Winterliche Kleinode
Es gibt Wintersportorte, die kaum einer kennt und von denen niemand spricht. Weil sie zu bescheiden sind für Glanz und Glamour, zu klein für die grosse Masse. Zum guten Glück. Denn für Familien sind sie gerade richtig.
Tschappina GR
Wer in der Walsersiedlung am Heinzerberg eines der wenigen Zimmer bucht, bucht das Gegenteil von Skiferien: Keine Szenies, welche die Piste mit dem Catwalk verwechseln, keine Schneebars, in der man zum Cüpli eine Frisur mitbringen muss, kein langes Werweisen, wo man als Nächstes hoch- und wo man wieder runterfährt. Im Bergdorf am Fusse des Piz Beverin gibt es 3 Skilifte, 3 Restaurants, 22 Landwirtschaftsbetriebe und keine Überraschungen. Zum Glück. Denn sonst wäre der idyllische Sonnenhang am Ende der Postautolinie kein Kleinod mehr, sondern eine Touristenattraktion. Sonst würden alle Wintersportler angelockt, die auch in den Ferien stets auf der Jagd sind: nach Kicks, neuen Bekanntschaften, Abenteuern. So aber fahren nur Menschen nach Tschappina, die das Unerwartete und das Abenteuer gerade vermeiden wollen. Menschen, die froh sind, dass sie jeden Hügel kennen und jede Schanze, die es schätzen, dass der Beizer und der Helfer am Skilift einen am zweiten Tag schon beim Vornamen nennen und es bloss zwei Restaurants auf der Piste gibt. Denn diese Menschen haben in der Regel Kinder und gelernt, dass es sich am besten entspannt die Wintersonne geniessen lässt, wenn das Skigebiet gross genug ist, dass die Kleinen sich nicht langweilen. Aber klein genug, dass man jede Kurve auch im Schlaf nehmen könnte und immer jemand weiss, wo die Kinder gerade hoch oder runterfahren. Man könnte auch sagen: In Tschappina funktioniert die soziale Kontrolle noch und das ist gerade mit Nachwuchs im Primarschulalter ein unbezahlbarer Vorteil. Der fährt nämlich, sobald er einigermassen sicher auf den Brettern steht, am liebsten alleine Ski. Deshalb trifft, wer in Tschappina ein Zimmer bucht, auf viele unglaublich entspannte Väter und Mütter. Und merkt schnell einmal: Das ist ansteckend!Überhaupt fühlt man sich im Bergdorf ein bisschen so, als wäre man ins letzte Jahrhundert gereist. Nach Tschappina muss man wollen, man kommt nicht zufällig daran vorbei. Man liest auch nicht davon in Zeitungen, und hören tut man auch selten von diesem Ort. Zu abgelegen, um Schlagzeilen zu machen. Kein hingeklotztes Hotel zerstört die Illusion der heilen Welt. Kein Touristenbus schleppt sich Haarnadelkurve um Haarnadelkurve hoch. Selten hat man so wenig Menschen auf so viel weissgepuderter Landschaft gesehen und zugleich so viele Menschen getroffen, die sich noch bei einem Kafi Schnaps auf ein Gespräch einlassen, statt irgendwelche Abkürzungen ins Handy zu tippen. Oder Verkäufer, die einen drei paar Skier in die Hand drücken mit den Worten: «Probier ruhig aus und bring mir zurück, was dir nicht passt.» In Tschappina hat man nicht viel Fremdenverkehr, aber dafür umso mehr Musse, mit den Fremden zu verkehren. Gerade so als stünde der Ort auf 1400 Metern nicht nur abseits des Durchgangsverkehrs, sondern auch abseits der Zeit. Nicole Althaus
Unterkunft und Infos:
www.tschappina.ch, 081 651 59 56

Tenna GR
Die Holzhäuser kauern dunkel im Schnee, die Ställe verströmen den Duft von Kühen und Stroh – weit hinten im Safiental liegt, wie hingepinselt, Tenna. Das Walserdorf hoch über dem Abgas geschwängerten Tiefland auf 1642 m ü. M. verdient sie vollumfänglich: die Auszeichnung «Geheimtipp für Familien». Denn Tenna braucht keinem mondänen Prestige hinterher zu hecheln, das Dorf genügt sich selber. Was nicht bedeutet, dass man hier die Köpfe in den Schnee steckt und allem Fremden gegenüber spinnefeind ist. Im Gegenteil. Als Gast fühlt man sich umgehend heimisch, dafür sorgen die Bewohner höchstpersönlich. Denn fast jeder im Dorf leistet einen Beitrag, um gestressten Unterländern die Ferien so behaglich wie möglich zu gestalten: Bauern bedienen den 380 Meter langen, genossenschaftlich geführten Bügellift, ein junger Tenner ebnet die drei Pisten mit einem Pistenfahrzeug, ein älterer Landwirt putzt die öffentlichen Toiletten beim Skilift täglich blitzblank, und als Skilehrer ausgebildete Ansässige bringen den kleinen Skikanonen den Stemmbogen bei. Über Mittag kochen und backen die Dorffrauen im Turnus für das Pistenbeizli: feine Suppen und einfache Gerichte mit einheimischen Produkten. Und anders als an geschniegelten «Skiorten von Welt» bleiben den Besuchern in Tenna angesichts der Preise keine schlappen Fritten im Hals stecken.
Tenna hat sich dem sanften Tourismus verschrieben. Weder wurden Hotelkasten zwischen die Walser Stadel geklotzt noch schwingen sich Gondeln herrisch auf jeden Gipfel. Den Gästen steht ein schlichtes Hotel mit 79 Betten zur Verfügung, dazu ein Dutzend kleiner Ferienwohnungen und ein Lagerhaus. Die Berge kann man mit Tourenski oder Schneeschuhen ersteigen. Und weil die Tenner ihrem Dörfchen und der Umwelt rundum Sorge tragen wollen, entschied sich die Genossenschaft Skilift Tenna mit Unterstützung der Gemeinde, den ersten Solar-Skilift der Welt zu bauen. Eröffnung: nächste Saison. Klar, das Skigebiet bleibt mit nur einem Lift klein. Dafür kurven schon die 4-Jährigen selbstständig und ohne sich zu verfahren die Pisten runter oder trippeln morgens gefahrlos allein durchs Dorf zum Volg-Lädeli. Statt eines anstrengenden Après-Ski-Programms trumpft Tenna abends mit Bilderbuch-Idylle. Wer kurz vor der Dämmerung und mit dem richtigen Zeitmanagement noch schnell den 2,3 Kilometer langen Schlittelweg unter die Kufen nehmen will, kann an dessen Ende gleich wieder das Postauto besteigen. Und zurück im Dorf in einem der Ställe zugucken, wie der Bauer die Kühe melkt und die Ziegen füttert. Manuela von Ah
Unterkunft und Infos: www.safiental.ch, www.tennaferien.ch, 081 645 13 63

Eriz BE
Wären meine Kinder dem Skigebiet Eriz nicht bald entwachsen, hätte ich mich schwer getan, diesen Geheimtipp zu verraten. Grässlich die Vorstellung, am einzigen Bügellift plötzlich Schlange zu stehen, beim Skiverleih keine Schuhe in der passenden Grösse zu erhalten. Anderseits: Die Einheimischen freuts, wenn das Geschäft mit dem Schnee floriert. Und so viele Unterkünfte bietet das Dorf nicht, dass Touristen aus der ganzen Schweiz die Pisten verstopfen könnten, bloss einige wenige Ferienwohnungen und Betten in kleinen Pensionen – alles einfach und günstig. Einziges Gasthaus unmittelbar neben der Piste: der Schneehas.
Das Eriz ist in verschiedenster Hinsicht etwas Besonderes. Eigentlich ist es kein Dorf, sondern ein Tal – deshalb der sächliche Artikel. Die 515 Einwohner verteilen sich auf mehrere Weiler; das Skigebiet liegt im hintersten Abschnitt des Tals, dem Gemeindeteil Innereriz, hier endet auch die öffentliche Strasse. Geologisch und geografisch liegt das Eriz an der Grenze zwischen Emmental und Berner Oberland: Der Nordhang ist ein sanfter Hügelzug, die Honegg, im Süden ragt das Felsmassiv der Sieben Hengsten auf. Im Osten wacht der Hohgant wie eine trutzige Burg über dem Tal.
Und das bietet das Skigebiet: Die Kleinsten tummeln sich im Schneechutzli-Kinderland, ein eingezäuntes Gelände mit zwei Schleppliften, Wellenbahn, Torbogen, Iglu, Picknicktischen und vielem mehr. Die Piste erscheint nahezu flach, doch für die ersten wackligen Versuche auf den rutschigen Brettern ist sie gerade steil genug. Wer schon etwas standfester ist, wechselt zum 350 Meter langen und im zweiten Teil ziemlich steilen Tellerlift. Kleine Skirennfahrer springen hier bereits über Schanzen und meistern Wellenmulden und Parcours. Die nächste Herausforderung ist der Bügellift mit sechs Kilometer mittelschweren Pisten. Gestartet wird auf 1000 m. ü. M, die Bergstation liegt 400 Meter höher. Wer weder die Geduld noch das Können hat, dem eigenen Nachwuchs den Stemmbogen oder die ersten Slides und Tricks auf dem Snowboard beizubringen, schickt die Kinder am Nachmittag von zwei bis vier Uhr in die Ski- und Snowboardschule. Währenddessen erkunden die Eltern die drei Langlaufloipen, den Winterwanderweg oder die ausgeschilderte Schneeschuhroute.
Was das Eriz nicht hat: Jetset und Glamour (mal abgesehen von Fussballtrainer Hanspeter Latour, der im Innereriz ein Chalet besitzt). Dafür sind die Preise erschwinglich, Familienrabatt gibts überall. Und der Ort bietet viel unaufgeregte Bodenständigkeit; Ortsansässige, meist «chäche» Bäuerinnen und Bauern, bedienen die Skilifte, unterrichten die Schneesportschüler, vermieten die Skiausrüstung – und verkaufen an Wanzenrieds Imbissstand die besten Bratwürste im Kanton. Unbedingt probieren! Ein weiterer Pluspunkt: Das Eriz ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar. Vom Bahnhof Thun fährt ein Postauto in 50 Minuten ins Skigebiet. Veronica Bonilla Gurzeler
Infos: 033 453 24 54, www.eriz.ch,
Ski- und Snowboardschule: 033 453 22 20, www.skischule-eriz.ch








