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Müssen Noten sein?

Sind Noten reine Schikane oder wichtiges Mittel zur Taxierung und Motivation? Nicole Hoffmann Meier, Präsidentin «Schule und Elternhaus AG» und der Erziehungswissenschaftler Anton Strittmatter kreuzen die Klingen.


Nicole Hoffmann Meier, Präsidentin Schule und Elternhaus AG

«Über den Sinn von Noten wurde zu meiner Schulzeit nicht diskutiert. Obwohl auch wir uns manchmal über «ungerechte» Noten ärgerten, lernten wir, mit dieser Art der Qualifikation umzugehen und sie zu schätzen.

Die heutige Notendiskussion hat meiner Ansicht nach mit dem Wandel der Gesellschaft zu tun. Von der Schule wird zunehmend verlangt, sie müsse die Kinder heranbilden, ohne Druck auszuüben und ohne die Schwächeren zu demotivieren.

Zudem wird mehr und mehr der Leistungsspiess umgedreht: Die Lehrpersonen sollen ihren Unterricht unterhaltsam gestalten, die Schüler wollen konsumieren, statt lernen. Die althergebrachte Benotung passt da natürlich nicht mehr ins Bild.

In vielen Sportarten werden die Leistungen der Sportler mit einer Benotung bewertet. Hier hinterfragt man sie aber nicht – denn sie ist eben die einzige transparente Form der Beurteilung und Messung.

Zwei unserer Kinder gehen in Schweden zur Schule. Bis zur 7. Klasse wird dort das Können der Kinder nicht wirklich beurteilt, sie erfahren lediglich, ob sie genügen oder ob sie eine Prüfung wiederholen müssen. Sie können sich selbst kaum einschätzen und erleben erst in der Oberstufe, wie es ist, wenn ihre Leistung klar taxiert wird. Unsere Mädchen finden das gar nicht gut. Sie wünschten sich ab Schulbeginn präzise Noten. Meine Nichten aus Herisau (AR) hingegen haben positive Erfahrungen mit der Bewertung ohne Noten gemacht, weil im Zeugnis die Fähigkeiten der Kinder sehr detailliert umschrieben wurden. Dies könnte aber auch mit Noten geschehen, sofern die Fächer feiner unterteilt würden.

Die Kinder selbst – das wissen wir aus Umfragen – würden sich in der Mehrheit für Noten entscheiden. Sie wollen sich einschätzen und mit anderen messen können – das liegt in unseren Genen. Schon die Kleinsten machen Wettrennen oder diskutieren, wer den stärkeren Papi hat. Wettbewerb beflügelt und motiviert.

Ohne Noten aber würde den Schülern die Herausforderung, der Ansporn, die Möglichkeit der Selbsteinschätzung und der Druck fehlen. Und der ist notwendig, wenn die Schule auf das Leben und den Beruf vorbereiten soll: In keiner Tätigkeit als Erwachsener bleibt uns Druck erspart. Kinder müssen und wollen lernen, damit umzugehen.

Als Mutter wünsche ich mir eine eindeutige, faire und nachvollziehbare Benotung. Für personale, soziale und methodische Kompetenzen – wie sie im Lehrplan 21 vorgesehen sind – wäre meiner Ansicht nach ein schriftlicher Bericht sinnvoll.»

Dr. Anton Strittmatter, Erziehungswissenschaftler

«Noten geben einen ungefähren Eindruck, ob ein Schüler in der jeweiligen Klasse im jeweiligen Fach gut, mittel oder schlecht ist. Nicht mehr und nicht weniger. Sie sagen nichts darüber aus, welche konkreten Fähigkeiten der Beurteilte hat, wie gefestigt der Lernstoff ist und wie intelligent der Schüler diesen anwendet. Mit grosser Wahrscheinlichkeit hätte dieselbe Schülerin oder derselbe Schüler in einer anderen Klasse eine andere Note.

Wenn es darum geht, Lern- und Lehrprozesse zu steuern, sind eigene und fremde Beurteilungen unverzichtbar. Sie dienen allerdings auch weiteren Zwecken: beispielsweise der Selektion in Sek und Real; der Motivation – positiv als Verstärker, negativ als Bestrafung; der Selbstdarstellung der Lehrperson oder der Schule. Beurteilungen können sich an ganz verschiedenen Massstäben orientieren: am Leistungsniveau der Klasse (Rangreihe in der Klasse), am Grad des Erreichens der Lernziele/Kompetenzen, am individuellen Fortschritt oder an künftigen Anforderungen der nächsten Bildungsstufe oder des Berufsfeldes. Weil die Noten im Zeugnis meist ein diffuses Gemisch dieser Ansätze sind, hat die Wirtschaft folgerichtig mit der Einführung eigener Tests für die Auslese von Lehrlingen begonnen und damit längst den Bankrott der Notenzeugnisse ausgerufen.

Ein Problem mit den Noten ist, dass in der Praxis die Rangplatz-Ziffern wie Zahlen behandelt werden, um Durchschnitte errechnen zu können. Das wäre mathematisch nur dann zulässig, wenn zwischen den Noten 6, 5, 4 usw. ein gleicher Abstand besteht – was in der Leistungswirklichkeit fast nie der Fall ist. Hinzu kommt meist noch eine unsinnige «Ablasspraxis», indem eine ungenügende Fähigkeit im einen Bereich durch eine gute Fähigkeit in einem ganz anderen kompensiert werden kann. Dieses Durcheinander von Logiken produziert dann oft krasse Falschinformationen über die beurteilte Person. Und erklärt auch die schlechte prognostische Gültigkeit von Zeugnisnoten auf mehr als ein halbes Jahr hinaus.

Die besseren Alternativen zu den Ziffernnoten sind bekannt, aber leider noch nicht in der Breite praktikabel. Deren Grundlage – validierte, sprachlich normierte Kompetenzbeschreibungen mit Niveauabstufungen – liegen leider erst für den Fremdsprachenunterricht vor. Um solche Instrumente in allen Fächern anzuwenden, müssten die Lehrerinnen und Lehrer mehr Zeit in Anspruch nehmen können für die Leistungsdiagnose. Und die Schüler, Eltern oder Arbeitgeber müssten bereit sein, seitenlange Portfolios zu lesen.

So bleibt uns vorläufig nur, das bestehende Notensystem zu optimieren. Das heisst, das Verfälschungspotenzial und die geringe Aussagekraft von Noten anzuerkennen und sich als Lehrperson ständig an der Beurteilungspraxis anderer zu «eichen». Etwa mittels klassenübergreifender Tests, wobei bei den momentan verfügbaren Tests (Klassencockpit, Stellwerk, Check 5 usw.) nicht genügend klar ist, welche Fähigkeiten sie wirklich messen. Überdies sind einige Fairness-Spielregeln zu beachten, um Vorurteilen, zufälligen Momentaufnahmen, Glück und Pech angemessen zu begegnen.»

 

Nicole Hoffmann Meier ist Präsidentin Schule und Elternhaus (S&E) Aargau und Vorstandsmitglied S&E Schweiz.

Dr. Anton Strittmatter ist Erziehungswissenschaftler und leitet die Pädagogische Arbeitsstelle des Dachverbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer LCH.

Sinnvoll oder nicht?

Brauchen Kinder Noten, um sich zu messen oder schadet die Beurteilung, mehr als sie nützt? Schaffen es Lehrer und Lehrerinnen überhaupt, 25 Kinder gerecht zu benoten oder bilden Zeugnisnoten eher von Vorurteilen geprägte Momentaufnahmen ab?

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