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Lernen nach Herzenslust

In der Privatschule SBW Primaria in St. Gallen lernen die Kinder im eigenen Tempo und ohne Stundenplan. Lehrer und Lektionen, Druck und Prüfungen gibt es hier nicht, dafür aber Lernbegleiter und Inputfenster. Der offizielle Lehrplan wird trotzdem eingehalten. Wie funktioniert das?

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(Fotos: Sonja Ruckstuhl)
An diesem kühlen Frühlingsmorgen säen Max und Florian Rasen aus. Voller Eifer lockern sie die harte Erde auf, schlagen Pflöcke rund um die zukünftige Grünfläche und ziehen Leinen dazwischen. «Damit niemand drauf trampelt», erklärt Max. Angeleitet werden die zwei achtjährigen Knaben von dem Lernbegleiter Jens Oberbeck. Die Erwachsenen in der Privatschule SBW Primaria verstehen sich nicht als Lehrer. Schliesslich wollen sie den Kindern nicht vorgeben, was wie und in welchem Zeitraum zu lernen ist. «Wir bieten eine gestaltete Umgebung an, in der sich die Kinder selbst bestimmt bewegen – und dabei begleiten wir sie», sagt Jens Oberbeck. Auch der grosse, verwunschene Garten mit Teich, Büschen und Bäumen ist hier Lernumgebung. Was Kinder zum Beispiel beim Rasenanbau alles erfahren, sagt der Lernbegleiter und Co-Schulleiter, sei enorm vielfältig. Mathematik, Pflanzenkunde, Motorik, Vorausplanen – alles dabei. Lernen mit Kopf, Herz und Hand nennt Jens Oberbeck das Prinzip, das hier nicht nur als pädagogischer Überbau verstanden wird, sondern als gelebter Schulalltag. Seit seine eigenen Kinder die Primaria besucht haben, ist der studierte Biologie- und Geografielehrer überzeugt davon, dass Lernen ohne Druck gut funktioniert. Zufällig ist heute seine 17-jährige Tochter Moira zu Besuch. Noch heute schwärmt sie von ihrer Schulzeit: «Ich hatte es wirklich schön und konnte kreativ sein, so viel ich wollte.» Und etwas verpasst oder weniger gelernt als ihre gleichaltrigen Kollegen habe sie auf keinen Fall. Jetzt ist sie auf dem Weg, die pädagogische Maturität zu machen.

Als ob sie Moiras Worte bekräftigen wollten, stürmen lachend zwei ältere Knaben aus dem Haus und springen aufs Trampolin. Sicher und elegant wie Zirkusakrobaten nehmen sie Schwung, wirbeln durch die Luft, mal vorwärts, mal rückwärts. Eine beeindruckende Performance. Aber ist das nicht gefährlich? Bis jetzt sei noch nie etwas passiert, sagt Jens Oberbeck. Die Kinder seien von Anfang an daran gewöhnt, herauszufinden, wo ihre eigenen Grenzen sind und könnten sich daher selbst gut einschätzen. Auch das Trampolin gehört zur Lernumgebung und steht nicht nur da, weil Kinder gern springen. Die zwei Freunde toben, bis sie ganz ausser Atem sind. Als sie wieder festen Boden unter den Füssen haben, erzählt einer der beiden, der elfjährige Alexander, er sei zurzeit eigentlich mit dem Lernstoff der sechsten Klasse beschäftigt. «Nach den Sommerferien 2011 will ich eben ins Untergymi gehen», sagt der Hobby- Akrobat. Darum müsse er jetzt wirklich viel lernen. Aber das will er so und darum macht er es sogar gern, betont Alexander. Denn: «Es ist ja meine Zukunft und nicht die der Lehrer. Die bleiben schliesslich hier.» Klingt sehr vernünftig, fast schon ein bisschen altklug. Doch je länger und tiefer man in die SBW Primaria hineinschnuppert, umso besser versteht man, warum die Kinder hier wirklich selbstbestimmt und aus eigenem Antrieb lernen wollen. Und zwar nicht nur auf dem Trampolin springen oder Rasen säen, sondern auch Mathe, Französisch und Grammatik.




Farbiges, attraktives Lernmaterial
In den Räumen der Primaria gehts denn auch ebenso emsig und lebhaft zu wie draussen. Die Einrichtung und Aufteilung des Innenlebens hat nichts mit dem zu tun, was man sonst aus Schulen kennt. Klassen-zimmer und geschlossene Türen sucht man vergeblich. Stattdessen findet man sich in einer verschachtelten, grosszügigen und hellen Lernumgebung auf verschiedenen Ebenen wieder. Auffällig ist das farbige, attraktive Lernmaterial. Überall stehen auf niedrigen Tischen, in Regalen, am Boden Klötze, Stifte, Spiele, Bücher und noch viel mehr. Anregung, wohin das Auge schweift. Natürlich fehlen auch die Computer nicht. Die werden allerdings gezielt eingesetzt. Internetrecherchen sind erst erlaubt, wenn in der Bibliothek nichts oder zu wenig zum jeweiligen Thema zu finden ist und die eigenen Fragen sich herauskristallisiert haben. Wenn ein Kind Lust hat, einen Vortrag zu halten, stehen alle Hilfsmittel zur Verfügung. Vorträge sind sehr beliebt, die Themen so unterschiedlich wie die Kinder. Mal wird aus den letzten Ferien berichtet, mal über eine Sportart oder das Lieblingstier. So lernt hier jedes Kind auch von den anderen, die Kleinen von den Grossen, die Mathemuffel von den Mathecracks, die Kopflastigen von den Kreativen. Um die Lerntätigkeit zu dokumentieren, führt jedes Kind ein eigenes Logbuch, in dem es jede Woche seine Lernziele notiert. Das kann das kleine Einmaleins sein oder der Subjonctif, der Salto auf dem Trampolin oder ein selbst gemachter Filzball. Je älter die Kinder werden, umso zielgerichteter und aussenorientierter wird die Planung, denn schliesslich heisst es irgendwann, sich zu verabschieden und in eine weiterführende Schule zu gehen. Für die einen ist es das Gymnasium, für andere die Sek, eine öffentliche Schule oder ein SBW-Haus des Lernens* wie die Primaria.

In sogenannten Inputfenstern vermitteln die Lernbegleiter die vorgeschriebenen Lernplaninhalte – zum Beispiel Sätze mit korrekten Fällen zu bilden. Eigentlich ein Thema, das jeden Schüler zum Gähnen bringt und nur bei wenigen nachhaltig haftet. Hier sitzt die Lernbegleiterin Jacqueline Bühler mit einer Gruppe von Kindern zwischen 9 und 11 Jahren am Boden in einem Kreis. In der Mitte liegen Kärtchen. Reihum werden sie so hingelegt, dass sich eine spannende Geschichte entwickelt. Die Kinder können es kaum erwarten, bis sie dran sind, einen Satz aufzudecken und richtig zu platzieren. Die Stimmung ist heiter und so verwundert es nicht, als die Lernbegleiterin zum Schluss sagt: «Vielen Dank fürs Mitspielen. Jetzt könnt Ihr am Computer selber Geschichten schreiben.» Jacqueline Bühler gibt noch Anregungen und Tipps in die Runde, für Fragen ist sie jederzeit da. Die einen machen sich sofort an die Arbeit, andere erstmal eine Pause. In Grüppchen sitzen sie zusammen, schwatzen und knabbern am Znüni, um gestärkt anpacken zu können, was sie sich als Nächstes vorgenommen haben. Wer den Drang verspürt, die Kopfarbeit zu kompensieren, geht in den Gumpiraum, der mit Matratzen ausgepolstert ist, damit die Kinder ordentlich toben können.



Viele Freiheiten
So hätte Schule Spass gemacht! Am liebsten wäre man noch mal Kind, um auszuprobieren, wie es sich anfühlt, frei von Angst und Druck den Dreisatz oder andere verhasste Sachen lernen zu können. So verlockend ist das Angebot, so ansteckend die unverkrampfte und zugleich ernsthafte Betriebsamkeit. Wissen die Kinder eigentlich, wie gut sie es hier haben? Oder finden sie selbst es vielleicht gar nicht so toll? Egal, wen man fragt, die Kinder haben nur Gutes zu berichten. Die 11-jährige Tara zum Beispiel: «In der öffentlichen Schule bin ich in Mathe nicht nachgekommen. Hier habe ich weniger Stress, und das Material hilft mir sehr, alles besser zu verstehen.» Und Josua findet gut, dass es keine Noten gibt. Die Lernbegleiter würden eher mal sagen: «Das musst du noch ein bisschen üben.» Deshalb, so der 12-Jährige, fühle er sich beim Lernen freier. «Megaläss», lautet Ingas Urteil. Früher ging sie in die Waldschule, was ihr auch gut gefallen hat. Hier findet sie toll, dass die Kinder so viele Freiheiten haben und so interessantes Lernmaterial da ist.

Freiheit ist ein Begriff der immer wieder fällt. Soll das heissen, dass die Kinder in der SBW Primaria den lieben langen Tag machen dürfen, was sie wollen? Natürlich nicht. Erstens gibt es Regeln des Zusammenlebens, an die sich alle, auch die Erwachsenen, halten müssen. Ganz wichtig: Niemand darf die anderen stören! Zweitens orientiert sich die Schule am offiziellen Lernplan des Kantons St. Gallen. Das wird behördlich geprüft und muss belegt werden. Ein Rahmen ist also gegeben. Vermutlich fühlen sich die Kinder frei innerhalb dieses Rahmens. Die Schulleiterin und Mitgründerin der Primaria, Ursula Taravella, erklärt das so: «Wir geben hier nicht den Takt vor, sondern versuchen, im Rhythmus der Kinder mitzuschwingen.» Die Schule sei kein fertiges System, in das man die Kinder hineinpresst, sondern werde ständig verändert. Die grossen Zeitfenster und die gestaltete Umgebung erlaubten den Kindern, ihrem Tempo und ihren Interessen und Bedürfnissen entsprechend zu lernen.

Kein Ort für schwierige Schüler
«Wir betrachten das Kind als Gesamtes», sagt Ursula Taravella. Etiketten wie ADS oder Wahrnehmungsstörung hält sie für wenig hilfreich. Damit würde man doch kein Kind beschreiben, sondern eine Krankheit. Sie zeigt eine Farbpalette mit unterschiedlichen Gelbtönen und sagt: «ADS ist eine Farbigkeit der Persönlichkeit. » Aber die SBW Primaria sei kein Ort für schwierige Schüler, betont die Schulleiterin. Zwar seien auch verhaltensauffällige und temperamentvolle Kinder dabei, doch integrieren könne man nur, wenn ein grosser Teil der Gruppe sich zu einem guten Zusammenleben und Lernen gefunden hat. Wenn Eltern kämen, die Probleme an die Schule delegieren wollen, sei das kein hilfreicher Ansatz. Die Zusammenarbeit mit den Eltern wird denn auch gross geschrieben. Viermal im Jahr kommen alle Mütter und Väter zusammen, um sich über Erziehungsfragen schlau zu machen. «Vor vierzehn Jahren, als mein Mann und ich die Primaria als Haus des Lernens eröffneten, fingen wir mit 20 Kindern an. Und deren Eltern wurden für uns Freunde.» Und was gab Ursula Taravella damals den Anstoss, eine solche Schule zu gründen? «Wir wollten für unsere eigenen Kinder einen Ort wie Mauricio und Rebecca Wild ihn mit dem Pesta in Ecuador geschaffen haben. Einen Lern-und Lebensort, der unseren Vorstellungen entsprach», erzählt die ehemalige Kindergärtnerin und Seminarlehrerin, «eine, in der die Individualität des Kindes im Zentrum steht.»



Inzwischen besuchen 70 Kinder die SBW Primaria. Einige von ihnen nehmen einen Schulweg von einer Stunde in Kauf, um in diesem «Klima» von Freiheit lernen zu können. Manche verbringen insgesamt 10 Jahre hier, von der Basisstufe bis zur sechsten Klasse. Den Zeitpunkt des Wechsels von der Basisstufe zur Primarschule bestimmen die Kinder selbst. Wenn sie sich «gross genug» fühlen, beginnen sie, bei den Grossen zu schnuppern. Schliesslich ist es keine Kleinigkeit, vom «Grössten» der Basisstufe zum Kleinsten der Primarstufe zu werden! Max, der heute so fleissig Rasen sät, ist der Abschied jedenfalls sehr schwer gefallen. Erst vor Kurzem hat er beschlossen: Jetzt bin ich 8 Jahre alt, jetzt ist es so weit. Wer sich einen Moment lang in den Gefilden der Vier- bis Achtjährigen aufhält, kann verstehen, warum Max lange gezögert hat. Ein paar Knaben schauen mit einer Praktikantin ein Buch an, rosagekleidete Mädchen lassen in einem Traum von Kinderzimmer Hula-Hoop-Reifen um ihre Taillen kreisen, und aus der Küche schwebt der Duft von frischgebackenen Gipfeln in die Nase. Eine kleine Gruppe hat gerade Englisch-Input bei Meret Leenders. Im Kreis und am Boden ists offenbar am gemütlichsten.

Die Lernbegleiterin spricht konsequent Englisch mit den Kleinen. Immer wieder gesellt sich ein neugieriges Kind dazu, denn der Input bei Meret Leenders ist sehr angesagt. Eine mütterliche Figur ist sie, mit viel Charme und Witz. Überhaupt geht es in der Basisstufe sehr familiär zu. Das gehört zum Konzept, sagt die Kindergärtnerin Simone Röllin. Weniger strukturiertes Lernen, dafür viel Raum fürs Spielen und jede Menge Montessori Material stehen im Vordergrund. Die pure Idylle für Kinder. Da kommt weinend der kleine Gerret von draussen herein gelaufen. Er braucht ein Pflaster und tröstende Worte, denn irgendein gemeiner Kerl hat ihn beim Fussballspielen gefoult. Fast ist man ein bisschen froh, dass es so etwas auch gibt in der Primaria.

* SBW Haus des Lernens ist ein Privatschulanbieter
mit Sitz in Romanshorn mit Angeboten von der
Basisstufe bis zum Eurogymnasium in der
Ostschweiz (TG, SG, AR).
www.primaria.ch
 

Regina Kesselring


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