Geburt im Operationssaal
Von der gefürchteten Notfalloperation zur Standard- Entbindungsmethode: Jedes dritte Kind kommt in der Schweiz heute durch Kaiserschnitt auf die Welt.
Angelina Jolie, Victoria Beckham oder die japanische Prinzessin Kiko haben eines gemeinsam: Sie alle haben ihre Kinder mit Hilfe eines Chirurgen entbunden. Angelina Jolie konnte nicht auf normalem Weg gebären, weil Tochter Shiloh «falsch herum» lag. Victoria Beckham soll darauf geachtet haben, dass die Geburtstermine jeweils auf einen spiel- und trainingsfreien Tag ihres Gatten fielen. Auch den Geburtstag des japanischen Thronfolgers wusste die Welt bereits im Voraus. Das kaiserliche Kind wurde – erstmals in der Geschichte Japans – wegen Risikoschwangerschaft gleich drei Wochen zu früh per Kaiserschnitt entbunden.
Doch nicht nur unter Blaublütigen und Promis ist die Sectio caesarea heute weitverbreitet. Auch hierzulande kommen immer mehr Kinder nicht mehr auf natürlichem Weg auf die Welt. Laut Bundesamt für Statistik wurden in der Schweiz 2004 29,2 Prozent der Babys vom Chirurgen entbunden. Bei den privat Versicherten liegt die Rate deutlich höher, nämlich bei 44 Prozent. Damit steht die Schweiz im europäischen Vergleich an der Spitze. In Deutschland beträgt die Kaiserschnittrate 26,8 Prozent, in Frankreich 19,6 Prozent und in Holland nur 13 Prozent; dort erblickt dafür jedes dritte Kind zu Hause das Licht der Welt.
Das war nicht immer so. Lange Zeit war ein Kaiserschnitt die Schreckensvision aller schwangeren Frauen. Er wurde nur im äussersten Notfall gemacht, und immer ging es um Leben und Tod von Mutter und Kind. Im Römischen Reich, wo der Kaiserschnitt seinen Namen erhielt, wurde die Operation gar per Gesetz verordnet: Die «lex caesarea» schrieb vor, einer sterbenden oder bereits gestorbenen Frau das Kind per Bauchschnitt zu entnehmen, um es zu retten oder zumindest getrennt beerdigen zu können. Ganz so makaber geht es in der Neuzeit nicht mehr zu. Anfang des letzten Jahrhunderts überlebten jedoch erst 80 Prozent der Frauen den Notfalleingriff.
Vom Längs- zum Querschnitt
Sicherer geworden ist die Operation erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis dahin hatte man Haut, Muskelhaut und Gebärmuttermuskel mit einem senkrechten Schnitt durchtrennt, der drei Zentimeter über dem Nabel ansetzte und drei Zentimeter über dem Schambein endete. Abgesehen davon, dass eine auffällige Narbe zurückblieb, konnten zahlreiche Komplikationen auftreten: Blutungen der Gebärmutterwand und Infekte waren zu befürchten, Verwachsungen mit der Narbe konnten zum Darmverschluss führen und häufig wuchs die Narbe der Gebärmutter nicht richtig zusammen, sodass bei weiteren Schwangerschaften ein Narbenriss drohte.
In den 50er- und 60er-Jahren gingen immer mehr Chirurgen und Gynäkologen dazu über, den Uterus durch einen quer verlaufenden Schnitt oberhalb der Schamhaare zu öffnen. Damit verringerte sich das Komplikationsrisiko drastisch. Und – nicht ganz unwichtig im Hinblick auf die kommenden Jahrzehnte des Körperkults – eine solche Narbe liess sich auch unter knappen Bikinihöschen verbergen.
In 30 Minuten auf der Welt
Gleichzeitig hielten medizinische Fortschritte in der Geburtschirurgie Einzug: Antibiotika und Bluttransfusionen standen schon länger zur Verfügung. In den 80er-Jahren wurden auch Spinal- und Periduralanästhesie (PDA) beliebt, die den Vorteil haben, dass das Narkosemittel nicht in den Blutkreislauf der Mutter gelangt. Heute erlebt die Gebärende die Schnittentbindung also bei vollem Bewusstsein. «Eine Vollnarkose wird nur noch im absoluten Notfall gemacht, bei Blutgerinnungsstörungen oder wenn eine Spinalanästhesie aus technischen Gründen nicht möglich ist», sagt Prof. Dr. Daniel Surbek, Chefarzt Geburtshilfe an der Universitäts-Frauenklinik Bern.
Ein weiterer Meilenstein ist 1994 zu verzeichnen: Ein Gynäkologe stellte im Misgav-Ladach-Spital in Jerusalem eine veränderte Operationstechnik vor, die mittlerweile den Namen des Krankenhauses trägt und weltweit Standardmethode ist. Bauchdecke und Gebärmutter werden nur leicht eingeschnitten und durch Dehnen und Reissen weiter geöffnet. Dies schont die Struktur des Gewebes und verringert Komplikationen. Daniel Surbek: «Dadurch beschleunigt sich der Heilungsprozess, die Schmerzen nach der Operation sind schwächer, und der Eingriff dauert gerade noch eine halbe Stunde.» Geht alles gut, können Mutter und Neugeborenes heute sieben Tage nach der Operation nach Hause, manche schon früher.
Längere Indikationsliste
Doch die medizinische Entwicklung allein erklärt nicht, wieso die Sectiorate innert 50 Jahren von 3 auf 30 Prozent gestiegen ist. Früher kam es fast nur bei Nabelschnurvorfall, Problemen mit der Plazenta, bei grossem Babykopf im Verhältnis zum mütterlichen Becken sowie bei Stirn- oder Querlage zur Geburt durch den Chirurgen. «Heute ist die Indikationsliste ungleich länger», sagt Surbek. Weil die gebärenden Mütter immer älter sind, steigt der Prozentsatz der sogenann-ten Risikoschwangeren. Typ-2-Diabetes, hoher Blutdruck und damit die Gefahr einer Schwangerschaftsvergiftung nehmen zu. Ebenso Zwillingsschwangerschaften, die auch wegen der Zunahme der künstlichen Befruchtung häufiger werden. Surbek: «Zwillinge können auch normal geboren werden, die Lage der Kinder oder unterschiedliches Geburtsgewicht führen aber häufig zur Sectio.» Auch Babys in Steisslage, immerhin
5 Prozent aller Geburten, werden kaum mehr normal entbunden, seit vor sieben Jahren eine Studie zeigte, dass das Risiko für das Kind bei einer vaginalen Geburt leicht erhöht ist. «Bei genügend Erfahrung der Geburtshelfer und entsprechender Infrastruktur wäre eine normale Geburt sehr wohl möglich und medizinisch vertretbar, aber die wenigsten Schwangeren wünschen dies», sagt Surbek.
Die Frage liegt auf der Hand: Wieso überhaupt noch vaginal gebären? «Die beste Geburt ist die natürliche Geburt ohne Komplikationen», ist Surbek überzeugt und ergänzt: «Aus medizinischer Sicht ist der geplante Kaiserschnitt hingegen besser als eine vaginale Geburt mit schweren Komplikationen oder ein Notfallkaiserschnitt.» Eine natürliche Geburt hat Vorteile: Während sich das Neugeborene durch den engen Geburtskanal zwängt, wird gleichzeitig das Fruchtwasser aus seiner Lunge gepresst. Neugeborene nach geplantem Kaiserschnitt, bei denen dieser Vorgang fehlt, haben häufiger Anpassungsprobleme und brauchen manchmal vorübergehende Überwachung. Hinzu kommt, dass eine Geburt aus eigener Kraft für viele Frauen eine grosse Bedeutung hat. Der Kaiserschnitt ist zwar mittlerweile die häufigste Operation an Schweizer Spitälern, doch auch dieser Routineeingriff birgt Risiken. Surbek: «Blutungen, Infektionen und Anästhesieprobleme können auftreten.»
Anderseits ist der Geburtsverlauf bei einer natürlichen Geburt kaum voraussehbar. Gewisse Frauen fürchten diese Unsicherheit, die Schmerzen, haben Angst vor einem Kontrollverlust. «Schmerzen müssen nicht sein», sagt der Spezialist. In der Frauenklinik des Inselspitals erhalten heute 25 bis 30 Prozent der Gebärenden eine PDA. Trotzdem – manche Fachleute meinen auch deswegen – ist der häufigste Grund für einen sekundären Kaiserschnitt, also eine ungeplante Sectio nach Wehenbeginn, der Geburtsstillstand. Die Mutter hat seit Stunden Wehen, doch der Muttermund öffnet sich nicht vollständig, das Kind schiebt sich nicht in den Geburtskanal oder bleibt stecken. Manchmal verschlechtern sich auch noch die Herztöne.
Trauma Notfallkaiserschnitt
Oft wird es plötzlich hektisch im Kreisssaal. Hebamme und Arzt erklären der Gebärenden die Situation. Für Frauen, die sich eine natürliche Geburt gewünscht haben, bricht in diesem Moment oft eine Welt zusammen. Andere fühlen sich überfordert, weil sie sich während der Schwangerschaft nie mit einem Kaiserschnitt auseinandergesetzt haben. «Im Geburtsvorbereitungskurs wurde zwar detailreich erklärt, wie wir einen Dammschnitt vermeiden können oder wie sich das Kind durch den Geburtskanal zu schieben hat. Das Szenario Kaiserschnitt jedoch wurde kaum erwähnt», erinnert sich Diana Aust, Mutter mit viermal Kaiserschnitt.
Die Erfahrung zeigt, dass es für die meisten Frauen einen grossen Unterschied macht, ob sie sich bereits während der Schwangerschaft auf einen Kaiserschnitt vorbereiten konnten. Hat eine Schwangere Tage oder gar Wochen Zeit, sich mit dem Eingriff auseinanderzusetzen, und weiss sie, was auf sie zukommt, ist sie meist viel gelassener. Probleme und Komplikationen, sowohl körperlicher wie auch seelischer Art, treten seltener auf. Wer jedoch von einem Notfallkaiserschnitt überrascht wird, hat oft mehr Mühe, das Geschehene zu akzeptieren und zu verarbeiten. Die Geburt bleibt als enttäuschendes, im schlimmsten Fall traumatisierendes Ereignis in Erinnerung. «Ich konnte lange Zeit nicht mehr an der Geburtsklinik vorbeifahren, ohne in Tränen auszubrechen», erzählt Gisela Schödler nach ihrem ungeplanten Kaierschnitt. «Immer wenn von Gebären die Rede war, bemerkte ich, wie ich mich tief in mir drin wütend, traurig und um das Erlebnis des Gebärens betrogen fühlte», sagt eine andere Kaiserschnittmutter. Beiden Frauen ging es erst besser, nachdem sie fachliche Unterstützung bei der Verarbeitung des Geburtserlebnisses gefunden hatten.
Trend: Zunahme der Möglichkeiten
«Die Aufgabe der Geburtshelfer ist, im Voraus abzuschätzen, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine natürliche Geburt möglich ist und während einer Geburt rechtzeitig zu handeln, wenn sich Komplikationen abzeichnen. Schwierige, traumatisierende Geburten versuchen wir heute zu vermeiden», sagt Gynäkologe Surbek. Nicht zuletzt auch im Hinblick auf gerichtliche Klagen nach Geburtskomplikationen. «Zwar sind wir noch nicht so weit wie in den USA, wo beim Ausgang der Gebärklinik die Anwälte warten und auf Kundenfang gehen, es ist jedoch eine Tatsache, dass sich auch bei uns Geburtshelfer heute weniger leisten können als früher», weiss Dr. Michael Singer, Belegsarzt an verschiedenen Zürcher Privatspitälern und Präsident der gynäkologischen Vereinigung des Kantons Zürich. Die Angst vor Risiken und Unsicherheiten führt also dazu, dass sich sowohl Ärzte wie auch Frauen häufiger für einen geplanten Kaiserschnitt entscheiden.
Wird der Kaiserschnitt die natürliche Geburt verdrängen? «Wir entfernen uns von der Natur, versuchen unser Leben zu planen und zu kontrollieren. Auch sind wir weniger leidensbereit», meint Singer. Der Privatarzt denkt, dass sich die Kaiserschnittrate bei 50 Prozent einpendeln wird. Surbek tippt auf 30 bis 40 Prozent: «Die heutige Zeit ist geprägt von einer Zunahme der Bedürfnisse und Möglichkeiten.» Wer will, kann am Waldrand bei Mondlicht gebären und darauf vertrauen, die Signale des eigenen Körpers richtig zu deuten. Oder die Kontrolle an eine hochtechnisierte Geburtsklinik abtreten und am Termin (fast) nach Wunsch gebären. Dazwischen liegen zahlreiche Varianten. Und jede Frau entscheidet nach ihren Möglichkeiten.
Text: Veronica Bonilla Gurzeler, Foto: Tina Steinauer








