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Neue Forschungen zeigen: Ein Ungeborenes wird schon im Mutterleib von seiner Umgebung beeinflusst. Was bedeutet das für die werdenden Eltern? Ein Interview mit dem Hirnforscher Gerald Hüther.
WIR ELTERN: Herr Hüther, wie soll sich eine schwangere Frau verhalten, damit sich ihr Kind optimal entwickeln kann?
GERALD HÜTHER: Das Allerschönste ist, wenn es einer Frau gelingt, sich auf das Kind zu freuen. Wir wissen,dass sämtliche Prozesse besser funktionieren,wenn es der Frau gut geht, wenn sie
sich wohl fühlt. Dann entspannt sich die Bauchdecke, Herzschlag und Atem synchronisieren sich – das sind optimale Bedingungen für das Kind. Ansonsten geht alles von allein, man braucht nichts zu tun, damit das Kind seine Potenziale entfaltet.
Es braucht keine vorgeburtliche Förderung?
Nein,weder Beschallung mit Mozart noch Förderung durch chinesische Sprachprogramme oder irgendwelche andere Übungen. Den grössten Teil seiner vorgeburtlichen Phase verbringt das Kind
im Schlaf.Und dabei sollte man es auch nicht ständig stören.
Das Kind lernt also nicht schneller sprechen,wenn man es in der Schwangerschaft entsprechend stimuliert?
Sicher nicht. Man weiss aber,dass es Melodien wiedererkennt,die ihm in der Schwangerschaft regelmässig vorgesungen wurden. Wenn die schwangere Frau also singt und sich dabei gut fühlt,
überträgt sich dieses Wohlgefühl auf das Kind. Die Mutter kann auch im Wald spazieren oder joggen gehen.Tut sie dies mit Begeisterung, passiert im kindlichen Hirn eine Kopplung, so dass sich
das Kind nach der Geburt dann besonders wohl fühlt, wenn es die gleiche Melodie hört oder auf dieselbe Weise geschaukelt wird.
Das Verhalten der Mutter hat doch Einfluss aufdas Ungeborene?
Ja, aber die Mutter kann sich nicht zwingen, sich wohl zu fühlen. Singt oder joggt sie widerwillig, nützt dies dem Kind nichts. Denn Wachstums- und Lernprozesse sind in der vorgeburtlichen Zeit automatisch mit Erfolg und positiven Gefühlen gekoppelt.
Im Umkehrschluss trägt die Mutter alle Schuld für die späteren Probleme des Kinde,falls sie während der Schwangerschaft Stress oder negative Gefühle hat.
Nein. Die Mutter wird auch entlastet. Denn das Wichtigste, wonach sich das kindliche Hirn strukturiert, ist die Beziehung zu seinem eigenen Körper. Erst dann kommt die Beziehung zur Mutter.
Können Sie das erklären?
Jedes Kind kommt mit zwei positiven Erfahrungen auf die Welt: Die eine heisst: Ich bin gewachsen. Die andere: Ich war verbunden. Daraus resultieren zwei Erwartungshaltungen,die uns bis ans Lebensende begleiten, nämlich die Sehnsucht nach Verbundenheit
sowie nach Wachstum und Freiheit. Die einzige Beziehungsform übrigens, in der Menschen einander das Gefühl schenken können, dass sie verbunden sind und gleichzeitig auch Wachsende,heisst Liebe. Diese Basiserfahrung kann die Mutter vorgeburtlich nicht
beeinflussen. Im Prinzip kann sie darauf vertrauen,dass sich Körper und Gehirn des Kindes selbst organisieren, sie muss nur die richtigen Rahmenbedingungen schaffen.
Und das ist nicht immer ganz einfach.In Ihrem Buch «Das Geheimnis der ersten neun Monate» kritisieren Sie, dass schwangere Frauen den «lärmenden, hektischen und zermürbenden Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind». Eine Schwangere kann ja nicht einfach ihr ganzes Leben umkrempeln, aufhören zu arbeiten, aufs
Land ziehen.
Man kann auch in der Stadt auf Spaziergänge gehen, etwas weniger arbeiten, sich etwas mehr Ruhe gönnen. Die Schwangerschaft sollte eine Zeit der Rückbesinnung sein, worauf es im Leben wirklich ankommt. Mir scheint, dass wir in unserer Gesellschaft
das Wichtige nicht mehr vom Unwichtigen unterscheiden können.
Manche Begebenheiten kann man auch nicht beeinflussen.Wie schlimm ist es für den Fötus, wenn seine Mutter stark erschrickt? Wenn sie beispielsweise an der Bushaltestelle steht und im gleichen Moment fährt eine Ambulanz mit schrillem Martinshorn vorbei?
Eine solche Situation ist für das Kind kein Problem, es kann sie gut aushalten, denn sie geht ja schnell wieder vorbei. Das Kind lernt dabei sogar etwas: Nämlich, dass es unangenehme Reize gibt. Und dass man danach wieder in die Geborgenheit zurückkehren
kann. Schlimm für das Kind wäre, wenn sich die Mutter noch den halben Tag über den Vorfall aufregen oder sorgen würde, denn die Stresshormone gelangen zum Kind.
Es gibt Frauen,die gerade während der Schwangerschaft oft gestresst oder ängstlich sind.
Es gibt auch später wieder viele Gelegenheiten, dem Kind dieses Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit in der Beziehung zu vermitteln und ihm gleichzeitig grösstmögliche Freiheit und Autonomie zu ermöglichen. Auch wenn es bereits grösser ist. Das klappt sogar noch mit dem Lebenspartner.
Welche Rolle spielt der Vater während der Schwangerschaft?
Er könnte das machen, was eigentlich unsere Gesellschaft tun sollte: Die schwangere Frau schützen und unterstützen, ihr Halt geben, Mut machen. Er könnte ihr dieses Wohlgefühl verschaffen, das sich so positiv auf das Kind auswirkt. Wenn er dann noch
ihren Bauch streichelt, dem Kind Lieder singt oder zu ihm spricht, dann kommt ein Kind zur Welt, das glücklich ist, das es sehr gerne mag, wenn der Vater zu ihm spricht.
Welche Art von Bewusstsein hat ein Fötus?
Keines. Bewusstsein kann man nur lernen,wenn man in einer Gemeinschaft gross wird,denn Bewusstsein ist eine soziale Leistung und nicht individuell erwerbbar. Wenn es keinen anderen Menschen gibt,der einen spiegelt,der einem die Sprache beibringt, der einem all das zeigt,was es als Mensch zu erfahren gibt, kann man sich all dessen nicht bewusst sein – und braucht es auch nicht.
Aber ein Unterbewusstsein haben wir schon vor der Geburt?
Wir Hirnforscher definieren Unterbewusstsein als Prozesse, die ablaufen. So gesehen haben wir alle ein Unterbewusstsein,denn das Gehirn funktioniert wunderbar, ohne dass wir die Aufmerksamkeit auf all diese vielen ständigen Vorgänge lenken. 99 Prozent
dessen, was im Gehirn passiert, ist so gesehen unbewusst. Nur ab und zu fokussieren wir unsere Aufmerksamkeit.Ein Kind,das auf die Welt kommt,kann seine Aufmerksamkeit auch schon auf etwas Bestimmtes richten. Doch um Bewusstsein zu entwickeln, braucht man andere, die einem zeigen, was wichtig ist.
Veronica Bonilla Gurzeler








