Das jähe Ende des Hochgefühls
Glücksgefühle spüren die meisten werdenden Eltern, wenn sie ein Kind erwarten. Stellt der Arzt fest, dass mit dem Ungeborenen etwas nicht stimmt, sind die Paare vor einen der schwierigsten Entscheide ihres Lebens gestellt.
Mit meiner 7-jährigen Tochter Noëmi hatte ich eine Traumschwangerschaft», erinnert sich Esther Hänggi, «danach erlitt ich zwei Fehlgeburten.» Als sie im September 2004 merkte, dass sie erneut schwanger war, freute sie sich deshalb riesig. Aber sie spürte auch eine gewisse Unsicherheit, eine Angst, dass sie das Baby wieder verlieren könnte. Zunächst verlief dann aber alles ganz normal. Beim ersten Ultraschall in der 8. Schwangerschaftswoche sah man, wie das kleine Herzchen schlug, und Esther Hänggi ging mit ihrem Mann beruhigt wieder nach Hause. Doch ihr innerstes Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte, sollte sich leider bestätigen.
«Die schlimmsten Tage meines Lebens»
Beim zweiten Ultraschalltermin in der 12. Schwangerschaftswoche habe der Arzt schon beim Messen der Nackenfalte gestockt. Sie sei breiter als normal, habe er schliesslich gesagt. «Dann versuchte er uns Arme und Beine zu zeigen, was ihm aber nicht recht gelang», erinnert sich Esther Hänggi. Der Arzt überwies die junge Frau an die nächste Universitätsklinik, wo modernere Geräte zur Verfügung standen. «Ich fixierte den Bildschirm, während zwei Ärztinnen das Baby untersuchten. Immer wieder liefen mir Tränen über die Wangen. Ich ahnte Schlimmes.» Die Ultraschalluntersuchungen zeigten nicht nur verkürzte Extremitäten, sondern auch Missbildungen am Brustkorb. Die Chefärztin machte dem jungen Elternpaar keine Hoffnungen. Sie erklärte, das Baby werde nie in der Lage sein, aus eigener Kraft zu atmen, da sich die Lungen nicht richtig entwickeln könnten.
Gegen den Abbruch
«Die folgenden Tage gehören zu den schlimmsten meines Lebens. Mal wollte ich die Schwangerschaft so schnell wie möglich beenden. Kurz darauf verstand ich nicht mehr, weshalb ich eine Abtreibung überhaupt in Erwägung zog.» Schliesslich entschied sich Esther Hänggi gegen den Abbruch. Sie wollte das Kind austragen. «Ich blieb realistisch, doch die Hoffnung und der Glaube an ein Wunder blieben im Hinterkopf.» Von den Personen in ihrem näheren Umfeld fühlte sie sich unterstützt und in ihrem Entscheid respektiert. «Es gab jedoch bis zum Schluss Leute, denen ich nichts sagte; ich hatte nicht die Kraft, mit allen darüber zu reden.» Ihr Sohn Silvan kam am 17. April 2005, in der 36. Schwangerschaftswoche, nach einer natürlichen Geburt im Spital zur Welt. «Ziemlich genau eine Stunde nach der Geburt informierte uns der Kinderarzt, dass Silvans Herz aufgehört hatte zu schlagen.» Untersuchungen ergaben, dass er an Osteogenesis imperfecta Typ II litt, einer Erkrankung, die vermutlich durch eine Mutation eines Gens entstanden war.
Nach diesem traurigen Erlebnis machte sich Esther Hänggi auf die Suche nach Frauen, die Ähnliches durchgestanden haben. Sie gründete mit zwei Betroffenen den Verein Prenat, der den Erfahrungsaustausch fördern und Kontakte zwischen Eltern herstellen will. Ihr Anliegen ist es, werdende Mütter darauf aufmerksam zu machen, dass eine Ultraschalluntersuchung nicht einfach «Baby-Fernsehen» ist. Werden dabei Missbildungen diagnostiziert, sind Eltern von einem Moment auf den andern vor schwerwiegende Entscheidungen gestellt. «Betroffene sollen sich überlegen, ob eine Abtreibung in dieser Situation wirklich der einzige Weg ist.» Sie könne zwar nachvollziehen, dass man sich dafür entscheide. Für sie sei jedoch die Fortsetzung der Schwangerschaft richtig gewesen. «Ich konnte nicht beschliessen, wann ich schwanger werde, und so wollte ich auch nicht den Zeitpunkt bestimmen, wann mein Kind stirbt.» Ihren Entscheid hat die 32-Jährige nie bereut. «Wir haben unser Möglichstes getan, aber es lag nicht in unseren Händen.»
Nichts überstürzen
In der Geburtsklinik des Unispitals Zürich kommen jährlich über 2000 Kinder zur Welt. Klinikdirektor Roland Zimmermann kennt Fälle wie den von Esther Hänggi aus langjähriger Erfahrung. «Die meisten Frauen, bei denen im Ultraschall eine Fehlbildung festgestellt wird, tragen das Kind aus», sagt er. Abbrüche würden bei sehr schlimmen Befunden durchgeführt. In den Augen der betroffenen Paare seien dies Fehlbildungen des Hirns, offener Rücken oder Missbildungen der Extremitäten wie fehlende Hände, Arme oder Beine. Bei Diagnosen wie Lippen-Kiefer-Gaumenspalte oder Herzfehlern entschieden sich fast alle fürs Kind. «Jene, die sich dafür entscheiden, sind bei uns ebenso willkommen wie die anderen.» Er als Arzt setze viel daran, den werdenden Eltern genügend Zeit einzuräumen, sagt Zimmermann. «Der Entscheid für oder gegen einen Abbruch sollte nicht aus einer kurzfristigen Optik heraus gefällt werden. Er muss auch in einigen Jahren noch stimmen, damit einen später nicht Gewissensbisse und Schuldgefühle plagen.»
Oft keine eindeutigen Resultate
Schwer fällt die Entscheidung nicht zuletzt deshalb, weil die pränatale Diagnostik oft keine eindeutigen Resultate liefert: Nicht immer lässt sich voraussagen, ob das Kind Stunden oder wenige Tage nach der Geburt sterben wird. Die Ausprägung einer Behinderung oder Fehlbildung, die mithilfe der Pränataldiagnostik festgestellt wurde, ist häufig nicht klar. Die Eltern müssen entscheiden, ob sie sich ein Leben unter den zu erwartenden Umständen vorstellen können und dieses für das Kind als «lebenswert» empfinden.
Brigitte Hölzle kennt die Schicksale betroffener Paare aus der Telefonberatung des Vereins ganzheitliche Beratung und kritische Information zu pränataler Diagnostik. «Kaum ein Elternpaar rechnet mit einem schlechten Befund», sagt sie. «Wenn man jedoch Tests macht – und dazu gehört auch der Ultraschall – muss man sich über die Konsequenzen im Klaren sein.» Auch sie rät, bei einer schlechten Diagnose nichts zu überstürzen und die verschiedenen Möglichkeiten abzuwägen. Ein Abbruch sei nicht für jede Frau der richtige Weg. Sie verstehe zwar die Frauen, die das Ganze möglichst sofort hinter sich bringen wollen. Eine Rolle mag spielen, dass ein chirurgischer Abbruch der Schwangerschaft durch Absaugen nur im ersten Schwangerschaftsdrittel möglich ist; je nach Klinik und Grösse des Kindes bis zur 12. oder 15. Woche. Bei einem späteren Abbruch muss der Fötus geboren werden. Wehen auslösende Mittel setzen die Geburt in Gang, die Stunden, manchmal auch Tage dauern kann.
Respektvoll und einfühlsam
Céline Castegnaro hat einen Abbruch in der 18. Schwangerschaftswoche erlebt. 2003 war ihr Sohn Fabian gesund zur Welt gekommen; im Sommer 2005 bemerkte sie, dass sie erneut schwanger war. Eine erste Ultraschalluntersuchung verlief völlig normal. Doch aufgrund verdächtiger Blutwerte riet ihr der Gynäkologe zu einer Fruchtwasserpunktion. «Für mich brach in diesem Moment eine Welt zusammen», erinnert sich die 31-Jährige. «Obwohl mir alle sagten, es sei sicher nichts, wusste ich ganz tief in mir, dass es kein gutes Ende nehmen würde.» Tage später erfuhr sie, dass das Kind an Trisomie 18 leide, einer Krankheit mit meist tödlichem Verlauf und sehr schweren Behinderungen und Missbildungen. Céline Castegnaro und ihr Mann hatten bereits diskutiert, was in diesem Fall weiter geschehen sollte: «Wir hatten uns geeinigt, dass wir unser Kind erlösten, wenn eine schlimme Diagnose vorliegen würde.»
So wurde die Geburt eingeleitet, und am 1. September 2005 kam Joëlle-Naja in der 18. Schwangerschaftswoche tot zur Welt. Das Spitalpersonal ging respektvoll und einfühlsam mit der schwierigen Situation um. Ihre letzte Ruhe fand Joëlle-Naja bei den Kindergräbern auf dem Friedhof der Gemeinde. «Ich bin felsenfest überzeugt davon,das Richtige getan zu haben», sagt Céline Castegnaro. Ein Jahr und einen Tag nach Joëlle-Najas Geburt brachte sie die gesunde Sarina zur Welt. «Wir leben so, als hätten wir drei Kinder. Joëlle-Naja gehört zu unserer Familie.» Auch Esther Hänggi wurde nach der Geburt von Silvan wieder schwanger. Zwar erlitt sie noch einmal eine Fehlgeburt, doch dann ging alles gut: Am 7. November 2007 wurde Thibaud geboren.
Rebekka Haefeli







