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Warum schreist du bloss?

Übermüdet, gestresst, wütend und frustriert sind Eltern, wenn ihr Baby, statt lange zu schlafen und zufrieden zu lächeln, einfach nur schreit. Am schlimmsten sind die Selbstvorwürfe.

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Meine Tochter ist jetzt fast sechs Monate alt und seit dem ersten Schrei bei der Geburt hat sie eigentlich nicht mehr aufgehört damit…» Was die Mutter, die diesen unglaublich trostlosen Satz in ein Internetforum schreibt, angesichts von fröhlichen, quietschenden, glucksenden Werbebabys denken mag, können wir uns leicht vorstellen. Es muss für sie der blanke Hohn sein. Jedes Baby schreit. Das ist völlig normal.

Studien

Das Problem ist, dass manche Babys tatsächlich viel mehr schreien als andere und dass ihre Eltern dadurch nicht nur körperlich über ihre Kräfte hinaus beansprucht, sondern auch total verunsichert werden. Guter Rat ist teuer, aber einiges hat sich inzwischen durch Studien bestätigen lassen.

Zum Beispiel, dass die «Dreimonatskolik» in den seltensten Fällen hinter den Schreiattacken steckt. Dass die Kinder Probleme mit der Verdauung haben müssten, wurde aus vielen Begleitsymptomen abgeleitet wie krampfartigem Anwinkeln der Beine, abgehenden Gasen, Grummeln im Bauch oder einer gespannten Bauchdecke. «Die Diagnose ‹Verdauungs-Probleme› erscheint aus dieser Sicht plausibel und nachvollziehbar, sie ist jedoch nachweislich in 95 Prozent der Fälle falsch», sagt Dr. Joachim Bensel, der sich seit Jahren mit dem Phänomen der Schreibabys beschäftigt.

Dass das Schreien die Lungen stärke, glaubt hoffentlich sowieso längst niemand mehr. Im Gegenteil stresst das Schreien das Baby auch körperlich enorm und ist bestimmt nicht gesund.

Vor allem ist nicht zuletzt die These falsch, Mütter von Schreibabys seien zu wenig einfühlsam.  Das Kind schreit nicht, weil Sie eine unerfahrene, ängstliche, angespannte oder emotional überforderte Mutter sind. Sie sind ängstlich, angespannt und überfordert, weil Ihr Kind anhaltend und unstillbar schreit.

Natürlich soll bei der Suche nach den Ursachen immer sorgfältig abgeklärt werden, ob nicht doch eine organische Störung vorliegt. Zum Beispiel schreien manche Babys, weil durch eine Fehlstellung des Kopfgelenks im Nacken ihnen bestimmte Bewegungen Schmerzen bereiten. Als «KISS-Syndrom», abgekürzt für «Kopfgelenk-Induzierte Symmetrie-Störung», oder auch «Schiefhals» wird diese Fehlstellung bezeichnet.

So natürlich wie möglich

In den meisten Fällen werden die Eltern keine alleinige, eindeutige Ursache für das permanente Schreien ihres Kindes finden. Sie werden sich der schwierigen Aufgabe stellen müssen, die Sprache ihres Babys – nichts anderes ist letztlich das Schreien – Schritt für Schritt zu lernen.

Für Joachim Bensels «Freiburger Säuglingsstudie» haben über hundert Mütter in den ersten drei Monaten mehrmals pro Woche ein 24-Stunden-Protokoll erstellt. Sie ergaben, dass die Babys umso weniger schrien, je «ursprünglicher» – also je näher an ihrer Natur – die Betreuungsformen waren. Dazu gehört sicher das Rooming-in nach der Geburt, dazu gehört möglichst viel Körperkontakt, ein «Füttern nach
Bedarf», das heisst, dass nicht nach einem bestimmten Plan gestillt wird, sondern je nach dem Bedürfnis des Kindes. Und dazu gehört ein sehr rasches Reagieren auf die Signale des Säuglings. Joachim Bensel betont, dass das Schreien der kommunikative Ausdruck aller Babys ist, mit dem sie Hilfe herbeiholen und auf ihre Bedürfnisse aufmerksam machen.
 

Doris Michel


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