Schonender gebären dank Gleitmittel
Ein Gynäkologe hat ein Gleitmittel entwickelt, das die Geburt sanfter und bis zu 30 Prozent kürzer machen soll.
Schnell und sanft zu gebären, ist der Wunsch aller Schwangeren. Doch gerade beim ersten Kind sieht die Realität oft anders aus: Rund 20 Prozent der Frauen, die sich für eine Spontangeburt entscheiden, werden per Notfall-Kaiserschnitt entbunden, bei weiteren 20 Prozent wird mit Saugglocke oder Zange eingegriffen.
Jetzt soll der Traum von der schonenden Geburt etwas näher rücken: Seit Anfang Jahr ist in der Schweiz ein spezielles Gel erhältlich, das laut ersten Studien die Geburt durchschnittlich um bis zu einem Drittel verkürzen soll. Entwickelt hat das «Dianatal-Geburtsgel» der Zürcher Gynäkologe Dr. Andreas Schaub. «Die Idee ist bestechend einfach», sagt Schaub, «während der Geburt entstehen zwischen Ungeborenem und Vagina extrem hohe Reibungskräfte. Das Gel reduziert diese und erleichtert somit dem Baby den Weg durch den Geburtskanal.»
Im Stall ganz normal
Ganz neu ist die Anwendung von Gleitmitteln bei Geburten nicht. Bereits in der Antike benutzten Geburtshelfer Olivenöl und in der tiermedizinischen Geburtshilfe gilt es sogar als Kunstfehler, bei Komplikationen kein Gleitmittel einzusetzen.
Warum Frauen so lange auf diese Innovation warten mussten, kann sich Schaub nur so erklären: «Die Pharmaindustrie hat wohl einfach zu wenig Interesse an der problemlosen natürlichen Geburt.» Renato Keller, Bayer Schering Pharma, sagt dazu: «Ich habe mich auch gefragt, warum wir nicht selber auf die Idee gekommen sind.» In den Gremien, welche über die Forschungsbudgets entschieden würde, sässen praktisch nur Männer. «Die gehen wohl mehrheitlich davon aus, dass eine Geburt nichts ist, was optimiert werden muss. Die Schmerzen kennen sie ja nur vom Hörensagen.»
Dr. Daniel Surbek, Chefarzt Geburtshilfe der Frauenklinik am Inselspital Bern, vermutet andere Gründe. Er bezweifelt, dass der Effekt des Gleitgels im Vergleich zu anderen Gels tatsächlich so gross ist, wie die Hersteller versprechen. Und neu sei die Idee für ihn auch nicht: «Am Inselspital verwenden wir schon lange Gels zur Untersuchung, aber auch zum Beispiel Nachtkerzenöl, wenn die Geburt nur schleppend vorankommt.» Obwohl er die Idee des Geburtsgels grundsätzlich interessant findet, will er sich erst überzeugen lassen, wenn klinische Studien beweisen würden, dass dieses Mittel anderen Produkten überlegen sei.
30 Prozent kürzer
Die Resultate der ersten Studien über den Einsatz von «Dianatal» liegen bereits vor. Verglichen wurden die Geburten von 183 Erstgebärenden in den Kantonsspitälern Frauenfeld, Schaffhausen und Basel. Der Hälfte der Schwangeren applizierten die Hebammen bei Geburtsbeginn Gel in die Vagina, während man bei der anderen Hälfte auf ein Gleitmittel verzichtete.
Die Studien-Ergebnisse sind ganz im Sinne des Herstellers: Die Geburtsdauer reduzierte sich bei den Frauen unter Anwendung von «Dianatal» um bis zu 30 Prozent oder 106 Minuten. Die für Mutter und Kind belastende Austreibungsphase wurde im Durchschnitt um 26 Minuten verkürzt.
«Die Resultate haben uns selber überrascht», sagt Dr. Verena Geissbühler, Studienleiterin und zukünftige Chefärztin der Frauenklinik Thun. Neben der Geburtsdauer hätte sich dank des Gleitmittels auch die Anzahl der Dammverletzungen um fast die Hälfte reduziert. Das sei natürlich ein grosser Vorteil für die Frauen, so Geissbühler. Sie warnt aber gleichzeitig vor allzu hohen Erwartungen: «Ein Spaziergang ist eine Geburt auch mit Gleitgel nicht.»
Eine Aussage, die Marianne Botta Diener, seit kurzem siebenfache Mutter, nur unterstreichen kann. «Auch beim siebten Kind kommt man an seine Grenzen – trotz Geburtsgel.» Dennoch würde Botta nicht mehr ohne gebären: «Nach zwei Presswehen war meine Tochter da, und meine Vagina hat sich noch nie so unversehrt angefühlt wie dieses Mal.»
Das Geburtsgel ist seit Januar dieses Jahres auf dem Markt. Allerdings bieten bis heute nur wenige Kliniken und Geburtshäuser ihren Gebärenden «Dianatal» an. Beim Hebammenverband gibt man sich bislang zurückhaltend: «Wir haben uns noch keine Meinung gebildet», sagt Zentralsekretärin Christine Rieben. Am Kantonsspital Winterthur wird «Dianatal» vorläufig nicht angewendet, und Paula Lattanzi, Hebamme am Triemli-Spital in Zürich, sagt: «Wir haben noch keine Erfahrungen, aber ich bin skeptisch. Wir haben andere Methoden, eine Geburt voranzutreiben.» Schwangere, die von einer Gelgeburt profitieren möchten, erkundigen sich also am besten frühzeitig in ihrer Wunschklinik oder fragen ihren Arzt oder ihre Ärztin danach.
Tanja Polli








