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(Fast) schmerzfrei gebären

Immer häufiger entscheiden sich Schwangere vor oder während der Geburt für eine Periduralanästhesie. Was vielen als Segen erscheint, birgt auch Tücken. Um nicht enttäuscht zu werden, sollte frau sich vorgängig schlau machen.


Geburtsschmerz als Strafe für Evas lustvollen Biss in den paradiesischen Apfel? Wohl kaum. Die Erbsündenthese wurde zum Glück längst abgelöst durch wissenschaftliche Argumente, die erklären, warum es schmerzt, ein Kind zu gebären. Zum einen ist der Kopfumfang des Menschen – anders als bei den Tieren – relativ gross, bedingt durch das grosse Gehirn. Zum andern entwickelte der Mensch durch den aufrechten Gang einen starken Beckenboden, der die Eingeweide davor bewahrt, «herauszurutschen». Die Geburt eines Kindes ist also ein funktionaler Widerspruch – und kann höllisch wehtun. Welch ein Glücksfall deshalb die medizinische Errungenschaft der Epidural- oder Periduralanästhesie, kurz PDA genannt. In der Schweiz bringen mittlerweile rund 25 Prozent der Frauen ihr Kind mit dieser speziellen Teilnarkose zur Welt.

Der verhältnismässig kleine Eingriff kann den Geburtsverlauf deutlich erleichtern. Zunächst klärt eine Anästhesistin in einem Vorgespräch ab, ob bei der Mutter Unverträglichkeiten bestehen. Dazu gehören Allergien gegen das Anästhetikum, Blutgerinnungs-störungen oder eine Erkrankung des zentralen Nervensystems. Zieht die Schwangere eine PDA in Erwägung und spricht medizinisch nichts dagegen, muss sie das schriftlich bestätigen. Sobald die Wehen eingesetzt haben und die Mutter im Spital ist, kann die PDA zu jedem Zeitpunkt der Geburt eingeleitet werden. Die Muttermundweite spielt dabei keine Rolle. «Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass es bei einer Muttermundöffnung ab 8 Zentimeter zu spät sei für eine Periduralanästhesie», sagt die Anästhesistin Nicole Ritsch aus Schlanders im Südtirol. Allerdings mache es auch keinen Sinn, ein Anästhetikum zu setzen, wenn die Geburt unmittelbar bevorstehe oder in den nächsten 15 bis 30 Minuten erwartet werde. Denn solange braucht eine PDA, bis sie wirkt.

Für den Eingriff selber wird die Einstichstelle lokal betäubt. Danach beugt sich die Gebärende abgestützt auf dem Bett vornüber, damit die Ärztin zunächst eine Nadel, dann den hauchdünnen und biegsamen Katheter in den Raum um die Spinalwurzel (Periduralraum) einführen kann. Nun breitet sich das eingespritzte Betäubungsmittel im Rückenmark aus und blockiert die Übertragung von Nervensignalen. Mittlerweile gibt es Spitäler, in denen die Frauen das einfliessende Betäubungsmittel selber dosieren können. Je nach Menge wird die Schmerzweiterleitung mehr oder weniger gehemmt. Der Unterleib ist jetzt zwar betäubt und auch das Gefühl in den Beinen lässt deutlich nach. Dennoch vermag die Mutter mit Hilfe ihres Mannes oder der Hebamme langsam im Geburtszimmer umherzugehen. Da der der Katheter mit einem Pflaster festgeklebt ist, kann die Gebärende problemlos die Positionen wechseln oder sogar auf dem Rücken liegen. Nur Wassergeburten sind wegen Infektionsgefahr ausgeschlossen.

Schmerzgrenze variiert von Frau zu Frau

Eine PDA gilt als die wirksamste sicherste medikamentöse Form der Schmerzlinderung unter der Geburt. Dennoch birgt sie einige Nachteile, auf welche die Mütter im Vorfeld oft ungenügend hingewiesen werden. Grundsätzlich reagiert jede Gebärende unterschiedlich auf Schmerz. Deshalb ist es sowohl für sie selber als auch für ihre Geburtsbegleiter nicht immer einfach einzuschätzen, wann und ob überhaupt eine PDA gewünscht wird. Manche Frauen wünschen sich eine Geburt ohne PDA – und halten die Wehen dann doch nicht aus. Andere entscheiden sich während der Geburt gegen die ursprünglich beabsichtigte Epiduralanästhesie.

Es ist eine Illusion zu glauben, eine Geburt könne dank PDA völlig schmerzfrei und en passant erledigt werden. Denn zum einen sind auch mit PDA «Restschmerzen» zu ertragen, zum andern spielen beim Gebären noch ganz andere Faktoren eine Rolle. «Die Freiheit von Schmerz ist nämlich für die meisten Frauen keineswegs das Hauptkriterium für eine gelungene Geburt», sagt die Ärztin Nicole Ritsch und warnt vor allzu hohen Erwartungen. Studien belegen, dass Mütter, die mit PDA geboren haben, durchschnittlich enttäuschter waren vom Geburtsverlauf als Frauen ohne PDA. Und das, obwohl 90 Prozent der behandelten Frauen weniger oder gar keinen Schmerz fühlten.

Gefühl von Kontrollverlust
Was aber sind die Gründe für die Unzufriedenheit beim Gebären mit PDA? Möglicherweise verliefen diese Geburten zum Vornherein harziger und schmerzintensiver, weshalb die Mütter überhaupt eine PDA gewünscht haben. Umgekehrt aber bedeutet eine Teilanästhesie immer auch ein Korsett, in welchem sich die Gebärende zur Passivität gezwungen sieht, da sie sich nicht mehr völlig frei bewegen kann. Damit einhergehen kann ein Gefühl von Kontrollverlust und der Abhängigkeit von Überwachungsmonitoren. Neben psychologischen Unwägbarkeiten kann eine PDA auch direkt den Geburtsverlauf beeinflussen: Die zweite Phase der Geburt, die Austreibungsphase, dauert mit periduraler Betäubung durchschnittlich 15 Minuten länger als ohne PDA. Zudem kommen operative Eingriffe wie eine Vakuumextraktion (Saugglocke) oder eine Zangengeburt mit einer PDA häufiger vor. Und mehrere Studien weisen darauf hin, dass Neugeborene nach einer PDA-Geburt schläfriger oder reizbarer sind. Wobei das damit einhergehende veränderte Saugverhalten in den ersten Wochen sogar das Stillen erschweren könnte, wie das deutsche Fachmagazin «Die Hebamme» schreibt.

Mit Sinn und Verstand eingesetzt, kann eine Periduralanästhesie aber hilfreich und nützlich sein. Wichtig ist jedenfalls, sich gründlich über die Vor- und Nachteile zu informieren, und sich zu nichts drängen zu lassen. «Es wäre vermessen zu glauben, man tue allen Müttern etwas Gutes, wenn man ihnen eine schmerzlose Geburt anbietet», sagt die Ärztin Nicole Ritsch. Genauso vermessen halt, wie wenn man Müttern auf Biegen und Brechen eine «natürliche» Geburt aufzwingen will.
 

Manuela von Ah


Qual der Wahl: Das Betäubungsmittel wartet auf seinen Einsatz. (Quelle: wikipedia)

Vorteile und Nachteile

Vorteile

  • Die Aussicht auf eine Periduralanästhesie kann der Schwangeren die Angst vor der Geburt nehmen.
  • Richtig eingesetzt, kann eine PDA Schmerzintensität und -dauer wesentlich reduzieren.
  • Eine PDA kann bei langwierigen und schwierigen Geburten den Verlauf positiv beeinflussen und unter Umständen sogar einen Kaiserschnitt verhindern helfen.
  • Allfällige Dammschnitte oder -risse können nach der Geburt ohne zusätzliche Lokalnarkose genäht werden

Nachteile

  • Falsche oder zu hohe Erwartungen.
  • Der Blutdruck der Mutter kann abfallen.
  • Beim Verlust von Gehirnflüssigkeit (Liquor) können stunden- oder tagelange Kopfschmerzen die Folge sein (1-2 von 100 Fällen ).
  • Die Austreibungsphase dauert etwas länger.
  • Das Baby zeigt möglicherweise einen verminderten Saugreflex.
  • Infektion der mütterlichen Rückenmarkshaut (sehr selten)
  • Blutungskomplikationen (sehr selten)

 
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