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Trotz Hepatitis B in die Gebärwanne?

500 Schwangere jährlich sind mit dem Virus infiziert. Was sie für die Geburt wissen müssen.


Als Livia Hertig* zum zweiten Mal schwanger war, wünschte sie sich eine Wassergeburt. Die entspannende Wirkung von Wasser haben schon viele Gebärende erfahren und ist auch wissenschaftlich belegt. Am Informationsabend der Klinik, die Livia Hertig für die Geburt erwog, wurden diese Fakten herausgestrichen. Die Hebammen sagten, die Wanne stehe grundsätzlich allen Gebärenden zur Verfügung – ausser Frauen mit HIV und Hepatitis B. Damit hatte Livia Hertig ein Problem: Sie ist seit früher Kindheit mit dem Hepatitis-B-Virus infiziert, sehr wahrscheinlich durch ihre Mutter.

Das Hepatitis-B-Virus ist ein weit verbreiteter, hochansteckender Erreger, der eine infektiöse Leberentzündung (Hepatitis B) mit Gelbsucht auslösen kann. Übertragen wird das Virus zum Beispiel beim Geschlechtsverkehr. Infizierte Mütter können das Virus während der Geburt auf das Kind übertragen. 90 Prozent der Betroffenen erkranken akut und entwickeln Antikörper. Manche Menschen hingegen sind chronisch infiziert, so wie Livia Hertig, haben aber keine Symptome. Hepatitis B ist die weltweit häufigste Viruserkrankung überhaupt. Gemäss WHO hat ein Drittel der Weltbevölkerung die Krankheit durchgemacht.

In der Schweiz werden Schwangere seit 1996 systematisch auf Hepatitis B getestet. Neugeborene von infizierten Müttern bekommen in den ersten zwölf Stunden nach der Geburt eine Schutzimpfung. Dank diesen Massnahmen stecken sich pro Jahr nur noch 15 bis 30 Neugeborene an. Die Zahl der Schwangeren, die akut oder chronisch mit dem Virus infiziert sind, wird auf 400 bis 500 jährlich geschätzt.

Risiko für Kind und Personal
Hepatitis-B-positive Frauen können normal gebären, ein Kaiserschnitt ist nicht nötig. Aber: Die Entbindung in der Gebärwanne ist ausgeschlossen. «Eine positive Hepatitis-B-Serologie stellt nach Einschätzung unserer Fachgesellschaft eine absolute Kontraindikation für eine Wassergeburt dar», sagt Daniel Surbek, Chefarzt Geburtshilfe am Inselspital Bern und bei den Schweizer Gynäkologen zuständig für Qualitätssicherung. «Das Problem ist, dass ein erhöhtes Infektrisiko fürs Kind und für das betreuende Spitalpersonal nicht ausgeschlossen werden kann.»

Livia Hertig, im achten Monat schwanger, wollte es genauer wissen. Worauf beruht die ärztliche Empfehlung? Werden die Viren durch das Wasser nicht verflüchtigt? Und ist eine Hebamme bei einer normalen Geburt nicht genauso gefährdet, etwa wenn ihr ein Blutspritzer ins Auge gerät? Ihr Nachfragen nützte nichts. Weder der Chefarzt noch der Hebammenverband zeigten für ihr Anliegen Gehör. «Ich war echt enttäuscht», sagt Hertig, welche die ärztliche Richtlinie noch heute nicht versteht.

Genaue Daten fehlen
Fakt ist, dass das Infektionsrisiko von Hepatitis B bei Wassergeburten kaum wissenschaftlich erforscht ist. Eine der wenigen Arbeiten zu diesem Thema schrieb Rosanna Zanetti Dällenbach vom Universitätsspital Basel. Sie konnte in einer Langzeitstudie beweisen, dass eine Wassergeburt ein Infektionsrisiko im allgemeinen nicht erhöht. Frauen mit Hepatitis B (wie auch Hepatitis C und HIV) waren in der Studie aber nicht eingeschlossen.

Rosanna Zanetti hält Hepatitis B für unberechenbar: «Bei diesem hochinfektiösen Erreger darf man nichts riskieren», sagt die Ärztin. Gäbe es einen einzigen erwiesenen Fall einer Hepatitis-B-Übertragung auf eine Hebamme, stünde die Wassergeburt in der Schweiz vor dem Aus. Dagegen hätten die Geburtshäuser einiges: Dort pflegt man einen pragmatischen Umgang mit dem Thema. «Hepatitis B im Wasser? Kein Problem», sagt Edith Troxler vom Geburtshaus Delphys in Zürich. Und Doris Erbacher, Hebamme im «Storchenäscht» in Lenzburg, meint: «Dafür sind wir ja da, die Dinge etwas anders zu sehen.»

*Name von der Redaktion geändert
 

Irène Dietschi


(Foto: iStockphoto.com)

Wichtig zu wissen

Gegen Hepatitis B gibt es eine Schutzimpfung. Sie ist im Jugendalter (11 bis 15 Jahre) vorgesehen, aber auch bei Säuglingen wirksam.

  • Neugeborene von Hepatitis- B-positiven Müttern werden in den ersten 12 Stunden nach der Geburt geimpft. Zwei weitere Dosen folgen mit 1 und 6 Monaten.
  • Frauen, die trotz einer Hepatitis-B-Infektion im Wasser gebären möchten, sollten sich frühzeitig an ein Geburtshaus wenden.

 
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