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Einmal Kaiserschnitt, immer Kaiserschnitt?

War früher nach einem Kaiserschnitt eine normale Geburt nicht mehr möglich, ist eine Sectio-Narbe heute kein Grund mehr, bei einem weiteren Kind auf eine natürliche Geburt zu verzichten. Sofern bestimmte Voraussetzungen gegeben sind.


Als «absoluten Horror» bezeichnet Manuela Battafarano ihre erste Geburt. Tochter Emilia, heute 6, kam nach einem Notfallkaiserschnitt bewusstlos zur Welt. Der Muttermund ging nach einer Geburtseinleitung nicht auf und die Herztöne des Ungeborenen verschlechterten sich dramatisch. Nach einem eilig durchgeführten Kaiserschnitt lag Emilia, 4500 Gramm schwer und 56 cm lang, leblos in den Händen des Arztes. Bevor ihre Mutter das Neugeborene sehen konnte, wurde es mit dem Helikopter in die nächste Kinderklinik geflogen. «Ich hatte nur noch Panik, war total erschöpft», erinnert sich Manuela Battafarano. Nicht einmal dass sich ihre Tochter erstaunlich schnell erholte, konnte die junge Mutter über die traumatische Erfahrung hinweg trösten. «Wenn ich meine Tochter in den Armen hielt und sie anschaute, kamen mir die Tränen.»

Eineinhalb Jahre nach Emilias Geburt wird die freischaffende Künstlerin wieder schwanger. Der Wunsch, das zweite Kind natürlich zu gebären, war von Anfang an da. Die alten Ängste auch. Battafarano sucht sich eine Hebammen-praxis, die professionelle Geburtsverarbeitung anbietet. Als sie dort zusammen mit der Hebamme die bevorstehende Geburt visualisiert, sieht sie sich selber im Wasser gebären. Die Geburt ist kurz und wunderschön. Das Kind gesund. «Die meisten Mütter wünschen sich nach einem Kaiserschnitt eine normale Geburt», sagt Ute Taschner, Ärztin und Autorin des Buches «Meine Wunschgeburt». Ein Ansinnen, das laut Taschner wann immer möglich unterstützt werden sollte.

«Wir sind grundsätzlich offen», sagt Patric Beer, Chefarzt der Frauenklinik des Spitals Bülach. «Wichtig ist, dass vor der Geburt sehr genau abgeklärt wird, ob die Gründe, die beim ersten Kind zum Kaiserschnitt geführt haben, nicht mehr bestehen», sagt er und verweist auf die Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. «Solange nicht klare Gründe einen geplanten Kaiserschnitt angezeigt scheinen lassen, besteht die Wahl zwischen einem Kaiserschnitt und einer vaginalen Geburt», steht in deren Informationsblatt für Schwangere mit vorausgegangenem Kaiserschnitt.

Risiko Narbenriss klein
Das war nicht immer so. Bis in die Fünfziger Jahre galt in der Geburtshilfe: «Einmal Kaiserschnitt, immer Kaiserschnitt.» Die damals praktizierte Operations-methode führte zu einer langen horizontalen Narbe über den ganzen Bauch. Man befürchtete zu Recht, das verletzte Gewebe würde den Wehen bei einer natürlichen Geburt nicht standhalten. Mit dem heute gängigen Unterbauch-Querschnitt sind Gebärmutterrisse, die zu Komplikationen führen, zum Glück selten geworden. Eine Studie des Bundesamtes für Statistik untersuchte im Jahr 2004 mehr als 69 000 Geburten in Schweizer Kliniken. In 90 Fällen (0,13 Prozent) kam es zu einem Uterusriss. Keine der betroffenen Mütter ist daran gestorben. Die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe weist ein bis zwei Risse auf 1000 Geburten aus.

Ob mehrere aufeinander folgende Kaiserschnitte das Risiko eines Narbenrisses erhöhen, ist unter Experten umstritten. Voraussetzung für die sogenannte VBAC (vaginal birth after cesarean) bleibt natürlich, dass die Gründe, die beim ersten Kind zu einem Kaiserschnitt geführt haben, nicht mehr bestehen und keine neuen dazugekommen sind: eine Querlage zum Beispiel, ein Kopf-Becken-Missverhältnis oder ein Kind, dessen Gewicht über 4 kg geschätzt wird. «Das Geburtsgewicht war mein Damoklesschwert», erinnert sich Manuela Battafarano. Da Emilia überdurchschnittlich gross war, befürchtete sie, auch ihr zweites Kind könnte zu gross werden. «Ich sprach immer wieder zu ihr und bat sie, nicht zu schwer zu werden», erzählt Battafarano mit einem Schmunzeln.

Wehen müssen von alleine einsetzen
Ob eine vaginale Geburt gelingt, hängt laut Ute Taschner wesentlich vom Umfeld der Schwangeren ab. Sie rät darum: «Suchen Sie sich einen Arzt, der sie wirklich unterstützt. Es hat keinen Sinn, sich immer wieder verunsichern zu lassen.» Grundsätzlich stehen die Chancen auf eine natürliche Geburt gut. Etwa die Hälfte aller Kaiserschnittmütter bekommt ihr zweites Kind auf natürlichem Weg. Rund drei Viertel aller geplanten vaginalen Geburten nach Kaiserschnitt gelingen. Wichtigster Faktor dabei: Die Wehen müssen von alleine einsetzen. Werden die Wehen künstlich herbeigeführt, sinkt die Chance auf eine vaginale Geburt von fast 80 auf 50 Prozent und die Gefahr eines Uterusrisses steigt markant an. «Hände weg von allen Einleitungsversuchen», warnt denn auch Taschner, «auch von sogenannt natürlichen wie Rhizinusöl.»

Für Taschner ist unter idealen Voraussetzungen sogar eine Geburt im Geburtshaus oder eine Hausgeburt möglich. Gewisse Bedingungen müssen dafür allerdings erfüllt sein: Eine geeignete Klinik muss für den seltenen Fall von Komplikationen in erreichbarer Nähe sein, und die begleitende Hebamme muss Erfahrung mit Geburten nach Kaiserschnitt haben. Beim Schweizerischen Hebammenverband ist man vorsichtiger. Laut Liliane Maury Pasquier, Präsidentin und Medienverantwortliche, gibt es Hebammen, die Hausgeburten nach Kaiserschnitt anbieten. Spezielle Richtlinien dazu gibt es beim Hebammenverband nicht. Persönlich rät sie Frauen mit vorangegangenem Kaiserschnitt aber zu einer Klinikgeburt. Ein gewisses Risiko bestehe nun mal, sagt sie. Und: «Grundsätzlich sollte es in jeder Klinik möglich sein, natürlich zu gebären. » Auch wenn sie selber wisse, dass dies oft nur gelinge, wenn die Schwangere sehr genau wisse, was sie wolle.

Manuela Battafarano wusste es. Sie besprach sich mit Ärztin und Hebamme. Bestand darauf, dass das Gebärzimmer abgedunkelt war, dass eine Badewanne zur Verfügung stand und dass keine Medikamente eingesetzt werden. Anna, 3800 Gramm schwer, kam nach einer Bilderbuchgeburt im Wasser zur Welt. «Als sie mir Anna auf die Brust legten und sie mir in die Augen schaute, war alles in mir geheilt», erinnert sich die Mutter sichtlich gerührt. Beim dritten Kind, dem kleinen Simeon, der gerade mit wackligen Schritten um den Tisch rennt, stellte sich die Frage nach einem Kaiserschnitt gar nicht mehr. Er hatte es so eilig, dass seine Eltern es gerade noch in die Klinik schafften, bevor der 3900 Gramm schwere und 53 Zentimeter lange Wonneproppen auf der Welt war.
 

Tanja Polli


Einmal Kaiserschnitt, zwei natürliche Geburten: Manuela Battafarano mit ihrer Familie (Foto: Tina Steinauer)

Das gilt es zu bedenken

Die meisten Ärzte raten von einer vaginalen Entbindung ab, wenn:

  • der letzte Kaiserschnitt weniger als 18 Monate zurückliegt
  • schon mehrere Kaiserschnitte durchgeführt wurden
  • es schon einmal einen Gebärmutterriss gegeben hat
  • die Schwangere deutlich übergewichtig ist
  • das Baby nicht in Kopflage liegt
  • das Baby deutlich zu klein oder zu gross ist
  • die Kaiserschnittnarbe vertikal verläuft (bei Section nach Frühgeburt)

Info und Bücher


www.wirhebammen.ch
www.kaiserschnitt.ch



Brigitte Renate Meissner: «Kaiserschnitt und Kaiserschnittmütter.
Ein Mutmacher zur seelischen Versöhnung.»
Meissner-Verlag, Fr. 34.90

Vorankündigung:
Von Ute Taschner wird im Winter 2010/11 in der Edition Riedenburg das Buch «Meine Wunschgeburt. Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt» erscheinen.

 
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