Traurig trotz Schwangerschaft
Der Irrglaube hält sich, werdende Mütter müssten das strahlende Glück verkörpern. Dabei leiden viele Frauen in der Schwangerschaft unter Angst und Depressionen. Doch kaum jemand getraut sich darüber zu sprechen.
Selber Kinder zu haben, war Claudia Santschis* grösster Herzenswunsch. Sie hatte die Ausbildung als Krankenschwester abgeschlossen, ihre grosse Liebe kennengelernt und geheiratet, das gemeinsame Heim hübsch eingerichtet. «Ich war parat für eine Schwangerschaft, und auch mein Mann wünschte sich Kinder», sagt die 28-Jährige.
Nicht lange dauerte es, und ihr Traum erfüllte sich – entpuppte sich aber alsbald als Albtraum. Statt sich im siebten Himmel zu wähnen, kämpfte Claudia Santschi gegen Übelkeit an, sterbenselend fühlte sie sich. «Ich erbrach jeden Tag. Vom ersten Monat bis zur Geburt», erinnert sie sich. Gleichzeitig begannen Zweifel an ihr zu nagen, immer wieder fragte sie sich: Werde ich es schaffen mit dem Kind? Ein gutes Mami sein? Bei ihrer Arbeit auf der Wöchnerinnenabteilung im Spital erlebte sie hautnah, was alles schief gehen kann mit einem Baby; sie sah Behinderungen, Tod und bekam grosse Angst um ihr eigenes Kind. «Pausenlos fragte ich mich: Geht es ihm wirklich gut? Was, wenn ich es verlieren würde?» Am liebsten wäre sie nur noch zu Hause geblieben, hätte sich eingeigelt. «Ich habe viel geweint, war oft traurig und immer müde», erzählt sie. Obendrein machte sich auch noch das schlechte Gewissen bemerkbar. Wieso konnte sie sich kaum freuen wie all die anderen Schwangeren? «Ich dachte immer, es müsste mir doch gut gehen in der Schwangerschaft, das sagten mir auch Bekannte. Und dadurch fühlte ich mich nur noch gestresster.»
Lange verkannt
Lange Zeit glaubten selbst Ärzte und Psychiater, dass Schwangere sozusagen immun gegen Depressionen sind. «Frauen mit entsprechenden Problemen meldeten sich nicht; Symptome wie Müdigkeit oder Antriebslosigkeit führte man eher auf die Schwangerschaft denn auf eine Depression zurück», sagt Prof. Anita Riecher, Chefärztin an der Psychiatrischen Poliklinik des Universitätsspitals Basel, «noch heute ist die Schwangerschaftsdepression vielen Ärztinnen und Ärzten nicht geläufig, sodass sie oft unerkannt bleibt.» Kommt dazu, dass sich viele schwangere Frauen – gar unter ihresgleichen – nicht getrauen oder sich schämen, über die trübseligen und negativen Gefühle zu sprechen, die sich in ihren Köpfen eingenistet haben; schliesslich wird von Frauen mit Babybauch erwartet, in «guter Hoffnung» und «freudiger Erwartung» zu sein. «Das Thema ist hoch tabuisiert», sagt Judith Alder, Leitende Psychologin an der Universitätsfrauenklinik Basel. Es scheint, dass es das anonyme Umfeld der Internetforen braucht, damit die schwangeren Frauen sich getrauen, einander ihren Kummer, ihre Tränen und ihre Panikattacken zu gestehen.
Gar nicht selten
Fachleute sind sich einig, dass werdende Mütter nicht weniger häufig an Depressionen leiden als Nichtschwangere, somit 7 bis 13 Prozent von einem lang anhaltenden Stimmungstief betroffen sind. Allerdings: Stimmungsschwankungen und eine erhöhte psychische Empfindsamkeit, die sich darin zeigt, dass Lachen und Weinen ganz nahe beieinander liegen, gehören zum Alltag der allermeis-ten werdenden Mütter und sind Teil der hormonellen Umstellung. Die sensible Gefühlslage macht im Interesse des Kindes grossen Sinn: Eine schwangere Frau ist aufmerksamer, vorsichtiger, achtet auf Körpersignale, die auf eine Überforderung hindeuten; dadurch entwickelt sie die Fähigkeit, mit dem heranwachsenden Kind in eine Beziehung zu treten. Kommt aber die Frau am Morgen nicht mehr aus dem Bett, schwinden Interesse, Freude, Vertrauen und Selbstwertgefühl, nehmen Selbstzweifel, Schuldgefühle, Antriebslosigkeit und Unentschlossenheit zu, leidet sie womöglich an einer ernsthaften depressiven Erkrankung. Weitere Hinweise können Konzentrations-, Schlaf- und Appetitstörungen sein, innere Unruhe oder Herzklopfen. «Dauer der Symptome und Schweregrad sind entscheidend für die Diagnose», sagt Anita Riecher, «wer länger als 14 Tage leidet, sollte Hilfe suchen.»
Ängste sind häufig
Zwar haben wir heute dank Forschung und Pränataldiagnostik fast unbeschränkte Möglichkeiten, eine Schwangerschaft medizinisch zu begleiten und zu kontrollieren; es scheint aber, dass Ängste und Unsicherheiten im Zusammenhang mit diesem vielschichtigen Prozess trotzdem nicht weniger werden. Im Gegenteil: «Immer öfter sind wir mit Ängsten und psychosozialem Stress rund um die Schwangerschaft konfrontiert», sagt Psychologin Judith Alder.
Neben den üblichen Ursachen einer psychischen Störung gibt es für pränatale Depressionen und Ängste noch zusätzliche Gründe: Manche Frauen haben Mühe mit der Rollenfindung als Mutter, andere mit den Anforderungen der Gesellschaft, Muttersein und Beruf unter einen Hut zu bringen. Auch der Kontrollverlust ist ein Thema. «Wer bisher seinen Alltag perfekt organisiert hatte, merkt plötzlich wie etwas von einem Besitz ergreift und körperliche Veränderungen passieren, die kaum beeinflusst werden können», sagt Judith Alder.
Nach am Abgrund
Psychisch sei es bei ihr immer ein bisschen ein Rauf und Runter gewesen, erzählt Claudia Santschi. Mit 19 Jahren war sie wegen einer Depression in Behandlung, doch vor der Schwangerschaft sei es ihr recht gut gegangen. Und dann das: Ganz nahe an einem unermesslich tiefen, schwarzen Abgrund habe sie gestanden, «kaum schaute ich über den Rand, zog es mich runter». Kraft gegeben hat ihr der Glaube an Gott. Und geholfen haben auch Gespräche: mit einer Freundin, die das gleiche durchgemacht hat, mit Mutter und Schwestern, die Verständnis aufbrachten, statt Ratschläge zu erteilen. «Auch meine Frauenärztin war immer für mich da.» Die Gynäkologin gab ihr die Adresse einer Psychologin, doch die junge Frau konnte sich nicht überwinden, einen Termin abzumachen. Auch nicht als sie in der zweiten Schwangerschaft wieder das gleiche erlebte. Heute bereut sie es. Und möchte allen Betroffenen nahe legen: «Schämt euch nicht, sucht Hilfe!»
Ursachen klären
Das raten auch Fachleute. «Es lohnt sich abzuklären, was die Ursache der Depression ist, Krankheiten wie etwa eine Schilddrüsenfunktionsstörung auszuschliessen und zu definieren, um welche Art von Depression es sich handelt», sagt die Psychiaterin Anita Riecher. Behandlungsmöglichkeiten gibt es viele. Wichtig ist, dass sie den Bedürfnissen der Patientin entsprechen. An der Psychiatrischen Poliklinik in Basel konzentriert man sich auf Psychotherapie und Medikation. «Mit Psychopharmaka sind wir besonders in den ersten 12 Schwangerschaftswochen sehr zurückhaltend, weil bei keinem Antidepressivum das Missbildungsrisiko ganz ausgeschlossen werden kann», sagt Riecher. Die Gefahr, dass Frauen Zuflucht bei Sucht- oder Beruhigungsmitteln suchen, sei bei schweren Depressionen jedoch oft grösser als das Risiko, das vom Arzt verordnete Antidepressiva bergen. Gute Erfahrungen hat man in Basel zum Teil auch mit Lichttherapie gemacht; im Moment wird in einer Studie untersucht, welchen Patientinnen sie hilft.
Sowohl in der psychiatrischen Poliklinik wie in der Frauenklinik erlernen schwangere Frauen, die unter starkem Stress leiden, verschiedene Entspannungstechniken. Besonders erfolgreich ist die Imagination: Die Patientin legt sich eine halbe Stunde täglich hin und stellt sich vor, dass sie sich an einem traumhaft schönen Ort befindet, wo sie sich in Ruhe erholen kann. «Wir stellten fest, dass die Stresshormone dadurch deutlich abnahmen», sagt Psychologin Judith Alder.
Hilfe ist wichtig
Der Rat, Hilfe zu suchen, ist nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil zahlreiche Studien nachweisen, dass starker chronischer Stress, Angst und Depressionen in der Schwangerschaft dem Ungeborenen schaden und einen negativen Einfluss auf den Schwangerschaftsverlauf haben können. Risiken sind Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht und vermehrte Komplikationen unter der Geburt. Auch ist das Risiko höher, nach der Geburt in eine postpartale Depression zu rutschen. Forscher stellten zudem fest, dass die Kinder von Müttern mit pränatalen Angststörungen eine erhöhte Bereitschaft mitbringen, auf Stress oder Anspannung zapplig zu reagieren und somit ein grösseres Risiko für psychische Erkrankungen, Verhaltensauffälligkeiten wie ADHS und Stressempfindlichkeit haben. Auch Claudia Santschi hat sich Gedanken darüber gemacht. Ihre erste Tochter hat in den Monaten nach der Geburt viel geschrien. «Ich denke schon, dass meine Traurigkeit einen Einfluss hatte auf das Kind», sagt sie, «aber manche Dinge können wir nicht ändern, und ich liebe meine Kinder genau so wie sie sind.»
Veronica Bonilla Gurzeler








