Bewegung bringt die Geburt voran
Frauen, die sich während der Geburt häufig bewegen und eine aufrechte Körperhaltung einnehmen, bringen ihr Kind schneller zur Welt.

Abbildungen aus dem europäischen Mittelalter zeigen die werdenden Mütter meistens in aufrechter Position, im deutschen Sprachraum waren Gebärstühle verbreitet. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts, also rund 100 Jahre vor Gotthelfs Geburt, begann eine Entwicklung, die aus der bisher reinen Frauensache nach und nach eine Domäne der Männer, also der Ärzte, machte.
Vom Stuhl aufs Bett
Vorreiter dieses Prozesses war der französische Geburtshelfer François Mauriceau. Ihm mussten die Gebärstühle ein Dorn im Auge gewesen sein, da sie für seine Arbeit völlig unpraktisch waren: Wie sollte er bei einer sitzenden Frau die Geburtszange ansetzen oder bei einer Steisslage das Baby drehen? Warum bei Komplikationen also nicht von Anfang an alles aufs Bett verlegen, wird sich Mauriceau gefragt haben, als er Ende des 17. Jahrhunderts den Stuhl durch das «lit de misère» ersetzte.Das «Elendsbett» hielt anscheinend die französischen Gebärenden nicht davon ab, sich auch dann hineinzulegen, wenn alles normal lief. Von den Ärzten war kein Widerspruch zu erwarten, weil es sich so bequemer arbeiten liess. Peu à peu wurden die Gebärstühle ausgemustert und mit ihnen ging das Ende der reinen Hebammengeburt einher. Das Kinderkriegen kam in die Hände der Männer und der Medizin. Hier soll nicht auf Nostalgie gemacht werden, denn niemand möchte sein Baby noch wie im Mittelalter zur Welt bringen oder auf nötige ärztliche Hilfe verzichten. Aber es sollte sich bei einer normalen Geburt auch keine Frau mehr hilflos wie ein Käfer auf den Rücken legen müssen. Davon raten mittlerweile sogar die Ärzte ab. Es wird zwar immer noch auf dem Bett geboren, aber nicht in mehr Rückenlage – die ist bei uns endgültig vorbei.
Rückenlage birgt Gefahren
Denn die Rückenlage birgt Gefahren: Zum Beispiel, dass bei völliger Rückenlage die Hohlvene (Vena cava) vom Gewicht der Gebärmutter zusammengedrückt wird. Der Blutstrom, der zum Herzen zurückfliessen sollte, wird dadurch gebremst und als Folge die Gebärmutter (Uterus) mangelhaft durchblutet und das Baby bekommt zu wenig Sauerstoff. Bei der Mutter kann die abgeklemmte Vena cava Übelkeit und Schweissausbrüche hervorrufen. Auch vom physikalischen Standpunkt aus betrachtet, spricht einiges gegen die reine Horizontale. An der Geburt sind viele Kräfte beteiligt: Die Wehen, die den Muttermund dehnen. Das Baby, das mit seinem vorangehenden Teil – meistens dem Köpfchen – von innen auf den Muttermund (Zervix) drückt und die Öffnung mit voranbringt. Die Schwerkraft, die auch im Bauch auf das Ungeborene einwirkt und das Baby in Richtung Ausgang schiebt.Bewegung bringts
Die Mutter kann günstige Voraussetzungen schaffen, indem sie sich und das Becken in der Eröffnungsphase häufig bewegt und sich so in Position bringt, dass die vereinten Kräfte optimal zusammenarbeiten können. Liegt die Gebärende mehr oder weniger flach auf dem Rücken – egal, ob auf dem Bett oder in der Badewanne! – ist die Schwerkraft nicht ausgeschaltet, sondern sie «wirkt je nach Geburtsphase am falschen Ort», sagt Regula Hauser. Angenommen, das Baby befindet sich am Beckeneingang, wird es nicht in Richtung Geburtskanal geschoben, sondern Uterus, Fruchtwasser und Kind drücken auf die Wirbelsäule der Mutter. «Durch diesen Druck wird der Kopf des Kindes ans Schambein gepresst», sagt Hebamme Hauser. Das ist für die Mutter ausserdem elend schmerzhaft. Deshalb empfiehlt sie den Frauen in dieser Geburtsphase zu stehen, sich zu bewegen oder sich mit vornüber gebeugtem Oberkörper abzustützen, damit das Baby in der Gebärmutter dank der Schwerkraft sich mehr nach vorne neigt. «Jetzt kann sich das Köpfchen im richtigen Winkel zum Beckeneingang positionieren.»Wenn das Baby den Beckenausgang erreicht hat, ist die Geburt nicht mehr fern. Jetzt sollte es mit dem kleinstmöglichen Durchmesser seines Kopfes unter dem Schambein hindurch nach draussen gleiten, das heisst mit der kleinen Fontanelle am Hinterkopf. Dafür muss das Kleine den Kopf neigen, als ob es zu einem Kopfsprung ins Wasser ansetzte: langer Nacken, Kinn zur Brust. Liegt die Frau zu flach auf dem Rücken, arbeitet die Schwerkraft dagegen. Das Baby streckt den Nacken und die ganze Fläche des Kopfes drängt zum Ausgang.








