»

Junge imitiert seinen Vater und schaut zu ihm auf

Muss man als Vater sein Bier versteckt und mit einer Papiertüte umhüllt trinken? Slampoet und Kabarettist Simon Chen denkt über die Vorbildfunktion von Eltern nach.

«Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach» - das hat Karl Valentin einst sehr treffend gesagt. Jegliche Erziehung führt ins Leere, wenn wir Eltern nicht mit gutem Beispiel vorangehen. Vorbild und Nachahmung ist nicht weniger als Ursache und Wirkung. Genau das ist das Anstrengende an der Erziehung. Man hat sich über Jahre und Jahrzehnte gewisse Gewohnheiten angeeignet, hat sie liebgewonnen. Und kaum ist der Nachwuchs da, ist Schluss damit, und man soll auf einmal Vorbild sein. Man heisst Fabian auf der Welt willkommen und muss sich dafür vom Schlendrian verabschieden. Das ist schon viel verlangt!

Aber es ist so: Wenn ich am Mittagstisch meine Kinder mit vollem Mund ermahne, anständig zu essen, ist das etwa so glaubwürdig wie ein Wasser predigender, aber Wein trinkender Pfarrer. Die Zurechtweisung «Säg nid immer Scheisse, gopfvertamminomol!» dürfte ebenso ins Leere laufen. Wer sich selber in der Nase bohrt, kann schlecht anderen vorwerfen, das gehöre sich nicht. Ebenfalls schwierig ist es, deinem 5-Jährigen plausibel zu machen, warum er einen Velohelm tragen müsse, du selbst aber nicht («weisch, ich ha jetzt 40 Johr lang käne treit»…).

Ich möchte meine Kinder so lange wie möglich fernhalten von Computern und Smartphones. Sie sollen vorerst echte Sinneseindrücke sammeln, mit den Händen gestalten und nicht mit dem Handy. Den Umgang mit diesen Geräten lernen sie noch früh genug. Aber ich bin selbstständig und arbeite zu Hause, sitze also den lieben langen Tag vor dem Bildschirm, was die Kinder natürlich mitbekommen. Müsste ich mir ein externes Büro mieten, nur damit meine Medienerziehung besser greift? Muss ich extra nach draussen gehen, um eine SMS abzusetzen?

Nein, bei aller Vorbildfunktion, es muss auch gelten dürfen: Ich bin erwachsen, ich darf das – du bist ein Kind, du darfst das noch nicht. Der Computer ist mein Arbeitsgerät; der Schreinersohn darf ja auch nicht mit Vaters Kreissäge spielen. Die Menschen sind eben nicht alle gleich, vor allem wenn sie noch nicht ausgewachsen sind. Sonst dürften wir in Anwesenheit unserer Kinder nicht mehr Auto fahren und kein Bier mehr trinken oder nur noch scheinheilig wie die Amerikaner in einer Papiertüte versteckt (also nicht wir, sondern die Bierflasche…). Es ist natürlich nicht einfach, kleinen Menschen, die auf alles neugierig sind, den Unterschied zwischen Vorbildsein und altersabhängigen Rechten klar zu machen; sag mal einem Kind, man müsse differenzieren. Egal ob es sich um ein «Nein, ich machs ja auch nicht» handelt oder um ein «Nein, du bist noch zu klein dafür» – das Kind hört nur Nein. Ja, ständig Nein sagen zu müssen, ist dann das zweitanstrengendste in der Erziehung. Warum zum Teufel wollen Kinder immer das, was sie nicht dürfen?! Um uns nicht vollends unbeliebt zu machen, bedienen wir uns deshalb oft und gern der sehr beliebten Option namens Ausnahme. Jedes 10. Nein lautet «Uuusnahmswiis!». Doch zu viele Ausnahmen sind wie schlechte Vorbilder; sie haben zur Folge, dass man die Regeln nicht mehr ernst nimmt. Karl Valentin hatte Recht, das gute Beispiel bleibt die wirkungsvollste Methode der Erziehung und würde uns viele Neins ersparen. Und das Nachahmen beginnt schon früh. Als meine ältere Tochter etwa eins war, hat sie uns zeitungslesende Eltern imitiert, wie wir unsere Finger benetzten, um die Seiten umzublättern. Allerdings verteilte sie den Vorgang auf zwei Hände; den linken Zeigefinger schleckte sie ab, mit der rechten Hand blätterte sie. Immerhin macht sie den Fehler heute nicht beim Nasengrübeln.

Und ich hoffe, die Leute denken beim Anblick meiner popelnden und fluchenden Töchter nicht: Ganz der Papa!

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