Stütze oder Störenfried?
Väter im Gebärzimmer sind heute die Regel. Was für 90 Prozent der werdenden Eltern selbstverständlich ist, wagen immer mehr Fachleute zu hinterfragen.

Wir alle kennen sie nur noch aus den Kinofilmen der Sechzigerjahre: die kettenrauchenden Männer, die im Klinikflur warten, bis ihre Frau das gemeinsame Kind geboren hat. «Dabeisein ist heute Standard», sagt Monika Müller, Hebamme und Sexualpädagogin. «Werdende Väter, die das Gebären der Frau überlassen, sind heute Exoten.» Zwar begrüsst auch Müller Väter im Gebärzimmer, aber sie warnt Paare davor, sich ohne intensive Vorbereitung auf das gemeinsame Abenteuer einzulassen. «Ein Mann, der sich während der Schwangerschaft nicht um die Veränderungen des weiblichen Körpers kümmert, sich vor der Dammvorbereitung drückt und Geburtsvorbereitungskurse für überflüssig hält, soll lieber draussen warten.»
Geburt als Frauensache
International betrachtet, wäre er damit bei der Mehrheit. Fast überall auf der Welt ist die Geburt reine Frauensache, und kein einziges Naturvolk der Erde kennt eine gemeinsame Gebärtradition.
In der Schweiz ziehen die meisten Paare die Möglichkeit, dass sich die Frau von jemand anderem begleiten lässt, gar nicht in Betracht. Auch jene nicht, die Geburtsvorbereitungskurse besuchen. «Ich glaube, kaum ein Mann hätte den Mut zu sagen, dass er lieber nicht dabei sein möchte», sagt die Geburtsbegleiterin und Kursleiterin Gabriela Imhof. «Keiner möchte in dieser Situation seine Partnerin enttäuschen.» Vor Enttäuschungen ist allerdings nicht gefeit, wer das Abenteuer Geburt gemeinsam angeht. «Ich hätte mehr von meinem Mann erwartet», sagt beispielsweise Karin Pelagatti rückblickend. Und Monika Müller erlebte immer wieder, dass Männer nach einer Geburt regelrecht geschockt sind. «Es ist etwas paradox, aber was beim Liebemachen als total sexy gilt – die animalische, laut stöhnende Partnerin – erschreckt die Männer im Gebärsaal.» Der Anblick der weit aufgerissenen Vulva mit dem Köpfchen, das Geräusch des Dammschnitts, das alles könne einem Mann mehr zusetzen, als er eingestehen wolle, sagt Müller.
Geschockte Männer
Manuel* ist einer, der darüber spricht: «Für mich war die Geburt unserer Tochter ein traumatisches Erlebnis.» Der 37-jährige Informatiker hat mit seiner Frau einen Geburtsvorbereitungskurs besucht und fühlte sich gewappnet. «Was ich dann im Spital erlebt habe, war schlimm.» Er sei sich überflüssig vorgekommen, total hilflos. «Ich musste zusehen, wie meine Frau litt, und ich konnte nichts, aber auch gar nichts tun.» Erst jetzt, eineinhalb Jahre nach der Geburt, hat das Paar wieder Sex. «Ich brauchte diese Zeit, um das Ganze zu verarbeiten», sagt Manuel.
Der Sexberaterin von «Blick», Eliane Schweitzer, sind diese Probleme bekannt: «Dass Paare nach einer Geburt eine Sexflaute haben ist normal», sagt sie. Meist gehe die Pause von der Frau aus. «Aber auch Männer ziehen sich nach einer Geburt häufig sexuell zurück, manche sogar für immer.» Laut Schweitzer ist dabei aber nicht, wie gemeinhin angenommen, der Anblick des Geburtsvorganges der Auslöser. Sie macht Schuldgefühle verantwortlich: «Die Männer müssen zusehen, wie sehr ihre geliebte Partnerin leidet. Sie fühlen sich verantwortlich dafür, weil sie es waren, die die Frau in diese Situation gebracht haben.»
Manchmal besser ohne
Dass es auch für den Geburtsverlauf nicht immer von Vorteil ist, wenn der Mann dabei ist, darin sind sich Fachleute heute einig: «Väter sind bei uns willkommen», sagt Silvie Baumann-Froesch, Hebamme im Geburtshaus Wald. «Aber ich habe es schon oft erlebt, dass die Geburt plötzlich voranging, als der Mann das Gebärzimmer verlassen hatte.» Gerade Erstgebärende fänden oft erst zu ihrer Kraft, wenn sie mit der Hebamme allein seien. «Wenn der anwesende Partner sehr nervös ist, kann das die Frau ablenken und stören.» Heimgeschickt wird deswegen in Wald niemand, «aber wir empfehlen schon manchmal einem Mann, sich selber und der Partnerin eine Pause zu gönnen».
Jede Störung von aussen, jedes Ansprechen, könne den Wehenverlauf beeinflussen, warnt der französische Arzt und Pionier der sanften Geburt, Michel Odent. «Es ist wichtig, dass sich eine Frau während der Geburt auf eine Art innere Reise begeben kann», schreibt der 70-Jährige in seinem neuesten Buch «Die Wurzeln der Liebe».
Eine Hebamme wisse und akzeptiere dies. Ob das ein begleitender Partner kann, darf bezweifelt werden.
Noch deutlicher wird die Kanadierin Elaine Hodnett. «Die beste Begleitung für eine Gebärende ist eine vom Spital unabhängige, weibliche Person», sagt die Professorin der Universität Toronto. Hodnett analysierte 15 Studien, in denen weltweit insgesamt 13 000 Frauen zu ihrem Geburtsverlauf befragt wurden. Die Schlüsse, die sie zieht, sind eindeutig: «Wer eine natürliche Geburt erleben will, nimmt eine vertraute Frau mit ins Gebärzimmer.» Männer dabei zu haben, sei eine der grössten sozialen Veränderungen unserer Zeit, so Hodnett weiter. Jetzt sei die Zeit gekommen zu fragen, ob dieser Entscheid der Frau auch wirklich diene.
Eine gute Vorbereitung hilft
Tut er das? Die meisten Paare in der Schweiz gehen davon aus. Meist ohne vorher über Wünsche und Erwartungen gesprochen zu haben. «Ein Fehler», würden wohl die Forscherinnen Katja Bartz und Britta Hinken sagen. Die Ärztinnen am Klinikum der Ernst-Moritz-Arndt-Universität im deutschen Greifswald, haben 50 Väter zu ihren Erlebnissen im Gebärzimmer befragt. Die Schlussfolgerungen ihrer Studie sind gleichzeitig unsere Tipps für werdende Väter: «Wichtig sind eine gute Vorbereitung und offene Gespräche mit der Partnerin. Aber auch der Mut zum Rausgehen, um nicht von der Stütze zum Störenfried zu werden.»
Tanja Polli








