Wenn Profis gebären
Das Gebärzimmer ist ihr Arbeitsort, nun bekommen sie selbst ein Kind. Fällt Geburtshelferinnen dank ihrer Erfahrung das Kinderkriegen leichter? Vier Frauen erzählen.
Stephanie von Orelli (42), Co-Chefärztin der Frauenklinik Maternité Triemli, Zürich, mit Benjamin (3) und Hanna (1).
Schwangerschaft: Meine Schwangerschaften haben mich ziemlich verändert. Ich fühlte grosse Zuversicht und eine seelische Offenheit – eine interessante Erfahrung. Gleichzeitig war ich weniger nervös und agil als sonst, sondern eher ein bisschen ruhiger.
Arbeit: Ich musste mich mehr anstrengen, um mich zu konzentrieren, für vieles brauchte ich ein bisschen länger. Eine Belastung waren die Ärzterapporte. Täglich wurde mir vor Augen geführt, was alles Furchtbares passieren kann während einer Schwangerschaft. Ich hörte von Frühgeburten, kranken oder behinderten Ungeborenen, von Totgeburten. Ich bin dann jeweils schnell in ein freies Untersuchungszimmer geschlüpft, wenn meine Sorge um das Kind in meinem Bauch zu gross war und habe mir selber einen Ultraschall gemacht. Das medizinische Wissen ist für uns schwangere Ärztinnen nicht nur ein Vorteil. Als mein Kollege bei einem Routine-Ultraschall den Oberschenkel meines Babys ungewöhnlich lange anschaute und äusserte, er scheine ihm etwas kurz, rief mein Hirn innert Sekunden alle möglichen Ursachen für diesen Befund ab – bis zu Trisomie 18, eine Chromosomenstörung, bei der das Kind nicht überlebensfähig ist. Zum Glück wars aber Fehlalarm.
Geburtsort: Mir war klar, dass ich an meinem Arbeitsort, damals die Universitätsfrauenklinik in Zürich, gebären würde. Dort kannte ich die Leute und ich durfte für die Geburt die Fachpersonen auswählen, zu denen ich medizinisch und menschlich viel Vertrauen hatte.
1. Geburt: Weil mein Kind bis zum Ende der Schwangerschaft in Steisslage war, entschied ich mich mit meiner Ärztin für einen Kaiserschnitt. Am festgesetzten Termin gingen mein Mann und ich ins Spital, mussten dann aber ziemlich lang warten, weil es einen Notfall gab. In der Cafeteria trafen wir Freunde und während die anderen Kaffee tranken – ich durfte wegen der Operation nichts zu mir nehmen – kamen meine Kollegen vorbei, wünschten mir alles Gute, jemand brachte mir sogar bereits Rosen mit. Es war eine richtig familiäre Stimmung, ich fühlte grosse Vorfreude, gemischt mit ein bisschen Angst. Während der Operation war ich dann ganz Patientin, das Medizinische hat mich überhaupt nicht interessiert; ich wusste, ich und mein Kind sind in guten Händen. Das OP-Team war wahrscheinlich nervöser als ich. Als ich Benjamins ersten Schrei hörte, überwältigte mich die Freude. Hinterher hatte ich jedoch während Tagen sehr mühsame Schmerzen.
2. Geburt: Mein zweites Kind hätte ich sehr gerne spontan geboren, aber ich war nun schon 41 und der untere Teil meiner Gebärmutter sehr dünn. Ich weiss natürlich, dass auch bei einem Kaiserschnitt etwas schief gehen kann. Im Vergleich dazu war mir jedoch das Risiko, dass der Uterus unter der Geburt reissen würde, zu gross. Deshalb entschied ich mich für die Sectio. Alles ging gut und auch die Schmerzen hinterher waren weniger heftig.
Was hat sich verändert? Seit ich eigene Kinder habe, weiss ich, was es heisst, uneingeschränkt Liebe für sie zu empfinden. Bin ich heute bei einer Geburt dabei, rührt mich dieser Moment zutiefst. Auch weil ich weiss, welche fundamentalen Veränderungen nun auf die Eltern zukommen. Wird jemandem ein Kind entrissen, kann ich viel besser verstehen, welche Tragweite dies für die Betroffenen hat. �








