Kaiserschnitt in der Kritik
Die kritischen Stimmen zum Kaiserschnitt werden immer lauter. Neue Studien zur Geburt im Operationssaal zeigen: Der vermeintlich bequeme Schnitt ist alles andere als ungefährlich.
Es scheint, dass sich das Pendel langsam wieder in die andere Richtung bewegt. Noch vor wenigen Jahren vertraten manche Geburtshelfer die Ansicht, ein Kaiserschnitt sei für Mutter und Kind die bequemste Art des Gebärens – optimal planbar,schnell und stressarm, schmerzfrei noch dazu. Die Risiken des Eingriffs – schliesslich ist jede Sectio eine mittelgrosse Bauchoperation – wurden verharmlost oder waren zum Teil noch gar nicht bekannt. Doch plötzlich ist alles anders.Untersuchungen werden veröffentlicht, bei der die Geburt im Operationssaal nicht mehr so gut wegkommt. Ein Beispiel: Im Juli 2009 machten Mediziner vom Unispital Genf Schlagzeilen,weil sie in einer gross angelegten Studie festgestellt hatten, dass Babys, die vor dem Ende der 38. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt auf die Welt kommen, ein deutlich höheres Sterberisiko haben als Kinder,die normal geboren werden. Bei einem geplanten Kaiserschnitt vor Mitte der 37. Schwangerschaftswoche beträgt die Todesfallrate 1,2 Prozent, bei einer natürlichen Geburt in der 40.Woche bloss 0,1 Prozent. Zu diesem etwas schiefen Vergleich kommt es, weil eine geplante Sectio lange Zeit gerne drei Wochen vor dem Geburtstermin gemacht wurde.
Kinder tragen die Konsequenzen
Um die Vor- und Nachteile der operativen und der vaginalen Geburt auszuloten, lud Professor Roland Zimmermann, Direktor der Klinik für Geburtshilfe am Unispital Zürich, kürzlich zu einer Fortbildung ein. Fachleute aus der Schweiz und dem benachbarten Ausland diskutierten den bedeutungsvollen Schritt – oder Schnitt – ins Leben. Sie erörterten kontroverse Studienresultate zur Häufigkeit von Urin-, Stuhl- und Luftinkontinenz und analysierten die Auswirkungen des Geburtsmodus auf das Kind.«Denn das Kind»,so Professor Ulrich Bucher, Direktor der Neonatologie am Unispital Zürich, «wird nicht gefragt, es trägt aber die Konsequenzen.» Der Kinderarzt zeigte eine Videosequenz von einem Neugeborenen, das an akutem Atemnotsyndrom leidet.Verkabelt und mit Mini-Schläuchen in den winzigen Nasenlöchern liegt es auf einer Unterlage, sein Brustkorb hebt und senkt sich in rasantem Tempo, sein Atem ist heftig und schnell. «Das ist eine Situation, die wir dem Kind ersparen wollen», sagt Bucher. Die beste Vorbeugung gemäss Bucher dagegen: die vaginale Geburt. Später ist besser
Ist ein Kaiserschnitt nötig, sollte er möglichst nahe am Geburtstermin erfolgen, sofern nicht schwerwiegende Gründe das frühzeitige Beenden der Schwangerschaft nötig machen. Eine grosse amerikanische Studie belegt, dass Babys, die mehr als eine Woche vor dem Geburtstermin per Kaiserschnitt auf die Welt kommen, in ihren ersten Tagen häufiger an ernsthaften Atemproblemen leiden. Je reifer das Baby bei der Geburt, desto seltener hat es Probleme mit der Atmung. Nicht nur kurz nach der Geburt,sondern anscheinend auch in seinem späteren Leben: Kaiserschnittkinder haben ein zwei- bis viermal höheres Risiko, im Schulalter Asthma zu entwickeln. Der Neonatologe ist auch nicht dafür, vor jedem Kaiserschnitt Lungenreifungsmittel zu verabreichen,obwohl so das akute Atemnotsyndrom nur noch halb so häufig auftreten würde. «Dieses Medikament hat einen Wust von Nebenwirkungen und Langzeitkonsequenzen, beeinflusst möglicherweise gar die Hirnentwicklung. Die Forschung auf diesem Gebiet beginnt erst», sagt Bucher. Trotz grösserem Bewusstsein für die negativen Aspekte der operativen Geburt ist die Kaiserschnittrate bis jetzt noch in kaum einem Spital bedeutend gesunken. «Wir haben vermehrt ältere Gebärende mit höheren Risiken wie Frühgeburtlichkeit, Zwillingen, Schwangerschaftsvergiftung oder Diabetes», sagt Stephanie von Orelli, Chefärztin an der Maternité im Zürcher Triemlispital. Um das Baby jedoch nicht durch einen frühzeitigen Start ins Leben zu gefährden, werden hier geplante Kaiserschnitte nur in den Schwangerschaftswochen 39 und 40 durchgeführt.Veronica Bonilla Gurzeler








