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Warum gleich eine Therapie?

Mit dem Schulkind stimmt etwas nicht – also schnell eine psychologische Abklärung? Vorsicht, warnen Fachleute, manche Diagnose wird vorschnell getroffen. Woran erkennen Eltern, was ihrem Kind fehlt – und wann es wirklich Hilfe braucht?


Der Junge hat ADHS!» Wie schnell Kinder heutzutage diese Diagnose erhalten, stellt Kinder- und Jugendpsychologin Antonia Meier aus Rüti ZH immer wieder fest. Sie arbeitet in ihrer Praxis mit Schulkindern, die grosse Probleme haben, sich auf den Lernstoff zu konzentrieren. Denen es schwer fällt, ihre Impulsivität und ihr Temperament im Zaum zu halten. Die vor sich hintrödeln und sich leicht ablenken lassen – typische Symptome von ADHS oder ADS. Aber die Aufmerksamkeitsstörung liegt längst nicht bei jedem verträumten oder zappeligen Kind vor.

Manchmal Ausdruck seelischer Not

Wenn Kinder sich nicht konzentrieren können, aggressiv oder in sich gekehrt sind, drücken sie damit manchmal auch seelische Not aus. Sinnvoll kann dann eine Psychotherapie sein. Manchmal fehlt es den Kindern auch an  Lerntechniken und Lernstrategien. Dann hilft spezielles Training, mit dem auch die Hausaufgaben leichter von der Hand gehen. «Wir sollten aber akzeptieren, dass manche Kinder einfach lebhaft sind und einen grossen Bewegungsdrang haben», sagt Antonia Meier. In diesem Fall sollten Eltern dafür sorgen, dass Sohn oder Tochter viel Sport treibt, sich an der frischen Luft austobt – statt das Kind gleich therapieren zu lassen. Doch manche Lehrpersonen haben wenig Verständnis für temperamentvolle Kinder und erhoffen sich mehr Ruhe in der Klasse, wenn die quirligen Schüler in eine Therapie gehen. Und Therapien boomen. Nicht nur unaufmerksame und zappelige Kinder schickt man schnell zu einer Fachperson. Spricht die Kleine undeutlich – gleich mal in die Logopädie. Verkrampft sich der Filius beim Schreiben – ein Fall für die Ergotherapie. Und er holt so hastig Luft – vielleicht noch eine Atemtherapie dazu? Antonia Meier hat beim schulpsychologischen Dienst gearbeitet und weiss: Gut jedes dritte Kind bekommt heute im Laufe seiner Schulzeit ein oder mehrere Spezialförderungen oder Therapien, häufigster Grund sind Lernschwierigkeiten. Und Eltern, denen man keine Therapie für ihr Kind
empfiehlt, fragen zuweilen verunsichert: «Also, bräuchte mein Sohn nicht auch mal etwas?»

Wachsam bleiben

Andrea Müller, Schulpsychologin aus Adligenswil LU, empfiehlt Besonnenheit: «Alle Kinder haben im Laufe ihrer Entwicklung schwierige Situationen zu bewältigen und können dabei auch psychische Auffälligkeiten entwickeln.» Symptome wie Schlafstörungen, Aggressionen oder starker Rückzug können vorübergehend und harmlos sein. Beispielsweise dann, wenn die Tochter sich mit ihrer besten Freundin überworfen hat oder es in der Schule besonders anstrengend war. Andrea Müller empfiehlt Vätern und Müttern, aufmerksam zu bleiben, sich mit den Gefühlen und Gedanken ihrer Kinder auseinanderzusetzen. Im Zweifelsfall hilft ein Erziehungskurs oder der Rat von einer Fachperson. Antonia Meier rät Eltern, sich gut zu informieren und genau nachzufragen, warum was empfohlen wird. Nicht alles ist therapiebedürftig: Kann Nachbars Tochter aus der gleichen Klasse schon viel besser schreiben und lesen als das eigene Kind, ist dies noch lange kein Grund zur Beunruhigung – manche brauchen einfach etwas mehr Zeit.

Kinder sind oft Symptomträger

Was wichtig ist: Oft ist das Kind der Symptomträger, wenn in der Familie etwas nicht stimmt. Wer denkt, nur das Kind brauche eine Therapie, liegt falsch, sagt Antonia Meier. Auch die Eltern müssen ein «Arbeitsbündnis» mit dem Therapeuten oder der Therapeutin eingehen. Weigert sich die Tochter zum Beispiel, in die Schule zu gehen, steckt vielleicht die Angst dahinter, sich von der Mama zu trennen. Deshalb müssen Eltern bei der Therapie oft mit ins Boot, um wichtige Fragen zu klären: Kriselt es in der Ehe? Steht eine Trennung bevor? Gibt es Geschwisterrivalitäten?
Probleme, die eventuell behandelt werden sollten, treten häufig erst in der Schule zutage. In der Regel geben Lehrpersonen oder der schulpsychologische Dienst dann eine Empfehlung ab. «Es ist eine Empfehlung, wohlgemerkt – die Entscheidung liegt bei den Eltern», betont Antonia Meier. Wichtig findet sie auch, einerseits kritisch zu bleiben, im Zweifel eine weitere Fachperson nach ihrer Meinung zu fragen, andererseits aber auch sensibel zu sein und Warnsignale ernst zu nehmen: Ist das Kind gehemmt in der Schule? Traut es sich kaum, im Unterricht etwas zu sagen, während es zu Hause redet wie ein Buch? Je früher man in solchen Fällen reagiere, desto besser. Sonst bestehe die Gefahr, dass sich die Symptome verfestigen. Antonia Meier: «Wir fokussieren heute auf bestimmte Krankheitsbilder. Aber wir sollten auch bei jenen Kindern aufmerksam bleiben, die weniger auffallen, aber vielleicht dennoch Hilfe brauchen.»
 

Vera Sohmer




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