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Eingewickelt

Pucken, die uralte Wickeltechnik, feiert ein Comeback. Sie soll aus Schreibabys wonnige Säuglinge machen. Doch schadet es dem Kind nicht, wenn es derart in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird?


Eben noch galt Pucken als Wickelmethode längst vergangener Zeiten. In Europa hat man Neugeborene früher fest in Tücher geschlungen, wie ein Paket verschnürt und manchmal gar noch an ein Brett gebunden, sodass sie nahezu bewegungsunfähig waren; man glaubte dadurch verhindern zu können, dass sich Rückgrat und Glieder des Babys verkrümmten, woran, wie man mittlerweile weiss, wohl eher die Rachitis Schuld war. Im Zuge der Aufklärung im 17. Jahrhundert lockerte sich das enge gesellschaftliche Korsett in jeder Hinsicht, die Bewegungsfreiheit des Säuglings sollte nun nicht mehr unterbunden werden. In anderen Kulturen behielt man die traditionelle Einschnürung zum Teil bis heute bei.

Manchmal die Rettung

Zuhause bei Familie Kobi Brönimann in Sirnach TG: Nik, ein fröhlicher Eineinhalbjähriger, turnt geschickt auf dem Sofa herum. Vor etwas mehr als einem Jahr wurde auch er täglich gepuckt. Denn Nik war ein Schreikind. «In seinen ersten Lebensmonaten hatte er im Wachzustand eigentlich nur geschrien», erinnert sich Doris Kobi. «Im Tragtuch fühlte er sich einzig zum Einschlafen wohl. Und auch nur dann, wenn wir im Stechschritt herumliefen.» Der Ratschlag, Nik zu pucken, kam vom Kinderarzt. «Das war unsere Rettung. Fest eingewickelt legten wir ihn in die Babyhängematte, schaukelten ihn stark und siehe da: So wurde er ruhig.»

Zu früh geboren?

Die momentane Rückbesinnung auf die alte Wickelmethode hat der amerikanische Kinderarzt Harvey Karp eingeläutet. In seinem Buch «The happiest Baby on the Block» (deutscher Titel: «Das glücklichste Baby der Welt») vertritt er die Ansicht, dass Menschenkinder eigentlich drei Monate zu früh geboren werden; würden sie allerdings länger im Mutterbauch bleiben, wäre ihr Kopf zu gross, um bei der Geburt das Becken der Mutter passieren zu können. Karp empfiehlt deshalb, Neugeborenen in den ersten Monaten «Uterusbedingungen» zu schaffen – und zwar mit seiner Methode der fünf S. Zuerst wird das Baby straff gewickelt, also gepuckt (Englisch: swaddling). Danach nimmt man es möglichst in Seiten- oder Bauchlage auf den Arm, schaukelt es rhythmisch. Hilft auch das noch nicht, flüstert man ihm Schsch-Laute ins Ohr, womit man die Geräuschekulisse in der Gebärmutter imitiert. Kaum neu für Eltern ist das letzte der fünf S: Saugen, egal, ob an der Brust, am Nuggi oder am Finger, beruhigt das Kind.

Pucken als letzter Schritt

«Pucken sehe ich als letzten Schritt, als letzte Massnahme, nachdem die Eltern alles versucht haben, einem Schreibaby zu helfen», sagt Cyril Lüdin, Kinderarzt und Schreibaby-Experte in Muttenz BL. Dem Pädiater ist nicht ganz wohl bei der Renaissance der mittelalterlichen Pflegemassnahme. «Schreit ein Baby oft und ausdauernd, muss in erster Linie nach dem Grund gesucht werden: Wie haben das Kind und seine Eltern die Geburt erlebt, besteht eine sichere Bindung? Ist die Reizschwelle tief? Wie feinfühlig sind die Eltern?», sagt Lüdin. Dann sei es wichtig, dass man sich der Mutter, den Eltern annehme, die Möglichkeit biete, zur Ruhe zu kommen, damit die Bindung zwischen Eltern und Kind gelingt und sich vertieft. Dazu gehört auch, das Schreien des Kindes auszuhalten. «Viele Babys verarbeiten so ihre Erlebnisse, bauen Spannungen ab und drücken Angst- und Stresserfahrungen aus. Deshalb sollen sie in den Armen der Eltern auch weinen dürfen», sagt Edith Meier-Vettiger, Fachberaterin in Emotioneller Erster Hilfe. Wichtig sei, dass das Kind von den Eltern viel Zuwendung erhalte, denn Babys seien bindungssuchende Wesen. Kinderarzt Cyril Lüdin betont, dass auch ein gepucktes Baby nie einfach allein gelassen werden soll.

Irgendwann ist Schluss

Und spätestens wenn das Kind sich drehen will und wenn es zu greifen beginnt, sollte es nicht mehr gepuckt werden. Um sich von der Rückenlage auf den Bauch zu drehen, braucht es nämlich seine Arme; ein gepucktes Baby kann diese jedoch nicht frei bewegen. Lüdin rät deshalb davon ab, ein Kind länger als bis zu drei Monaten bis zum Hals in einen Sack oder ein Tuch zu wickeln. «Pucken ist keine natürliche Haltung eines Kindes, das die Welt entdecken will», so der Kinderarzt.

Nik hat seinen Eltern selbst gezeigt, dass er die räumliche Begrenzung durch den Pucksack nicht mehr brauchte. «Er hat sich einfach immer selbst ausgepackt; irgendwann haben wir ihn dann gar nicht mehr eingewickelt», erzählt Doris Kobi. Dafür gefiel es ihm plötzlich im Tragtuch. «Bis weit nach seinem ersten Geburtstag machte ich die meiste Hausarbeit mit Nik auf dem Rücken.»

 

Veronica Bonilla Gurzeler, Manuela Schläpfer




Aufgepasst!

Wer sein Kind pucken will, sollte sich die Technik von einer Fachperson zeigen lassen oder einen speziellen Pucksack kaufen. Viele Hebammen haben Erfahrung mit der Methode. Im Prinzip kann man Kinder ab der Geburt so wickeln. Je nach Temperatur ist es nicht notwendig, dem Kind darunter viel Kleidung anzuziehen, da es keinesfalls zu heiss bekommen sollte. Wichtig ist, dass das Baby nicht zu viele Stunden täglich eng eingepackt wird, auch nachts ist ein Schlafsack einem Pucksack vorzuziehen. Nach drei Monaten sollte das Kind immer seltener gepuckt werden.

Hilfe oder Qual?

Babys wie in Russland oder Teilen Zentralamerikas satt in Tücher einzuwickeln, kam hierzulande bis vor kurzem nur wenigen Eltern in den Sinn. Jetzt feiert das sogenannte Pucken eine Renaissance. Hilfe für Schreibabys oder Rückfall ins Mittelalter?

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