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Glück im Doppelpack?

Es ist nicht zu übersehen: Zwillinge gibt es immer häufiger. Doch was für die einen Eltern das höchste Glück, ist für die anderen zuerst mal ein mittlerer Schock.


Zwillinge boomen. Nicht erst seit Tennis-Liebling Roger Federer und seine Frau Mirka die Welt vergangenen Sommer mit Nachwuchs im Doppel überraschten. War früher etwa jede 85. Geburt eine Zwillingsgeburt, wurde diese in fast allen Kulturen geltende Regel in den vergangenen 20 Jahren von den Frauen ausgehebelt. Nicht zuletzt in Zusammenarbeit mit den Reproduktionsmedizinern: Zum einen warten Paare heute länger, bis sie sich für Kinder entscheiden, und ältere Frauen bekommen aus biologischen Gründen häufiger Zwillinge. Zum anderen fördern Hormonbehandlungen und die Befruchtung ausserhalb des Körpers die Entstehung von Zwillingen. So registrierte das Bundesamt für Statistik 2008 1288 Zwillingspärchen, bereits jede 60. Geburt war also eine Zwillingsgeburt.

Zwei Väter?

Schon in alten Zeiten stiessen Zwillingsgeburten nicht nur auf ungeteilte Begeisterung, wie die Psychologin und Wissenschaftsjournalistin Angela Grigelat in ihrem Buch «Auf einmal zwei» schreibt. Zwar deuten Mythen und Überlieferungen darauf hin, dass Zwillingen gerne eine göttliche Herkunft, nicht selten aber auch übernatürliche oder dämonische Kräfte zugeschrieben wurde. Die zeitgleich geborenen Kinder und ihre Mutter wurden oft verbannt oder sogar getötet. In der Antike sah sich jede Frau, die Zwillinge auf die Welt brachte, gar dem Vorwurf der Untreue ausgesetzt.  Heute weiss man, dass die antike Erklärung zur Zwillingsentstehung nicht a priori von der Hand zu weisen ist. Schätzt man doch heute, dass jede zwölfte zweieiige Schwangerschaft durch sogenannte Superfekundation, also durch die Befruchtung zweier Eizellen zu unterschiedlichen Zeitpunkten des Zyklus entsteht. Womit eine Doppelvaterschaft theoretisch möglich, vermutlich bei jeder 400. zweieiigen Schwangerschaft auch Realität ist, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt.

Bis heute rätselhaft

Das Rätsel der Zwillingsentstehung konnte die  medizinische Forschung auch in allen anderen Fällen entschlüsseln. Sind die Zwillinge zweieiig, wie es bei 70 Prozent der Fall ist, werden zwei Eizellen von zwei Spermien befruchtet. Diese Kinder unterscheiden sich in ihren Erbanlagen wie gewöhnliche Geschwister. Anders die eineiigen Zwillinge. Sie besitzen das gleiche Geschlecht und völlig identisches Erbgut, da nur eine Eizelle befruchtet wird, welche sich Stunden oder Tage danach teilt. «Der Zeitpunkt der Trennung entscheidet über Lage und Versorgung der Ungeborenen», sagt Dr. Patric Beer, Chefarzt der Gebärabteilung im Spital Bülach ZH. Trennt sich die Eizelle vor dem 5. Tag, nisten sich die Embryonen in einer separaten Fruchthöhle ein und erhalten eine eigene Plazenta. Teilen sie sich zwischen dem 5. und 8. Tag, werden sie über einen gemeinsamen Mutterkuchen versorgt und liegen in der gleichen Fruchtblase, die durch eine Eihaut in zwei Abteile unterteilt ist. Bei einer Teilung nach dem 8. Tag fehlt die Trennwand. «Ohne sie besteht die Gefahr, dass sich die Ungeborenen in der Nabelschnur verwickeln», so Gynäkologe Beer. Spaltet sich die Eizelle in ganz seltenen Fällen erst nach dem 12. Tag, gelingt der Vorgang nicht mehr vollständig, es entstehen siamesische Zwillinge.

Immer «risikoschwanger»

Egal, wie jung und gesund die werdende Mutter ist und wie sie sich in der Schwangerschaft fühlt – mit Zwillingen im Bauch gehört sie zur Gruppe der Risikoschwangeren. «Die grösste Gefahr ist, dass die Kinder zu früh auf die Welt kommen», sagt Beer. Auch alle anderen schwangerschaftsbedingten Beschwerden treten wegen der doppelten Belastung des mütterlichen Organismus häufiger auf als bei Einlingsschwangerschaften.

Eine Geburt - zwei Babys

Eine Zwillingsgeburt ist ein ganz besonderes Ereignis, denn es gibt nur einen Geburtsprozess, aber geboren wird gleich zweimal – ein kleines Wunder!» Alles verdoppelt sich jetzt: Es braucht zwei Hebammen, zwei Ärzte, und für den Notfall stehen ein Anästhesie- und ein Neonatologieteam bereit. Das Gebärzimmer ist also recht bevölkert bei einer Zwillingsgeburt.

So auch, wenn die Kinder, wie heute häufig, per Kaiserschnitt entbunden werden. Eine Sectio wird im Spital Bülach gewählt, wenn die Babys in einer Fruchtblase ohne Trennwand liegen, wenn Zwilling A in Steisslage liegt, wenn B mehr als 500 Gramm schwerer als A ist, meist auch nach einem früheren Kaiserschnitt. «Alle anderen Frauen können, wenn sie wollen, normal gebären», sagt Beer, denn eine vaginale Geburt sei das Beste für Mutter und Kind – sofern sie gut verlaufe. «Das Wichtigste ist allerdings, dass die Frau wirklich motiviert ist.» Da manchen Geburtshelfern heute die nötige Erfahrung fehlt, damit auch das zweite Kind problemlos auf die Welt kommt, lohnt es sich, die Geburtsklinik sorgfältig auszuwählen.

Der ganz normale Wahnsinn

In der Regel darf das Dreiergespann etwas länger im Wochenbett bleiben als Einlingsmütter, in Bülach beispielsweise sieben bis zehn Tage. Zu Hause schliesslich beginnt der Alltag. Der ganz normale Wahnsinn, wie sich Zwillingseltern einig sind. Häufig hat der Vater in den ersten paar Tagen noch Urlaub und trägt Zwilling A herum, bis er Bäuerchen gemacht hat, während die Mutter Zwilling B wickelt. Doch in den meisten Familien kehrt der Papa bald an den Arbeitsplatz zurück.

Väter von Zwillingen zeichnen sich allerdings dadurch aus, dass sie überdurchschnittlich viel zu Hause mit anpacken und Zeit mit ihren Kindern verbringen. Wohl aus der schieren Not heraus, weil eine einzige Person ohne Schaden zu nehmen mit der hohen Belastung nicht zu recht kommen würde.

 

Veronica Bonilla Gurzeler




Tipps und Infos

  • Machen Sie sich bereits vor der Geburt Gedanken, wer Ihnen im Alltag zur Hand gehen könnte, damit Sie Ihre Kräfte nicht aufbrauchen.
  • Oft helfen die eigenen Eltern oder Schwiegereltern gerne bei der Kinderbetreuung oder im Haushalt, auch Freunde und Nachbarn dürfen gefragt werden.
  • Die Spitex kommt auf ärztliche Verordnung.

 
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