«Die schönsten Momente meines Lebens»
Sie ist Botschafterin der Stillkampagne 2010*, und kaum jemand würde sich besser dafür eignen als sie: Sandra Studer hat alle ihre vier Kinder gestillt – trotz Arbeit, Brustentzündungen und gestörtem Schlaf. Dass stillende Mütter bessere Mütter sind, würde sie allerdings nie behaupten.

Sandra Studer mit ihren vier Kindern ( v. l. n. r. ): Gian, Julia, Lili, Nina. (Foto: Glückspost/Kurt Meier)
Sandra Studer: Das Stillen ist mir als Thema wichtig. Gerade in einer Zeit, in der Gesundheit, Ökologie und Nachhaltigkeit so gross geschrieben werden, ist es doch ganz gut, man fängt mal ganz beim Ursprung an. Ich habe alle meine vier Kinder gestillt, weil ich finde, es ist die logischste Art, einem Kind einen Boden zu geben. Stillen ist für mich die natürliche Fortsetzung der Schwangerschaft und des Gebärens. Ich habe mich nie in meinem Leben so geerdet gefühlt wie beim Kinderkriegen. Das sind gewaltige Urmomente. Da fällt alles von einem ab, alle Zivilisation und alles Anerzogene. Da ist man ein ganz simples Lebewesen, das Leben weitergibt.
Genau wie beim Stillen...?
Ich finde es einfach toll, dass unser Körper so gemacht ist, dass wir unsere Kinder in den ersten Lebensmonaten ernähren können.Für mich hatte Stillen wirklich nur Vorteile, ich fand es super praktisch. Kein Wasser abkochen, Pulver abmessen, Fläschchen herum schleppen, Temperatur messen. Unterwegs hatte ich die Säuglingsnahrung jederzeit in der richtigen Menge und bester Qualität dabei.
Keine Nachteile?
Einen kleinen, doch: In der Nacht hätte ich mir manchmal gewünscht, mal wieder richtig durchschlafen zu können und das Füttern an den Vater zu delegieren. Manche Frauen stillen nicht, weil sie Angst haben, den Busen zu ruinieren. Wie vieles, ist auch das eine Frage der Veranlagung. Meine Schwester hat drei Kinder gestillt und nach wie vor einen perfekten Busen. Ich hatte nicht ganz so viel Glück. Aber deswegen aufs Stillen verzichten? Niemals! Ich habe das Stillen sehr genossen. Wenn ich auf mein Leben zurückschaue und mich an die schönsten Momente erinnere, gehören dazu ganz sicher diese Zeitoasen mit meinen Babys.
Warum sind Sie Still-Befürworterin?
Meine beiden älteren Schwestern haben mir vorgelebt, dass Stillen das Normalste der Welt ist. Und so war für mich klar, dass ich das auch will. Ohne diese Vorbilder hätte ich mich vielleicht anders orientiert. Ich sehe in meinem Umfeld, dass es manche Frauen einfacher finden zu schöppeln, weil sie dann viel unabhängiger sind. Das finde ich irgendwie traurig. Ich weiss aber auch, dass es Frauen gibt, die wirklich stillen wollten, aber zu wenig Milch oder andere Probleme hatten. Erzwingen soll man nichts.
Hat es bei Ihnen auf Anhieb geklappt?
Zu Beginn tat es immer unglaublich weh. Darauf wird man überhaupt nicht vorbereitet. Wie übrigens auch nicht auf die Heftigkeit der Geburtsschmerzen. Ich weiss noch gut, wie ich während den Wehen geschrien habe: Wieso hat mir das niemand gesagt! Die ersten 10 bis 14 Tage Stillen waren schrecklich. Ich hatte wunde Brustwarzen und musste richtig auf die Zähne beissen, wenn ich das Kind anlegte. Beim zweiten Kind wusste ich bereits, da muss ich einfach durch und bald schon tut es nicht mehr weh.
Ihr drittes Kind kam zu früh auf die Welt. Konnten Sie es gleich stillen?
Nina kam drei Monate zu früh, bei ihr ging es natürlich zuerst nicht – sie konnte ja noch gar nicht saugen. Meine Milch wurde ihr aber mit der Pipette eingeflösst, zu Beginn waren das allerdings nur einige wenige Milliliter. Ich hatte aber bereits reichlich Milch, wie bei allen vier Kindern, und bekam mehrmals schmerzhafte Brustentzündungen, einmal musste ich deswegen sogar ins Spital.
Und Sie haben trotzdem nicht abgestillt?
Meine Rettung waren die Stillberaterinnen, die ein grosses Wissen haben und mich ermutigten, durchzuhalten. Und die Milchpumpe. Irgendwann hatte ich 50 Liter Muttermilch im Tiefkühler! Mein Mann scherzte damals, ich sei die beste Milchkuh vom Zürichsee. Als Nina aus dem Spital kam, musste ich auch nicht mehr abpumpen, wenn ich weg ging, weil ich ja genügend Vorräte angelegt hatte.
Wie lange haben Sie gestillt?
Jedes Kind zwischen neun und zwölf Monaten.
Haben Sie in dieser Zeit bereits wieder gearbeitet?
Bei den ersten beiden Kindern hatte ich schon wenige Wochen nach der Geburt wieder eine Fernsehsendung. Dass ich nicht festangestellt bin und oft zu Hause arbeiten kann, machte das einfacher. Ich war denn auch ziemlich froh, ab und zu aus dieser Mutter-Baby-Wolke ausbrechen zu können. Ich bewundere alle Frauen, die immer bei ihren Kindern sind, die 100 Prozent Hausfrau und Mutter sind. Ich hätte das nicht gekonnt, ich wäre unerträglich für alle geworden. Trotzdem bin ich so sehr Glucke, dass ich nie aufs Stillen verzichtet hätte.
Viele Frauen müssen halt nach dem Mutterschaftsurlaub wieder arbeiten.
Das verstehe ich natürlich. Aber drei Monate Stillen sind ja auch schon etwas.
Wie hatten Sie sich organisiert?
Wenn es ging, habe ich die Kinder zur Arbeit mitgenommen. Sonst habe ich abgepumpt und die Kinder haben die Milch im Fläschchen bekommen – von meinem Mann oder unserer Familienhilfe.
Funktionierte das gut?
Es musste, weil ich es so wollte. Ich finde, die Milchpumpe gehört zum Stillalltag. Stillen ohne Milchpumpe geht nicht.
Manche Frauen vermeiden, dass ihr Mann sie mit der Milchpumpe sieht…
Ach was, der Mann soll froh sein, dass die Frau seine Kinder stillt und ihnen die beste Nahrung zukommen lässt.
Haben Sie trotz Ihres Bekanntheitsgrades auch ausser Haus gestillt?
Klar! Ich hätte mich nie wegen des Stillens in die eigenen vier Wände verbannen und ans Haus binden lassen. Ich habe immer überall gestillt. In Restaurants, auf Besuch, beim Arbeiten.
Gab es missbilligende Blicke?
Nie. Man kann das ja mit ein wenig Diskretion machen, ohne gleich die ganze Naturpracht zu präsentieren.
Sind gute Mütter stillende Mütter?
Nein, um himmelswillen. Das möchte ich zu allerletzt vermitteln. Ich möchte auf keinen Fall missionarisch wirken. Wir Frauen haben schon genug Druck und sollten uns nicht auch noch beim Stillen stressen. Wir setzen die Messlatte derart hoch an – das machen die Männer viel weniger. Wir sollten viel solidarischer sein untereinander. Mir geht es nur darum, Frauen zu animieren, es mit dem Stillen zu versuchen. Und daraus Positives zu ziehen.
Sie haben in der Öffentlichkeit jedenfalls den Ruf des Super-Mamis.
Das ist Quatsch. Mit vier Kindern ist es immer wieder so chaotisch! Oft plagt mich das Gewissen, dass ich dem Grösseren nicht gerecht werde, weil mich die zwei Kleineren derart in Beschlag nehmen. Wie jede andere Mutter auch werde ich manchmal laut, und wenn mir alles über den Kopf wächst, schreie ich herum, bin inkonsequent, verwöhne, drohe oder erpresse (lacht). Ich bin nicht perfekt, gebe aber immer wieder mein Bestes.
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* Die Stillkampagne ist eine Aktion von der Stiftung für Kinder in der Schweiz und von «Medela». Sie findet vom 27. September bis 10. Oktober 2010 statt.
Interview: Veronica Bonilla Gurzeler








