Mutterglück mit 40
Immer mehr Frauen gebären ihr erstes Kind mit über 40. Ist das zu spät? Mitnichten. Mütter (und Väter) erzählen von ihrem Glück in reifen Jahren.

(Fotos: Tina Steinauer)
Genau genommen spielt Hollywood aber keine Vorreiterrolle – sondern spiegelt schlicht gesellschaftliche Veränderungen wider. Denn auch bei den Normalsterblichen kletterte im letzten Jahrzehnt – zumindest im Westen – das Durchschnittsalter der Mütter bei der Erstgeburt statistisch stets höher. 1998 bekamen noch rund 500 Frauen in der Schweiz zwischen 40 und 50 ihr erstes Baby, 2008 waren es bereits über 1100*. Sechs Frauen feierten die Geburt ihres Primus sogar nach ihrem 50. Geburtstag. Sie alle tragen massgeblich dazu bei, dem Mangel an Nachwuchs hierzulande entgegenzusteuern. Denn dank ihnen und den Müttern, die ihr zweites, drittes oder viertes Kind relativ spät gebaren, stieg die Geburtenzahl das erste Mal seit Jahren wieder auf 1,5 Kinder pro Frau. Die jungen Frauen unter 30 hingegen zaudern weiterhin: Bei ihnen blieb die Geburtenrate rückläufig.
Eines verbindet viele späte Mütter: Karriere und Kind sind ihnen gleichermassen wichtig. Und weil es lockerer geht, die berufliche Erfolgsleiter ohne schreiendes Baby und schwere Milchbrüste hochzuklettern, kommt eben zuerst die Ausbildung, dann der Job, die Weiterbildung und die Beförderung. Erst wenn die ersten Fältchen um die Augen sichtbar werden und die Haare langsam grau werden, gemahnt eine lauter werdende Stimme, dass nicht mehr ewig Zeit bleibt für das Kinderkriegen. Multioptionsgesellschaft hin oder her: Die Biologie hinkt den sozialen Umwälzungen hinterher. Austricksen lässt sich der biologische Masterplan jedoch nur schwer. Denn trotz grosser Fortschritte in der Reproduktionsmedizin wird der Körper der Frauen auch in 100 Jahren noch darauf programmiert sein, zwischen 20 und 30 Jahren die fruchtbarsten Eizellen zu produzieren. Danach sinkt die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, exponentiell. Bei einer 30-Jährigen dauert es durchschnittlich vier Monate, bis es einschlägt. Im Alter von 35 Jahren wartet sie sieben bis acht Monate und mit 42 bereits volle zwei Jahre.
Nur mit dem «Richtigen»
Natürlich ist es längst nicht immer die Karriere, die die Geburt des ersten Kindes zur Lebensmitte hin verschiebt. Viele Paare quälen sich jahrelang durch fortpflanzungsmedizinische Praxen – um in reiferem Alter den schon aufgegebenen Kinderwunsch doch noch erfüllt zu sehen. Andere Frauen leben ein halbes Leben lang mit der Diagnose «unfruchtbar», um kurz vor der Menopause folgenreich zu erfahren, dass die Ärzte sich geirrt hatten.
Nicht nur die Pille, auch das moderne Paarfindungsverhalten verzögert heute eine frühe Schwangerschaft. Denn die gegenseitigen Ansprüche sind hoch, und bis «der Richtige» und «die Richtige» endlich aufeinander treffen, fliesst viel Wasser die Flüsse hinunter. Beginnt bei der reifen Mama das Bäuchlein dann doch zu wachsen, stehen die Skeptiker schnell auf der Matte. Selbst das persönliche Umfeld reagiert häufig zurückhaltend auf Spätgebärende. Zuvor mussten sie sich womöglich jahrelang die verdruckste Frage stellen lassen: «Willst du kein Kind oder klappt es nicht?» Nun heisst es plötzlich: «Ist das denn vernünftig, in deinem Alter noch ein Kind zu kriegen?» Und Soziologen hantieren im Zusammenhang mit späten Eltern sogar mit dem despektierlichen Begriff «Ruhestandsfamilien». Nein, so richtig mitgefeiert wird nicht mit den Müttern, die nach der biologischen Uhr schon Grossmütter sein könnten.
Bei der ersten gynäkologischen Untersuchung sehen sich die reifen Mütter umgehend in die Schublade «Risikoschwangere» gesteckt. Für viele Frauen beginnt damit statt die gute Hoffnung das bange Warten. Häufig überschattet die Angst vor einer Behinderung die Vorfreude beträchtlich, insbesondere in den ersten Wochen. Tatsache ist: Ob jung oder alt, die meisten Behinderungen entstehen in der Schwangerschaft, verursacht durch Rauchen oder Alkohol, Infektionen, Toxoplasmose oder Mangelernährung. Einzig die Behinderungen durch Chromosomenanomalien sind bei älteren Müttern häufiger. Die Wahrscheinlichkeit für ein Kind mit Downsyndrom steigt zwischen dem 25. und dem 40. Lebensjahr von 1:1000 auf 1:100.
Das Alter des Vaters spielt eine Rolle
Auch Väter können sich heute nicht mehr ganz unbekümmert bis ins hohe Alter fortpflanzen. Denn auch bei ihnen steigt mit den Jahren das Risiko, dass ihr Nachwuchs genetisch bedingt erkrankt. So erhöht sich beispielsweise die Wahrscheinlichkeit, ein autistisches Kind zu bekommen, bis zum 50. Lebensjahr des Vaters von 6:10 000 auf 5:1000. Die Spermienqualität beim Mann nimmt generell ab, viele schwere körperliche Fehlbildungen aber werden gar nie bekannt, weil das Embryo nicht überlebt.
Hat sich das befruchtete Ei erst mal eingenistet, übernehmen natürlich die Frauen die «Risikostrecken» Schwangerschaft und Geburt. Normalerweise meistern die 40-plus-Mütter das bestens. Spricht man mit Geburtshelfern über den Geburtsverlauf von reifen Frauen, sind sich alle einig: Bei den 40-Jährigen entspricht die Bandbreite an schwierigen oder einfachen Geburten derjenigen von 20-Jährigen. Zwar sind Störungen wie Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck und vorzeitige Wehen während der Schwangerschaft bei 40-Jährigen leicht erhöht, und der Beckenboden wird mit dem Alter etwas unelastischer. Das Geburtserlebnis an sich aber hängt bei Spätgebärenden vor allem davon ab, wie viele Kinder sie schon geboren haben und welche Persönlichkeit sie mitbringen: «Ältere Gebärende wollen es als Mutter speziell gut machen – und sind vielleicht etwas komplizierter als jüngere», sagt Brida von Castelberg, Chefärztin an der Frauenklinik Triemli in Zürich. Andererseits trage die Lebenserfahrung dazu bei, gelassener zu sein. Dazu gehört, dass ältere Mütter sich keineswegs häufiger für einen Wunschkaiserschnitt entscheiden. Im Gegenteil, sagt Brida von Castelberg, «das Geburtserlebnis wird im Alter wichtiger.»
Wie unterschiedlich späte Mütter Schwangerschaft und Geburt erleben, davon erzählen die folgenden Porträts. Eines haben sie gemeinsam: Alle stimmen sie zuversichtlich, dass es sich auch nach einem halben Leben ohne Kinder lohnt, noch einmal ein neues Kapitel aufzuschlagen.
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* Statistisch sind nur die verheirateten Frauen erfasst. Unverheiratete und im Konkubinat lebende Mütter fehlen in den Angaben. Quelle: Bundesamt für Statistik.

Therese Loder (47) und Robert Rieben (49)
Hormonbehandlung? Insemination? In-vitro-Fertilisation? «Nein!», lacht Therese Loder, «es ist einfach passiert!» Das rote Sommerkleid fällt locker über den 8-Monats-Bauch, die schwarzen Haare trägt sie hochgebunden – und nein, ihr Alter sieht man Therese wirklich nicht an! Therese Loder und ihr Mann Robert Rieben kennen sich seit 32 Jahren. Vor 12 Jahren entschied sich das Paar nach einer langen Ausbildungszeit im In- und Ausland eine Familie zu gründen. Die Kinder aber blieben aus. Therese konsultierte zwar eine Akupunkteurin und liess sich fortpflanzungsmedizinisch beraten, aber in eine «Spitalmaschinerie» zu gelangen, darauf verspürte sie keine Lust. «Wir sagten uns, entweder kommt ein Kind, oder dann halt nicht.» Therese nahm das Leben schon immer von der Sonnenseite. Als Psychomotoriktherapeutin, fand sie, sei sie ja sowieso von Kindern umgeben. Ausserdem hätten sie und ihr Mann sich beruflich und hobbymässig prima eingerichtet im Leben. Warum sich also den Kopf zermartern über etwas, was nicht so einfach zu ändern war. Der Monatszyklus wurde für Therese in den letzten Jahren deshalb zur Nebensache. So nebensächlich, dass ihr Anfang Jahr das Ausbleiben der Mens zunächst gar nicht auffiel. Erst als die alljährliche gynäkologische Untersuchung anstand und sie die letzte Periode hätte angeben müssen, begann sie zu überlegen. Ein Test beseitigte die Zweifel punkto Schwangerschaft zwar schlagartig, schuf aber umgehend neue, beklemmende Gefühle. Sie seien furchtbar «erchlüpft» über das Testergebnis, erzählt Therese. Und es kamen ganz viele Fragen auf: Sind wir nicht zu alt? Welches sind die Risiken für das Kind? Für mich als Mutter? Wollen wir grundsätzlich ein Kind? Wenn ja, muss es gesund sein? Das Paar besuchte eine Familienberatungsstelle, waren nachher aber eher noch verunsicherter. Auch ihre persönliche Pro-Kontra-Liste sprach tendenziell gegen ein Kind. Eine genetische Anamnese wiederum dafür, zumindest was den medizinischen Aspekt betraf. Neben Punktelisten und Analysen gab es aber auch Fragen, die nicht so schnell zu beantworten waren: Wie fühlt es sich denn an, in reifem Alter ein Kind zu bekommen? Ein neues Lebensprojekt zu starten? Hier half Therese ein langes Gespräch mit einer Hebamme, die vor 20 Jahren ebenfalls mit 47 Mutter wurde. Zumindest ein bisschen vom Enthusiasmus übertrug sich auf Therese. Und auf einer Wanderung im Nieselregen um den Wohlensee entschied sich das Paar, den nächsten Schritt zu wagen und eine Chorionzotenbiopsie zu machen. Dabei blieben sie pragmatisch. «Für ein Kind mit einer schweren Behinderung hätten wir schlicht nicht mehr genug lange sorgen können.» Alles in Ordnung!, hiess es zum Glück nach dem Test. Und endlich konnten Therese und ihr Mann den riesigen Freundes- und Familienkreis informieren. Die einen fielen Therese wortlos um den Hals, die andern verstanden den Wink nicht, als sie von den «Velotouren zu dritt» schwärmte, die sie bald unternehmen würden. Mittlerweile überwiegt bei Therese freudige Zuversicht die anfängliche Skepsis. Denn auf das Kind warten lebenslustige, gut gebildete und finanziell abgesicherte Eltern. Götti und Gotte stehen auch schon in den Startlöchern – sie sind eine Generation jünger als die Eltern. «Sicher ist sicher!», lacht Therese.
Darinka Zufic (48) mit Leora (3)
«Jetzt schon in der Menopause?», fragte sich Darinka Zufic,
als mit 44 die Regel ausblieb. Auf Empfehlung einer Freundin machte
sie doch noch einen Schwangerschaftstest. Da war sie bereits
in der 10. Woche schwanger. Beziehungen seien nicht ihre Stärke,
sagt Darinka von sich selbst. Längere Partnerschaften hatte sie
eigentlich nie. Und die Kinderfrage war für sie auf jeden Fall an den
richtigen Partner geknüpft. Doch der kam nie. Weil sie mit ihrem
Leben zufrieden war und sich in ihrem Beruf als Physiotherapeutin
immer weiterentwickelte, plagte sie die Angst vorm Stillstand der
biologischen Uhr nicht besonders. Mutter sein als Selbstzweck war
nicht ihr Ding. Als Darinka sich mit 40 in einen Künstler verliebte,
der mal in Frankreich, mal in Portugal lebt, wusste sie, dass es auch
mit ihm nichts Ernstes werden konnte. Zu unterschiedlich sind
ihre Lebensstile und Auffassungen. Trotzdem: Die Liebe lässt sich
durch rationale Überlegungen nicht vertreiben, und darum
mochte Darinka den Künstler nicht einfach abweisen. Verhütung war
für sie kein Thema, denn wer wird schon mit 44 schwanger. Es
gibt ja genug Frauen, und zwar einiges jünger als sie, die lange um
ein Kind ringen. Sie fühlte sich ganz einfach durch ihr Alter geschützt.
Basta! Und dann blieb ihre Regel aus. Während andere
Frauen sofort einen Schwangerschaftstest gemacht hätten,
kam Darinka gar nicht auf die Idee, sie könnte ein Kind erwarten.
Spät erst kaufte sie doch so ein Ding, das schnell mal mit
einem kleinen Strichlein Auskunft darüber gibt, ob das Leben eine
komplett neue Richtung nimmt. Das Resultat hätte eindeutiger
nicht sein können. Trotzdem hatte sie weder Jubelgefühle noch
Panik. Eher sachlich habe sie sich in dem Moment gefragt:
Okay, jetzt bist du schwanger – und jetzt? Von Anfang an würde sie
eine allein erziehende Mutter sein, überlegte sich Darinka.
Keine besonders erfreuliche Vorstellung. Ausserdem hatte sie erst
vor Kurzem mit einem Kollegen eine eigene grosse Praxis eröffnet.
Das Geld für Miete und Angestellte musste erwirtschaftet
werden. Ihre ganze Situation hat sie sich vor Augen geführt,
sich ausgemalt, was eine Zukunft mit Kind für sie heissen würde.
Doch eigentlich war Darinka von Anfang an klar: Ich möchte
das Kind behalten. Die Schwangerschaft verlief ohne Komplikationen,
obwohl man ihr bei der ersten ärztlichen Untersuchung
bereits sagte, mit 44 sei sie mehr als eine Risikoschwangere. Zur
Geburt nahm sie zwei Freundinnen mit. Eine reine Frauensache war das, erzählt sie. Der Vater des Kindes weilte halt gerade
irgendwo und hatte keine Ahnung, wann sein Kind zur Welt
kommt. Sie brachte eine gesunde Tochter zur Welt, ihre Leora.
Dafür ist Darinka dankbar. Heute ist das Mädchen drei Jahre
alt, die Mutter 48. Die beiden sind ein Herz und eine Seele. Auch
wenn ihr Leben heute mit Beruf und Kind tatsächlich anstrengender
ist – ihre Tochter empfindet sie als Geschenk. Und wie geht
sie mit dem Stempel «alte » Mutter um, wie fühlt es sich an,
mit knapp 50 ein Kleinkind
nicht als Grossmutter, sondern als Mutter
auf den Spielplatz zu begleiten? Kein Problem, findet Darinka.
Sie fühlt sich fit und mitten im Leben, hat keinen Grund, sich alt zu
fühlen. Negative Reaktionen
von jüngeren Müttern hat sie nie
erlebt. Wirklich unangenehm empfindet sie ihren Status als Alleinerziehende.
Bei den Eltern von Leoras Krippengschpänli ist sie
die einzige ohne Partner. Und das bekomme sie immer wieder zu
spüren, viel mehr als ihr Alter.
Regina Kesselring

Henriette Eppenberger (43) und Christian Röger (49) mit Malin (3)
Mitten in der hellen und luftig eingerichteten Wohnung steht ein Cross-Trainer – das untrügliche Zeichen eines Powerpaars, das trotz anspruchvollem Job und Kind noch Zeit findet, sich körperlich fit zu halten. «Irrtum!», lacht Henriette und schüttelt ihre Mähne, «das Gerät ist doch völlig verwaist!» Neben dem 80-Prozent-Job, der kleinen Malin, Paarpflege und Haushalt bleibe wirklich kaum mehr Musse, auch noch dem Bauch-Beine-Po-Progamm zu frönen. Dennoch wirkt die 43-Jährige alles andere als schlapp. Quirlig erzählt sie, wie selbst die Frauenärztin ihr während der Schwangerschaft zureden musste, zwischendurch mal ein paar Tage zu Hause zu bleiben, statt stets in der Gegend rumzurennen. Der harte Bauch war ein untrügliches Zeichen dafür, dass Henriette sich etwas übernommen hatte. Ansonsten aber fühlte sie sich pudelwohl. Nach der Chorionzottenbiopsie in der 11. Woche hatte sie auch allen Grund dazu: Das Kind war gesund. Wie meist bei beruflich ambitionierten Frauen, war auch bei Henriette das Thema «Kinder» vor zehn Jahren noch kein Thema. Ihr Job als Delegierte beim IKRK und später in der internationalen Friedensförderung beim EDA gefiel ihr, sie mochte es, rund um den Globus zu reisen. Zwar sah sich Henriette schon immer irgendwie als Familientier. Der Wunsch nach Kindern lag ihrer Lebensvorstellung aber mehr als vages Wasserzeichen zugrunde. Und sie ging selbstverständlich davon aus, dass der damalige Partner sich schon irgendwann überreden lassen würde, mit ihr Kinder zu zeugen. Sie täuschte sich.Nach der Trennung wurde sie so richtig gewahr, dass der Familienzug eigentlich abgefahren war. Zumal die Ärzte bei ihr wegen einer früheren Schilddrüsenerkrankung Hormonprobleme diagnostizierten. Eine Therapie half ihr sogar, den Kinderwunsch abzuhaken. Aber es kam nochmals alles anders. Als Henriette mit fast 40 Jahren Christian kennenlernte, rauschten die Hormone offensichtlich so verschwenderisch durch ihren Körper, dass sie nach drei Monaten schwanger war. Trotz Riesenfreude – ein bisschen schnell ging das doch. Denn was andere Paare oft in jahrelanger «Vorarbeit» planen und besprechen können, wurde für Christian und Henriette Knall auf Fall zur Realität. Und momentweise auch zur Belastungsprobe. Denn Menschen um die 40 hätten sich meist schon ziemlich bequem eingerichtet in ihrem kinderlosen Leben, sagt Henriette. Ein Kind mischt alles auf, zwingt dazu, die Karten neu zu verteilen und über Vorstellungen vom «richtigen» Familienleben zu verhandeln. Als Christian seiner Frau zu Beginn der Schwangerschaft nahelegte, ihre Arbeit aufzugeben und die ersten zwei Jahre ganz fürs Baby dazusein, fiel sie aus allen Wolken: «Das kam überhaupt nicht in Frage; ich hätte das Kind allein aufgezogen, hätte er nicht eingelenkt!» Das war nicht nötig. Pragmatisch und kooperativ haben beide ihr Arbeitspensum etwas reduziert, Malin geht vier Tage pro Woche in die Krippe. Dort gefällt es ihr bestens. Und bestimmt werde ihr später in der Schule nicht dasselbe widerfahren wie Henriette als Kind. Damals fragte man sie, weshalb ihre Mutter denn so «alt» sei. Bei Malin in der Krippe liegen Henriette und Christian im Altersdurchschnitt. Aber ganz hypothetisch: Wie wäre es gewesen, viel früher ein Kind zu kriegen? «Da wäre ich niemals so ausgeglichen und gefestigt gewesen wie heute!», sagt Henriette. Auch finanziell lasse sich jetzt sicher unbeschwerter leben. «Andererseits», schiebt sie mit leichtem Bedauern nach, «hätte sich der Wunsch nach einer grösseren Familie wohl erfüllen lassen.» Die Dinge schönreden will Henriette nicht. «Ein Kind aufzuziehen fordert von Eltern sowieso alles ab, egal, wie alt sie sind.» Schlaflose Nächte hätte sie früher wohl einfacher weggesteckt, sagt Henriette. Da Malin aber von Anfang an ein Kind mit sprichwörtlichem Babyschlaf war, konnte das Paar den Lackmustest jeder Elternschaft ein Stück weit umschiffen. Bald reist Henriette wieder für eine Woche nach Asien, um für das EDA neue Projekte zu eruieren. Malin wird ihrem Papa auf der Weltkarte in ihrem Zimmer dann wieder genau den Punkt zeigen, wo Mama gerade steckt.

Anita (48) und Jürg Rykart (41) mit Julia (6)
Anita Rykart entschied sich ganz bewusst, spät Mutter zu werden. Zum einen liebte sie ihren Beruf über alles, mit dem KV-Abschluss im Sack standen ihr auch viele Türen offen. Zum andern wollte sie unbedingt immer ein Bein im Berufsleben behalten. Sie kannte genug Frauen in ihrem persönlichen Umfeld, die sich nach jahrelanger Abwesenheit vom Arbeitsmarkt und nach einer Scheidung trotz guter Qualifikationen als Putzfrau durchschlagen mussten. Ein solches Schicksal wollte Anita sich ersparen. Das war ein leichtes mit Jürg, denn er war ja sowieso noch ein paar Jahre jünger als sie und damit beschäftigt, in der Verlagsbranche die Karriereleiter hochzuklettern. Zusammen bauten sie ein Haus und lebten zehn Jahre zufrieden mit sich und dem Leben darin. Ohne Nachwuchs. Die Umwelt, sagt Jürg, habe das manchmal mit einem gewissen Mitleid registriert: «In den Köpfen ist die Vorstellung Heirat – Haus – Kind stark zementiert und es scheint nicht ins Bild zu passen, ganz bewusst spät oder überhaupt nicht Eltern zu werden.» Um den 41. Geburtstag von Anita herum wurde dennoch beiden gewahr, dass es eigentlich toll wäre, doch noch einen Knirps daheim herumwuseln zu sehen.Kaum entschieden, wurde Anita schwanger. Eine Risikoschwangere, wie ihr die Frauenärztin umgehend klarmachte. Anita aber liess sich nicht einschüchtern: Ja, sie würde zwar eine Fruchtwasserpunktion durchführen lassen. Aber verrückt werden darüber, was alles nicht in Ordnung sein könnte mit dem Kind, das wollte sie nicht. Als viel beschäftigte Berufsfrau im Bildungsbereich fehlte ihr die Zeit zum Grübeln sowieso. So sehr, dass sie auch kaum dazukam, den wachsenden Bauch in der Umgebung spazieren zu führen. Als die Nachbarn die in der 35. Woche geborene Julia das erste Mal sahen, gratulierten sie Anita und Jürg. Zur Adoption. Sie hatten ebenso wenig von der Schwangerschaft mitbekommen wie der Metzger, der die frischgebackene Mutter nach der Geburt fragte, wessen Baby sie denn heute hüte. Mittlerweile ist Julia nicht mehr zu übersehen mit ihren blonden Locken und der ungestümen Neugier. Konzentriert sitzt sie jetzt am Tisch und zeichnet: ein Haus, sich selber und einen wuscheligen Hund. Diesen wünscht sie bald in echt zu erhalten.
Nach der Geburt von Julia wollten sich Jürg und Anita weiterhin auf ihre beruflichen Laufbahnen konzentrieren – ihre Tochter in eine Krippe zu geben, kam aber nie in Frage. «Ich habe nicht mit 42 ein Kind in die Welt gesetzt, um es dann wegzugeben», sagt Anita mit Nachdruck. Die Quadratur des Kreises, zumal es Jürgs Arbeit nicht zulässt, Teilzeit zu arbeiten. Da blieb es an Anita hängen, ihr Pensum zu reduzieren und zumindest teilweise von zu Hause aus zu arbeiten. Wenn die Familie von Anitas Bruder nicht direkt nebenan wohnen und Julia zwischendurch hüten würde, wäre Anita wohl genau in jener Sackgasse gelandet, die sie immer umgehen wollte. Manchmal fühle sie sich zwar am Anschlag. Handkehrum halte ein Kind aber auch fit. «Als späte Mutter », sagt Anita, «kann man sich körperlich und psychisch weniger gehen lassen, als wenn die Kinder auf den 50. Geburtstag der Eltern hin schon wieder ausziehen.» Noch einen weiteren Vorteil erkennt sie in der späten Mutterschaft: «In meinem Alter muss man sich keine Konkurrenzkämpfe mehr liefern.» Junge Mütter würden sich manchmal Zwängen und Vergleichen aussetzen, über denen sie als reife Frau gelassen stehen könne.
Manuela von Ah








