Gymnastik, Shimmys* oder indische Brücke?
Das Angebot an Geburtsvorbereitungskursen ist breit, für jede schwangere Frau ist etwas dabei. Oder genügt eine gute Hebamme? Wir stellen Ihnen verschiedene Angebote vor.
Die Füsse der Frauen stehen parallel etwa hüftbreit auseinander, die Knie sind leicht gebeugt, das Becken etwas aufgerichtet, der Brustkorb ist angehoben, die Schultern bleiben locker, der Blick geradeaus auf die Spiegelwand gerichtet. Sie tragen weite Hosen, ein farbiges Tuch um die Hüften, eng anliegende Oberteile, die ihre runden Bäuche wie hübsch bespannte Kugeln aussehen lassen. Jetzt setzt die Musik ein, orientalische Klänge ertönen, Hüften beginnen zu kreisen und zu wippen, Arme schlängeln sich graziös in die Höhe, die Bewegungen fliessen um den Bauch. «Wenn man schwanger ist, tanzt man mehr in sich gekehrt, für sich, für das Kind», sagt Kursleiterin Sarah Pel-Kunz vom Zentrum für orientalische Tanzkunst in Zürich. Der Körper der Mutter ist die erste Wiege des Kindes. Anita Herter, Bauchtanzschülerin, ist fasziniert. Von der Musik, vom Tanzen, von den harmonischen Bewegungen: «Habe ich mich vor der Stunde noch schlapp und müde gefühlt mit meinem dicken Bauch, bin ich jetzt wieder voller Elan.»

Bauchtanz ist eines der zahlreichen Angebote, die schwangeren Frauen helfen, ihren Körper zu dehnen, zu kräftigen, zu entspannen und auf die Geburt vorzubereiten. Hier wird zwar in der Regel nicht über Dammmassage oder Schmerzlinderung informiert, im Tanz beschäftigt sich die Frau dennoch mit ihrem Körper, wird sich seiner Leistungsfähigkeit bewusst, was im Hinblick auf die Geburt ein Vorteil ist. Auch Kurse wie Yoga, Wassershiatsu oder Gymnastik für Schwangere verfolgen dieses Ziel. Markus Hodel, Leiter des Geburtszentrums am Kantonsspital Luzern, ist begeistert vom grossen Kursangebot: «Jede Frau findet etwas, das ihr gefällt, vieles lässt sich auch kombinieren.» Insbesondere den Erstgebärenden
empfiehlt der Geburtshelfer allerdings einen klassischen Geburtsvorbereitungskurs, wie er in den Spitälern von Hebammen angeboten wird. Neben einem Theorieteil lernen die Teilnehmerinnen Atem-, Entspannungs-und Massagetechniken, die helfen sollen, die Wehen zu ertragen; die Fachfrauen informieren aber auch über Periduralanästhesie, Kaiserschnitt und Entbindung mit der Saugglocke. Nicht zuletzt schätzen die meisten Frauen den Austausch mit anderen Schwangeren, hier werden manchmal Freundschaften geschlossen, die das ganze Leben halten – oder doch bis zum nächsten Kinderhüten.
Wissen gegen die Angst
Nicht immer gab es so viele Vorbereitungs- und Informationsmöglichkeiten wie heute. Eine, die sich Zeit ihres Lebens für mehr Wissen über die Geburt eingesetzt hat, war Elisabeth Schiwoff. 1946 hat die Aargauerin ihr erstes Kind geboren. Eine Horrorgeburt sei es gewesen, erzählte sie jeweils – wie bei so vielen in der damaligen Zeit. Hatten die meisten Frauen bis dahin ihre Kinder noch zu Hause auf die Welt gebracht, betreut und umsorgt von einer Hebamme, verlagerte sich das Gebären in den 40er- und 50er-Jahren in die Spitäler, wo Hygiene oberstes Gebot war und die Frauen mehrheitlich allein gelassen wurden mit dem Schmerz, der sie überwätigte und zu zerreissen drohte. Elisabeth Schiwoff konnte und wollte das Horrorerlebnis nicht einfach wegstecken. Sie hörte vom englischen Arzt Grantley Dick Read, der beobachtet hatte, dass Frauen, die über die körperlichen und emotionalen Vorgänge während der Geburt Bescheid wussten und während der Wehen eine tiefe Atmung anwendeten, leichter und schneller gebaren. Überall in Europa und den USA formierte sich dieses neue Wissen. Elisabeth Schiwoff saugte es auf, tat sich mit Gleichgesinnten zusammen. Und bot 1954 in Zürich ihre ersten Geburts-vorbereitungskurse an, gab ihr «Wissen gegen die Angst» bis kurz vor ihrem Tod vor einem Jahr an Tausende von Frauen weiter.

Und heute? Braucht es überhaupt noch Geburtsvor-bereitungskurse? Kann man sich die nötigen Informationen nicht auch aus dem Internet, den Ratgebern, DVDs und TV-Programmen holen? «Ja, durchaus», sagt Stephanie von Orelli, Co-Leiterin der Geburtsabteilung am Triemli-Spital in Zürich.
«Es gibt Paare, die mit den Kursen nichts anfangen können.» In solchen Fällen empfiehlt sie ein Einzelgespräch mit einer Hebamme vor der Geburt. Auch Hanni Bürki, seit 40 Jahren Hausgeburts-hebamme in Opfikon ZH, ist dieser Ansicht. «Wenn mich eine Frau fragt, ob sie einen Kurs machen solle, frage ich zurück: Wollen Sie oder sollten Sie?» Heute sei man «im Kopf» besser vorbereitet als früher, Wissen sei viel vorhanden. Hilft es? «Manchmal ja, manchmal nein», meint Hanni Bürki. Die heutigen Frauen könnten sich oft nicht gut auf die Gebärarbeit konzentrieren. «Ich sage ihnen dann: Jetzt kannst du dein Hirn ausschalten. Schau mich an, ich zeige dir, wie du atmen musst.»
Grenzerfahrung
Darauf hat auch Rebecca Dutler vertraut: Dass sie selbst spüren würde, was zu tun sei, dass ihr die Hebamme sagen würde, wenn sie etwas nicht richtig machte. «Ein Geburtsvorbereitungskurs kam für mich nicht in Frage. Ich wollte gar nicht zu viel wissen, um meine Angst nicht unnötig zu schüren, die mich manchmal überfiel», sagt die zweifache Mutter. Bei der ersten Geburt ging alles gut, schmerzhaft wars, aber schnell und problemlos. Beim zweiten Mal allerdings dauerten die Wehen ewig, insgesamt drei Tage.
Immer wieder musste Rebecca Dutler erbrechen, konnte schliesslich kaum mehr Pressen. Von den Hebammen fühlte sie sich ungenügend unterstützt. «Hätte ich besser Bescheid gewusst über Möglichkeiten der Schmerzlinderung oder Entspannungstechniken, wäre die Geburt vielleicht weniger traumatisch gewesen», sagt sie.

Die Frau soll nicht nur wissen, sondern verstehen, was bei der Geburt abläuft. Das ist das Ziel der Geburts-vorbereitung bei Margrit von Gunten, Hebamme am Regionalspital Frutigen BE. Seit zehn Jahren bietet sie Einzelgeburtsvorbereitung an, davor zehn Jahre Gruppenkurse. «Im Einzelunterricht kann ich besser auf die Frau und ihre Bedürfnisse eingehen. Gerade wenn Ängste vorhanden sind.» Übernommen hat von Gunten das Konzept von der Physiotherapeutin Antoinette El Agamy. Im Intensivunterricht, der etwa acht Stunden dauert, lernt die schwangere Frau die Funktionsweise ihres Körpers bei der Geburt aufs Genauste kennen. Beispielsweise wie und wo der Schmerz bei den Wehen entsteht. Margrit von Gunten: «Bei der Geburt begegnet sich die Frau in ihrem eigenen Körper und stösst an seine Grenzen. Das ist eine Herausforderung und eine Chance zugleich.» Sie wolle den Frauen die Sicherheit geben, dass sie natürlich gebären könnten. «Entscheiden müssen sie selbst.»
Natascha Caminada aus Spiez BE hat sich bei Margrit von Gunten auf die Geburt vorbereiten lassen. «Ihre Informationen waren extrem aufschlussreich», erzählt die 30-Jährige. «Während der Geburt verstand ich jederzeit genau, was in meinem Körper passierte, das gab mir Sicherheit.» Ihr Mann sei zweimal dabei gewesen, um zu wissen, was auf ihn zukomme bei der Geburt, sei jedoch erleichtert gewesen, dass er keinen Gruppenkurs mit Probe-Hecheln hätte besuchen müssen. Alinas Geburt am 25. Januar 2010 war für beide Eltern ein unvergessliches und schönes Erlebnis.
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* Shimmy: Rhythmisches, isoliertes Zittern der Hüften oder anderer Körperteile beim orientalischen Tanz.
Veronica Bonilla Gurzeler









