Gegen den Schmerz
Gebären tut weh. Zum Glück gibt es Mittel und Wege, den Schmerz zu lindern. Eine Übersicht.
So unterschiedlich wir sind, so individuell empfinden wir auch Schmerzen. Die Forschung hat gezeigt, dass Schmerz keine feste Grösse ist, sondern erst im Kopf entsteht. «Im Gehirn wird festgelegt, wie intensiv der Schmerz ist, ob er grausam, bedrohlich, lästig oder unerträglich ist», sagt Dr. Susanne Baarfüsser, Schmerzexpertin an der Klinik Kirschgarten in Basel, «deswegen ist es so wichtig, worauf das Gehirn eingestimmt ist.»
Die richtige Einstellung hilft
Studien haben gezeigt, dass wir einen Schmerzreiz besser ertragen, wenn wir uns auf einen schwachen Reiz einstellen – egal wie stark er dann wird. Dies nicht zuletzt deswegen, weil wir uns automatisch verspannen, wenn wir Angst vor etwas haben. Dr. Anna Raggi, Oberärztin an der Frauenklinik des Universitätsspitals Basel hat festgestellt, dass Frauen die Schmerzen besser ertragen wenn sie darauf vorbereitet sind und die Haltung vertreten, Gebären tue zwar weh, sei aber das Natürlichste der Welt.
Nicht zuletzt ist das Schmerzempfinden auch von der anatomischen Struktur der Frau bestimmt: «Muss eine Frau mit einem engen Becken ein entsprechend grosses Kind gebären, kann der Geburtsverlauf viel länger sein und die Schmerzen stärker – einfach nicht mehr zum Aushalten. Hier kann die PDA sehr gut helfen.»
Strafe Gottes?
Unter Schmerzen wirst du deine Kinder gebären, soll Gott Eva zum Geleit mitgegeben haben, als er sie und Adam nach dem Sündenfall aus dem Paradies vertrieb. Der Geburtsschmerz als Strafe Gottes – wofür? «Wieso soll ich solch grausame Schmerzen ertragen, wenn es effektive Methoden gibt, diese zu lindern?», fragt sich die moderne Frau. Kaiserschnitt, Periduralanästhesie, Schmerzmittel sind in den meisten Spitälern heute allgegenwärtig. Wenn uns hämmernde Kopfschmerzen den Alltag vermiesen, schlucken wir schliesslich auch eine Tablette und kein Chirurg würde heute das Skalpell zücken, ohne sich zu versichern, dass beim Patient für ausreichend Schmerzlinderung gesorgt wurde.
Die Kundin ist Königin
Doch um Geburtsschmerzen kommt frau auch mit modernster Medizin nicht ganz herum. Denn eine PDA setzen Anästhesisten oft erst, wenn der Muttermund einige Zentimeter eröffnet ist. «Vorher könnte sie den Geburtsverlauf negativ beeinflussen», erläutert Gynäkologin Anna Raggi. «Hält die Frau die Schmerzen jedoch schon eher nicht mehr aus, soll sie bereits dann gemacht werden.» Auch Angelika Brandenstein, Hebamme in der Privatklinik Hirslanden in Zürich, findet die PDA eine gute Sache: «Sie macht die Geburt leichter. Wenn eine Frau keine Kraft oder Motivation mehr für die weitere Geburtsarbeit hat, verhindert die PDA manchmal einen Kaiserschnitt.»
Noch gar nicht lange ist es her, dass in den Gebärabteilungen Ärzte und Hebammen bestimmten, wie die Frauen zu gebären hatten – heute ist die Kundinnenfreundlichkeit oberstes Gebot. Die Schwangere kann selbst entscheiden, wie sie ihr Kind auf die Welt bringen will. Viele Geburtshelferinnen raten den werdenden Müttern aber auch heute noch, eine normale Geburt anzustreben. «Die Geburtserfahrung kann sehr schön und erfüllend sein, und es ist eine grosse Leistung, ein Kind zu gebären», so die Gynäkologin Anna Raggi. «Geburtsschmerzen machen stark für das, was mit dem Kind auf einen zukommt», meint auch Hebamme Angelika Brandenstein.
Blind vor Angst?
Der weibliche Körper ist dafür eingerichtet, Kinder auf die Welt zu bringen. Viele Milliarden Frauen vor uns haben es bewiesen. Denn wären die Geburtsschmerzen so schlimm, wären wir schon längst ausgestorben. Könnte es also sein, dass der Geburtsschmerz heute überbewertet wird? Dass uns die Angst davor blind für die Tatsache macht, dass wir es schaffen können? Dass wir nicht mehr wissen, was eine Geburt überhaupt ist?
Veronica Bonilla Gurzeler








