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Die falsche Schule für mein Kind

Halten Eltern die zugewiesene Schule für unzumutbar oder bestehen grosse Probleme zwischen Lehrperson und Kind, hilft manchmal nur eines: Die Schule wechseln. Doch das ist in der Schweiz alles andere als einfach.


Eine Schule, die sein Sohn gerne besucht, mit Lehrern, die gut mit ihm umgehen können – manchmal fragt sich Andreas Meili, ob das wirklich zu viel verlangt ist. Der Schulalltag seines achtjährigen Sohnes Timo ist seit Monaten eine einzige Katastrophe. Bisheriger Höhepunkt: Die Lehrerin zitierte Timo nach vorn und vermerkte haarklein, was bei seinen Hausaufgaben alles falsch ist – vor der ganzen Klasse. Oder neulich diese Bemerkung, mit der sie die Eltern ins Mark getroffen hatte und bei Timo eine weitere Verletzung der Seele zurücklassen dürfte: «Du kannst froh sein, dass ich mich noch mit dir abgebe, andere Lehrer hätten es längst aufgegeben.»

Dem Spuk sofort ein Ende bereiten, das wäre das Beste. Doch so einfach ist das nicht. Andreas Meili hat eine bestimmte Schule im Auge: kleinere Klassen, mehr Betreuung. «Ich bin mir sicher, dass man dort besser auf Timo eingehen kann.» Wunschdenken? Im Moment zumindest weit weg von der Realität. Das Begehren der Eltern ging seinen offiziellen Weg, und der ist lang: Immer wieder zähe Diskussionen mit der Lehrerin. Es änderte sich nichts. Schliesslich verlangte Andreas Meili ein klärendes Gespräch mit der Schulleitung. Man werde sich um einen Termin bemühen, hiess es.

Langwieriges Prozedere

Danach Funkstille. Warten. Wochenlang. Endlich ein Schreiben: Das Gespräch finde mit der Schulleitung, Timos Psychologin und der Lehrerin statt. Er und seine Frau würden dazu gebeten. Wie das Ganze ablaufen wird, weiss Andreas Meili nicht. Ob sie als Eltern den Beweis liefern müssen, dass das Verhältnis zur Lehrerin nachhaltig gestört und nicht mehr zu kitten ist? Ob man ihnen glauben wird? Ob sie sich rechtfertigen oder den Vorwurf gefallen lassen müssen, sie würden mit der Lehrerin nicht kooperieren? – Er habe keine Ahnung. Unterstützt werden sie jedenfalls nicht in ihrem Anliegen. «Ich komme mir vor wie ein Bittsteller.»

Hohe Hürden

Die Schwelle für einen Schulwechsel ist hoch in der Schweiz. Das sei gewollt, weil sonst die Gefahr bestehe, Kinder schon wegen kleinster Differenzen hin- und herzuschieben, heisst es beim Lehrerinnen- und Lehrerverband Baselland. Sein Kind in einer anderen Schule unterzubringen, sei aber möglich – wenn die schulpsychologische Abklärung ergibt, dass das Kind nicht seinen Bedürfnissen entsprechend gefördert werden kann. Und das zu beweisen, ist Sache der Eltern? «Wenn die Wohngemeinde die Kosten übernehmen soll, müssen Eltern nachweisen, dass die Schule ihrem Kind nicht gerecht wird», sagt Maya Mulle vom Schweizerischen Bund für Elternbildung.

Schulbehörden steckten da in einer schwierigen Lage: Sie müssen eine andere Klasse finden, prüfen, ob es dort noch Platz gibt. Ausserdem kostet eine Versetzung Geld – und Kosten wolle man natürlich vermeiden.

Angst vor Dammbruch

Zudem fürchten die Behörden einen Dammbruch: Sagen sie einmal ja, kommen vielleicht bald viele Eltern mit dem gleichen Ansinnen. Bei der Organisation «Schule und Elternhaus Schweiz» glaubt man nicht, dass Eltern immer wissen können, ob ein Schul- oder Klassenwechsel für ihr Kind sinnvoll ist. Hilfreich aber wäre eine Ombudsstelle, sagt Präsidentin Anita Bomatter. In einigen Kantonen gibt es eine solche bereits, aber leider noch lange nicht überall.

Maya Mulle berät Eltern, die mit der Schule oder einer Lehrperson ihres Kindes unzufrieden sind. «Der Schulwechsel ist ein einschneidender Schritt», warnt sie. Als Schulpflegerin habe sie zwar erlebt, dass er ein Segen für das Kind und die Lehrperson sein kann. Und dass den Eltern oft ein Stein vom Herzen fällt. Aber nicht immer sei eine andere Schule die beste Lösung: «Kinder sollen lernen, mit schwierigen Situationen umzugehen, sich auch mit Personen zu arrangieren, die ihnen vielleicht weniger liegen», sagt Maya Mulle. Ein Wechsel aus Maya Mulles Sicht nur dann sinnvoll, wenn das Kind in der Schule nicht ausreichend gefördert werden kann, geplagt oder gemobbt wird.

Einfach Pech?

Und was, wenn den Eltern die Schule nicht behagt, in die man das Kind eingeteilt hat? Augen zu und durch? Regula Diebold dachte nicht daran. Sie hat das Pech, mit ihrer Familie im falschen Schulkreis zu wohnen – ein Haus nebendran und ihre Kinder hätten Glück gehabt. So aber sei ihnen ein völlig inakzeptables Schulhaus zugewiesen worden. Es war nicht nur der sanierungsbedürftige Betonbau, der sie abschreckte. Die Schule hat einen schlechten Ruf. Andere Eltern berichteten ihr von häufigen Reibereien auf dem Pausenhof und von überfordertem Lehrpersonal.

Bleibt nur die Trickkiste?

Regula Diebold reichte ein Gesuch gegen die Zuteilung ein. Für den Fall, dass es abgelehnt und weitere Runden notwendig geworden wären, legte sie sich Argumente parat. Sie sei als berufstätige Mutter auf Tagesbetreuung angewiesen, die es in dieser Schule nicht gibt. Zudem zog sie vorsorglich ihren Kinderarzt ins Vertrauen: «Wäre es nötig gewesen, hätte er mir ein Gutachten ausgestellt, dass meine Kinder ihrem Alter voraus und in einer Regelklasse unterfordert sind.» Gelogen wäre beides nicht gewesen, aber übertrieben schon. «Es ist traurig genug, dass man gezwungen ist, zu tricksen», sagte sie.

Zufallsentscheide?

Zermürbend war die Zeit, bis endlich das Antwortschreiben kam. Wochenlange Ungewissheit. Für die Mutter passt da einiges nicht zusammen: «Eltern werden angehalten, Verantwortung zu übernehmen, die Schulzeit ihrer Kinder aktiv zu begleiten. Aber wenn sie es tun, gibt man ihnen zu verstehen, dass sie sich gefälligst zu gedulden haben und auf das Wohlwollen der Schulpflege angewiesen sind.» Kurz vor der Einschulung dann endlich der Bescheid: «Meinem Gesuch wurde stattgegeben.» Jenes ihrer Nachbarn aus dem selben Haus wurde hingegen abgelehnt. Das Ehepaar habe sich daraufhin pro forma getrennt und die Mutter sei mit ihrer Tochter zu einer Freundin in den passenden Schulkreis gezogen... 

Weiterhin zwischen den Stühlen

Der achtjährige Timo hingegen sitzt zwischen den Stühlen. Er ist wütend auf seine Lehrerin, und ihm graut vor ihrem Unterricht. Aber er hängt an seinen Schulfreunden. «Wir sorgen dafür, dass du hier bleiben kannst», hätten sie neulich gesagt. An jener Schule, die seine Eltern gut für ihn fänden, gefällt ihm das Gebäude, es sei freundlicher und heller. Und er hätte dort einen guten Freund aus der Nachbarschaft. Am liebsten wäre Timo, er könnte seine ganzen Freunde aus der alten in die neue Schule mitnehmen. Doch mindestens das dürfte ein Wunschtraum bleiben.

 

Vera Sohmer




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