Blutungen in der Schwangerschaft
Auch wenn sie noch so harmlos scheinen: Vaginale Blutungen während der Schwangerschaft deuten manchmal auf Komplikationen hin. Deshalb unbedingt zum Arzt!
Pfingstsonntag, 23 Uhr: Judith K., in der 30. Woche schwanger, geht vor dem Einschlafen noch mal auf die Toilette. Was sie beim Blick in die Kloschüssel sieht, erschreckt sie: rot eingefärbtes Wasser, als ob ihre Periode eingesetzt hätte. Schmerzen? Keine. Trotzdem trifft sie rund eine Viertelstunde später im Spital ein. Nicht ohne Grund so schnell. Seit einem Routinecheck in der 20. Schwangerschaftswoche weiss sie, dass ihre Plazenta vollständig über dem inneren Muttermund liegt – sie hat eine sogenannte Plazenta praevia. Ihre Ärztin hatte sie gewarnt: Es kann Blutungen geben; tritt diese Komplikation ein, ist sie ein Notfall und ein sofortiger Arztbesuch unumgänglich.
Nicht immer gefährlich
Gerade um die 30. Schwangerschaftswoche setzen auch bei Anna H. Blutungen ein, wenn auch nur leichte. Sie nimmt es anfangs gelassen, doch als die Blutungen ein paar Tage andauern, ruft sie ihre Frauenärztin an. Die Untersuchungen ergeben nichts Beunruhigendes. Sie solle sich schonen und die Magnesium-Dosis erhöhen. Richtig gut geht es ihr danach aber nicht: «Ich versuchte mich zu schonen und unternahm viel weniger mit meinen beiden Kindern. Dadurch fühlte ich mich krank und verlor Kraft.» Trotz reduziertem Programm hatte sie zwei Wochen später wieder Blutungen, diesmal heftiger, zudem dickflüssiger und eher bräunlich statt rötlich wie beim ersten Mal. Eine weitere Untersuchung ergab wieder nichts – zum Glück! Diesmal war sie beruhigt und zuversichtlich. «Ich kam mir fast ein bisschen blöd vor, weil ich zweimal zum Arzt gegangen war, ohne dass es wirklich nötig gewesen wäre», sagt Anna H. Trotzdem hat sich die Kontrolle gelohnt, denn nur der Arzt oder die Ärztin kann feststellen, wie gefährlich eine Blutung ist.
Manchmal Hinweis auf Fehlgeburt
Schmierblutungen am Anfang der Schwangerschaft kommen recht häufig vor und sind meist harmlos. Im ersten Drittel der Schwangerschaft können sie aber auch auf eine Eileiterschwangerschaft oder eine Fehlgeburt hinweisen. «Zwischen 10 und 20 Prozent aller klinisch erkannten Schwangerschaften enden vor der 20. Schwangerschaftswoche in einem Abort. Über 80 Prozent dieser Fehlgeburten treten vor der 12. Schwangerschaftswoche auf», so Prof. Ernst Beinder von der Klinik für Geburtshilfe am Universitätsspital Zürich. Ein Zeichen dafür ist in der Regel eine vaginale Blutung, manchmal verbunden mit krampfartigen Unterbauchschmerzen.
Immer zum Arzt
Blutungen treten bei rund 3 Prozent der Schwangeren auf – die Blutungen in der frühen Schwangerschaft und die sogenannten Zeichnungsblutungen bei Beginn der Geburt nicht mitgerechnet. Bei der Hälfte der Betroffenen besteht kein Grund zur Sorge: Die Blutungen sind zum Beispiel durch Geschlechtsverkehr oder durch Krampfadern im Bereich der Scheide verursacht worden. Aufgepasst aber bei folgenden Komplikationen, die in der späteren Schwangerschaft Blutungen verursachen können: Eine vorzeitige Plazentalösung, eine sogenannte Plazenta praevia, oder eine Uterusruptur, ein Bruch oder Riss der Gebärmutter. Das Heimtückische daran: «Die Blutungen können schmerzfrei und trotzdem riskant sein. Auch die Stärke der Blutung sagt nichts über die Gefährlichkeit aus. Höchstens die Farbe gibt Hinweise: Rotes frisches Blut ist in der Regel gefährlicher», erklärt Beinder. Er rät deshalb dringend, Blutungen untersuchen zu lassen, auch wenn sie einem harmlos erscheinen. Für die Untersuchung gilt laut Beinder: «Möglichst genaue Angaben über Farbe und Quantität des Blutes sind hilfreich. Ein Tipp: Binden darf man ruhig mitbringen, zudem Dokumente von bereits vorgenommenen Schwangerschaftsuntersuchungen.» Mithilfe des Ultraschalls und einer gynäkologischen Untersuchung stellt der Arzt die Ursache der Blutung fest oder schliesst zumindest die gefährlichsten Komplikationen aus.
Manchmal hilft Schonung
Nachdem Judith K. damals in der 30. Schwangerschaftswoche wegen einsetzender Blutungen notfallmässig ins Spital kam, musste sie gleich bleiben – für den Rest der Schwangerschaft. Lange hatte sie auf ihr Wunschkind warten müssen. Nachdem es auf natürlichem Weg nicht geklappt hatte und eine Hormontherapie auch nichts nützte, wurde sie erst dank künstlicher Befruchtung schwanger. In einem solchen Fall ist das Risiko einer Plazenta praevia, wie sie bei Judith K. festgestellt wurde, erhöht. Die Ärzte verordneten der werdenden Mutter strikte Bettruhe und intravenös Wehen hemmende Medikamente. Für die sportliche, energiegeladene Frau zunächst ein Schock, doch war ihr klar: «Für mein Wunschkind mache ich alles. Die Angst, es zu verlieren oder zu früh zu gebären, war riesig», so Judith K.
In Sachen Behandlung und Therapie gilt grundsätzlich: «Bei Blutungen von der gefährlichen Sorte wird das Kind sofort per Kaiserschnitt entbunden. Liegt eine Plazenta praevia vor, wartet man wenn möglich bis mindestens zur 34. Schwangerschaftswoche», erklärt Beinder. Ab dann sind die Gefahren, die eine Frühgeburt mit sich bringt, sehr klein.
Judith K. hat es bis zur 37. Schwangerschaftswoche geschafft. Drei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin brachte sie per Kaiserschnitt einen gesunden Jungen zur Welt - 50 Zentimeter gross und 2970 Gramm schwer. Nur zwei Wochen später hat Anna H. ihre Tochter geboren. Mit 48 Zentimetern Körpergrösse und 2930 Gramm Gewicht.
Monika Schönenberger








