Heute schwanger - morgen schlank?
Viele Frauen haben nach der Geburt Mühe mit ihrem veränderten Körper. Nicht zuletzt, weil sie immer mehr von Bildern geprägt sind, die der Natur widersprechen.
Mutter werden ist momentan total angesagt. Filmstars und Models präsentieren der Welt stolz ihre schwangeren Bäuche, später ihre Babys. Immer sind diese Frauen schön – ihre Bäuche perfekt gerundet, die Hüften schmal, die Beine lang und schlank, die Gesichter fein und ebenmässig. Bei ihnen scheinen sich die Schwangerschaftspfunde nicht über den ganzen Körper zu verteilen, nichts ist geschwollen und aufgeschwemmt. Und kurz nach der Geburt sind sie vollkommener denn je, da strahlt das pure Mutterglück. Bauch weg, Figur grandios. Wenn das für die Normalfrau nicht zum Verzweifeln ist!
Alles überstanden?
Selbstverständlich, auch sie ist unbeschreiblich glücklich, wenn sie endlich ihr Baby in den Armen halten kann. Die neun Monate Schwangerschaft waren kein Klacks. Vor allem in den letzten Wochen: Tonnenschwer und unförmig ist sie sich vorgekommen, wie eine Ente gewatschelt, die Beine in Stützstrümpfen, das Gesicht aufgedunsen. Zugenommen hat sie auch viel mehr als die Ärzte erlauben. Aber nun ist es überstanden, ihr Baby ist da, gesund und wunderschön. 50 Zentimeter lang und dreieinhalb Kilo schwer, schreiben die stolzen Eltern in die Geburtsanzeige. Dreieinhalb Kilo sind also weg, minus Fruchtwasser, Plazenta und was sonst noch zur Gewichtszunahme während einer Schwangerschaft beiträgt. Dass sie trotzdem immer noch ein bisschen schwanger aussieht, ist der aufgeklärten Mutter klar. Stört sie im Moment auch nicht gross, in ihrem Leben gibt es jetzt Wichtigeres als ihr Aussehen. Das Wohl ihres Babys. Das winzige Wesen nimmt seine Eltern Tag und Nacht in Beschlag, es möchte gestillt, gewickelt, herumgetragen werden. Das Stillen zehrt an den Kräften der Mutter und macht hungrig – sie isst soviel wie in der Schwangerschaft. Ein Monat vergeht, zwei, drei: Die einstige Lieblingsjeans hängt noch immer unbenutzt im Schrank, ebenso wie all die anderen Kleider, die sie vor der Schwangerschaft getragen hat
Frust statt Lust
Unzufriedenheit beginnt sich in die mutterglücklichen Gefühle einzuschleichen; Frust, dass man unendliche Zentimeter weit von der alten Figur entfernt ist. Nicht annähernd bei den als ideal geltenden 90-60-90. Ha, wer hat da behauptet, stillende Frauen würden schneller abnehmen? Haben all die Promimütter, die – kaum haben sie geboren – wieder in schicken, engen Kleidern posieren, etwa gestillt? Wohl kaum, denn die Normalfrau weiss: Stillen und Diät, das geht keinesfalls zusammen. Letzteres jedoch, das lässt sich in den Hochglanz-Gazetten nachlesen, haben die Promifrauen gnadenlos durchgezogen. Jennifer Lopez sei dank hartem Fitness- und Ernährungsprogramm zwölf Wochen nach der Geburt ihre 25 (!) Babykilos wieder los geworden. Und dafür wurde sie sogar geehrt: Das US-Magazin «Stars» kürte sie zur Nr. 1 unter den «baby-weight-losers» Hollywoods.
Aus der Balance
Aber zurück zu unseren Müttern aus Orten wie Sellenbüren, Niederbipp, Zürich oder sonst wo in der kleinen Schweiz. Ihnen steht kein Personal-Trainer zur Seite, keine Rund- um-die-Uhr-Nanny nimmt ihnen das Baby ab, sie kämpfen mit Schlafmangel und gegen Hungergefühle. Statt auf dem Fitnessgerät strampeln sie sich durch den anstrengenden Familienalltag. Sicher, es gibt Frauen, die auch so nach ein paar Monaten ihr früheres Gewicht wieder haben. Aber ganz viele, bei denen sich die zugelegten Pfunde ziemlich hartnäckig halten. Und viele, die sich deswegen grämen. Catherine, Mutter einer 5-Jährigen und von 3-jährigen Zwillingen, getraute sich nicht mehr in die Badi, weil sie sich zu dick fand. «Ich wog 72 Kilos, als ich mit dem Stillen der Zwillinge aufhörte.» Bei ihrer Grösse von 162 cm eindeutig zu viel, fand sie. Heute, nach einem Jahr Mitgliedschaft bei den Weight-Watchers, ist sie 11 Kilogramm leichter und fühlt sich, wie sie sagt, schon viel besser. Den Bikini für die kommende Badesaison hat sie bereits gekauft – in knalligem Pink. Nadine hat vor zehn Wochen ihr erstes Kind bekommen. Sie war immer sehr schlank, 176 cm gross, 54 Kilogramm schwer. Sie wiegt jetzt zwar nur drei, vier Kilos mehr «aber ich habe das Gefühl, ich sei Tonnen schwerer als vor der Schwangerschaft». Was sie vor allem ärgert: «Die Kilos sind am falschen Ort gelandet, an den Oberschenkeln und auf den Hüften.» Die Röhrli-Jeans, die sie stets getragen habe, bringe sie gerade mal knapp über die Knie.
Viele tun sich schwer
Die freiberuflich tätige Hebamme Kathrin Antener-Bärtschi aus Gasel (BE) gibt unter anderem Kurse in Rückbildungsgymnastik und erlebt dabei häufig Frauen, die sich mit ihrem veränderten Körper schwer tun. «Viel häufiger als zu Beginn meiner Tätigkeit vor 35 Jahren. Heute wird frau ja auch mehr an ihrem Äusseren gemessen als früher», meint sie. Man denke nur an all die Schönheitswettbewerbe, die in den letzten Jahren lanciert worden seien. Diese Fixierung auf das Aussehen sei, so die Hebamme, nicht ohne Wirkung geblieben. «Gerade Frauen sind dem besonders unterworfen.»
Beispiel Schwangerschaftsmode: Früher wurde der Babybauch unter weiten Kleidern versteckt, heute sind diese körperbetont geschnitten – Frau zeigt Bauch. «Es ist an sich positiv, dass schwangere Frauen selbstbewusster auftreten», sagt Antener, aber: «Der zur Schau gestellte Bauch wird nun – auch ungebeten – beurteilt, zu gross, zu klein, zu tief.» Etliche Frauen würden dadurch sehr verunsichert, sagt die Hebamme. «Schwangere haben grosse Veränderungen zu bewältigen, die sie nicht selten körperlich und seelisch aus der Balance bringen; da sollten sie nicht noch zusätzlich wegen ihres Aussehens unter Druck stehen.» Der dann nach der Geburt nahtlos weitergehe, indem der Bauch gleich wieder weg sein sollte.
Verständnis gefragt
Und wie kann sie, die Hebamme, ihnen diesen Druck nehmen? Zum einen mit Verständnis für ihre Körpergefühle, sagt Antener, zum anderen erkläre sie ihren Kursteilnehmerinnen, wie die körperlichen Veränderungen entstehen und welchen Sinn sie haben: «Schwangerschaft, Geburt, Still- und Rückbildungszeit sind Naturprozesse, die den Körper für die Erfüllung seiner Aufgaben weich, offen, rund und manchmal auch etwas gepolstert werden lassen. All diese Prozesse vor und nach der Geburt benötigen Monate Zeit und wollen mit Respekt und Geduld gelebt werden.» Alles sei eine Frage des Masses, sagt die Hebamme. Es gelte, «die Balance zu finden zwischen Akzeptanz der Rundungen und einem sorgfältigen Umgang mit dem Köper ohne übertriebenem, zwanghaftem Herumbasteln an ihm».
An ihren Männern jedenfalls kanns nicht liegen, dass manche Frauen Mühe haben, ihre veränderte Figur zu akzeptieren. Solche, die deswegen meckern, gibt es zwar. Das sagt auch die Hebamme, sie bilden aber eher die Ausnahme. «Wenn, dann sind das meistens Männer mit einem ausgeprägten Prestigedenken, die nur mit halbem Fuss in die Familie einsteigen, dafür voll Power geben in Beruf und Hobbys.» Solchen Männern sei ihr eigenes perfektes Aussehen ebenso wichtig wie das ihrer Partnerinnen.
Männer sehen es anders
Die Mehrheit der Frauen kämpft jedoch aus eigener Unzufriedenheit gegen ihre Speckröllchen. Markus, Vater eines 11-monatigen Sohns, legt schon Wert auf gutes Aussehen – er geht regelmässig ins Fitnesscenter und joggen – ist jedoch überzeugt, «dass ich meiner Frau deswegen keinen Riesenstress machen würde». Er hatte allerdings auch keinen Anlass: Seine Frau war einen Monat nach der Geburt bereits wieder schlank, zudem habe sie durch das Stillen stark abgenommen. «Sie findet sich sogar eher zu mager.» Ob eine Schwangerschaft Spuren hinterlässt oder nicht, sei nicht entscheidend, sagt Markus: «Aber dass man sich gegenseitig gefallen möchte, gehört schon zu einer Beziehung.» Marc-Olivier, Vater von zwei Kindern, findet seine Frau wunderschön. Da könne die Journalistin ruhig ein Ausrufzeichen dahinter setzen! Dass sie zweieinhalb Jahre nach der Geburt des letzten Kindes immer noch ein Bäuchlein hat, ist ihm ziemlich egal. Es ist ihm jedoch «überhaupt nicht egal, dass sie sich selber oft daran stört». Ebenfalls Ausrufzeichen! Das sei das, was ihn abtörne. «Wenn Frauen sich nicht mehr schön finden, sind sie es irgendwie auch nicht mehr.» Die paar Pfunde zu beanstanden, wäre zudem ziemlich vermessen von einem Mann, der «selbst auch schwanger geworden ist und zwar nachhaltig», sagt Marc-Olivier. Aber selbst wenn er rank und schlank wäre, würde er den paar Kilos zuviel an seiner Frau nicht allzuviel Bedeutung zumessen. «Schauen Sie, eine Geburt ist doch so ein gewaltiges Erlebnis, so kraftvoll, so blutig, so archaisch. Da spielen doch ein paar Fettpölsterchen keine Rolle mehr.» Viel wichtiger sei ihm, mit seiner Frau und seinen Kindern das Leben zu geniessen – «es zusammen richtig gut zu haben».
Das Ideal ist virtuell
Genuss, ist der denn noch erlaubt? Wo doch fast unter jedem Kochrezept gleich noch – als Warnung sozusagen – die Kalorienzahl angegeben wird, wo heutige Teenager ihren Bodymassindex besser kennen als das Einmaleins und diejenigen, die ihn nicht mit ein paar Punkten unterschreiten, sich nicht schön finden? In einer Zeit, in der Menschen, die ein paar Kilos mehr auf die Waage bringen, als willensschwach gelten, schief angesehen werden? Eva (41), Mutter von zwei Kindern (12 und 14), kümmert das nicht. Sie ist mollig und fühlt sich wohl in ihrem Körper, sie mag sich. Obwohl sie einst richtig dünn war. Sie hatte als Model gearbeitet, oft für Unterwäsche. Als sie schwanger wurde, «langte ich heftig zu beim Essen, es gab ja keinen Grund, mich zurückzuhalten.» Und nach der Geburt hatte sie keine Lust, ihr früheres Leben wieder aufzunehmen. Sie wollte ganz einfach «eine arbeitende Mutter sein». Sie habe gemerkt, wie gut es ihr tue, nicht mehr nur auf das Äussere achten zu müssen. «Heute spüre ich mich viel mehr als Mensch, ich wurde auch lockerer.» In ihrem Umfeld wurden Evas neue Rundungen mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen. Ein paar Kolleginnen, dünne, hätten auf sie eingeredet, sie müsse unbedingt abnehmen, schon ihrem Mann zuliebe. «Inzwischen sind die geschieden und ich bin immer noch mit meinem Mann zusammen», der ihr immer wieder sage, wie schön er sie finde. «Und ich glaube ihm, ich finde mich ja auch schön.» Wieso auch nicht?
Schön ist nicht schön
Schliesslich ist die Figur, die man allgemein als schön bezeichnet, ziemlich flexibel. Mädchenhaft schlank im Mittelalter, üppig und rund im barocken Zeitalter, mal dünner, mal dicker – Marilyn Monroe, die Traumfrau der 50er-Jahre, wäre zum Beispiel nach heutigen Massstäben zu füllig. Vielleicht auch zu echt? Denn, was frau insgeheim schon lange vermutet, ist inzwischen wissenschaftlich untersucht und erwiesen: Wir streben nach einem Schönheitsideal, das die Natur gar nicht hervorbringt. Oder ganz, ganz selten. Der Psychologe Dr. Martin Gründl von der Universität Regensburg (D) befasst sich seit einigen Jahren mit dem Thema Schönheit, unter anderem mit der Frage, wie sie definiert wird. Etwa beim Gesicht: Gründl und sein Team liessen rund 500 Versuchspersonen Fotografien beurteilen. Solche, die real existierende Menschen abbildeten – darunter auch Models – sowie solche, die am Computer nachbearbeitet wurden. Das Resultat: Die virtuellen Gesichter wurden eindeutig als attraktiver eingestuft als die echten. Die wissenschaftliche Auslotung des körperlichen Schönheitsideals ergab ebenfalls eines, «das es in Wirklichkeit nicht, oder ganz, ganz selten gibt», sagt Martin Gründl. Sehr schlank, lange Beine, schmale Hüften, üppige Oberweite. «Ist eine Frau jedoch sehr schlank, hat sie in der Regel einen kleinen Busen, ist sie füllig, hat sie auch einen entsprechenden Busen.» Das kann wohl von den meisten Frauen aus eigener Erfahrung bestätigt werden. Trotzdem haben uns die Bilder von all den Angelinas, Heidis und Victorias, die uns täglich in den Medien vorgeführt werden, geprägt. Und obwohl wir alle um die Kunst von Bildbearbeitung und Chirurgen wissen, eifern wir ihnen nach. «Das ist letztlich das Problem, nicht das Ideal selbst», sagt Gründl. Idealisierte Darstellungen habe es schon zu Rubens Zeiten gegeben, üppige Körper und kleiner Busen, genauso unrealistisch. «Aber früher war es klar, dass man dieses Ideal nicht erreichen kann, heute wird von Medien und Werbung die Illusion genährt, es wäre möglich, so auszusehen, man müsse nur etwas tun dafür.»
Monika Zech








