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Klettersteige

Wandern auf Bergpfaden war gestern – heute kraxeln Eltern mit ihren Kindern Eisenleitern hoch und überqueren Hängebrücken. Aber Achtung: Klettersteige sind nur für Schwindelfreie!


Kaum schnappen unsere Kinder (11 und 15 Jahre alt) während der Sommerferien Stichworte wie «Wanderschuhe» oder «Picknick-Rucksack» auf, überkommt sie das Gruseln. Im Schlepptau der Eltern staubige Pfade abtrotten? Am Föhrenwaldrand Würste braten? Nein danke, das ist doch was für Kleine.
Für uns Eltern stellt sich also die Frage, was wir der pubertären Schnöderei entgegenhalten sollen. Ganz einfach: Wir versprechen den ultimativen Adrenalinschub auf einem Klettersteig. Eine Gondel würde uns zunächst auf 3000 Meter bis zur Diavolezza GR heben, und dann würde nicht wie bis anhin ein Wandermarathon anstehen, sondern 21⁄2 Stunden schwindelerregendes Abenteuer. Das brummelnde Einverständnis buchen wir als Erfolg ab.

Voll trendy

Klettersteige boomen. In der Schweiz gibt es bereits mehr als 150 Routen, im gesamten Alpengebiet über 1600. Damit können auch bloss halbwegs sportliche Menschen und mutige Kinder in steinige Gefilde vordringen, die sonst Kletterern vorbehalten sind. Aber Achtung: Klettersteige sind weder jederzeit überwachte Kletterparks noch harmlose Eventparcours. Die Vie ferrate, «Eisenwege», können nämlich auch durch Felsgelände führen, wo je nach Route Absturz- oder Steinschlaggefahr herrscht. Und einmal im Steig, ist eine Umkehr nicht mehr möglich.

Mit Helm, Handschuhen und Klettergurt

Von der Diavolezza aus steigen wir 30 Minuten über Geröllhalden bis zum Fuss des Piz Trovat. Meine Füsse in den zu kleinen Wanderschuhen der Schwiegermutter schmerzen schon beim Aufstieg. «Das sieht ja doof aus», raunzt unser Sohn, als wir uns gegenseitig in Kletterausrüstung mit Helm, Klettergurt und Gummihandschuhen begutachten, die wir an der Talstation gemietet haben. Aber alles sitzt perfekt und wir stellen uns zur klassischen Formation auf: Papa voraus, Kinder in der Mitte, Mama bildet das Rücklicht. Mit den jeweils zwei Schnappkarabinern mit Seilstück und Sturzbremse klinken wir uns nun beim Drahtseil ein, kippen den Kopf in den Nacken – und sehen die senkrechte Einstiegsleiter im Nichts verschwinden. K3 wartet auf uns.

Bewertungsskala beachten

Das schweizerische Bewertungssystem mit den Schwierigkeitsklassen von K1 (leicht) bis K6 (schwierig) ist verlässlich. Auf die einfachsten Klettersteige (K1, K2) können sich Eltern mit Kindern schon ab
6 oder 7 Jahren wagen; Voraussetzung ist, dass die Knirpse mutig und die Erwachsenen schwindelfrei sind. Für Unerfahrene lohnt es sich, einen Bergführer mitzunehmen. Der Kauf des Klettersteigsets ist nicht nötig, es kann in Bergsportgeschäften gemietet werden.
Unsere Kinder erklimmen konzentriert Stufe um Stufe der Leiter, erstaunlich wie schnell wir an Höhe gewinnen, im Nu steigen wir dem Himmel entgegen, bis hinauf zum Cambrena-Band. Hier traversieren wir einen Felsen, was zwar weniger Kraft, dafür mehr Mut erfordert. Unter unseren Sohlen weht viel Luft, und jedes ausgelöste Steinchen fällt rund zweihundert Meter in die Tiefe. Wir aber arbeiten uns Tritt um Tritt dem Drahtseil entlang, zwischendurch versorgt Papa die Familie mit Traubenzucker.
 

Klettern schweisst zusammen

Klettersteigen schweisst zusammen. Zumindest während der Tour sollten Diskussionen zu Erziehungsstil oder Vorwürfe wegen eines vergessenen Bidons unterlassen werden. Stattdessen geht es darum, am selben Strick zu ziehen und aufeinander aufzupassen. Als wir nun vor der Seilbrücke stehen, ist es definitiv zu spät, uns zu fragen, ob wir unser Leistungsvermögen richtig eingeschätzt haben. Die Schlucht unter uns scheint ihren Rachen aufzureissen, unserer armen Tochter stehen die Tränen zuvorderst. Im Moment wünscht sie sich wohl nichts sehnlicher, als auf einem öden Wanderpfad unterwegs zu sein. Doch mit viel Zuspruch schafft auch sie es, die Hängebrücke zu überqueren.

Adrenalin geflutet steigen wir im Endspurt in die fast senkrechte Headwall, dann über einfachere Platten bis zum Gipfel. Geschafft! Die Beine zittern, die Füsse schmerzen. Das Pochen des Herzens aber hört sich beim Anblick der in den Himmel eingebetteten Bergsilhouetten einen Moment lang wie Engelstrommeln an.
 

Manuela von Ah




Für Familien geeignet

Klettersteig Brunnistöckli, Engelberg OW kurzer, bestens abgesicherter Übungsklettersteig. Zustieg 15 Minuten ab Brunnihütte. Gehzeit 11⁄2 Stunden, 225 Höhenmeter. Infos www.engelberg.ch
«Chäligang» im Berner Oberland ist einer der neusten Klettersteige und führt von Adelboden auf die Engstligenalp. Gehzeit inklusive Einstieg (20 Minuten) rund 3 Stunden, 300 Höhenmeter. Infos www.engstligenalp.ch
Erlebnisweg Almagellerhorn VS
Tolles Erlebnis für Kinder, mit zwei schönen Hängebrücken. Gehzeit 11⁄2 Stunden, 340 Höhenmeter. Im Herbst inmitten der farbenprächtigen Lärchenwälder. Infos www.klettersteig.ch
Lisengrat, Urnäsch AR
Sehr einfacher Steig, eher wenig abenteuerlich, dennoch mit prächtiger Aussicht. Gehzeit 11⁄2 Stunden, 450 Höhenmeter.
Piz Trovat, Diavolezza GR
Neu, technisch und konditionell mittelschwer, Gehzeit rund 21⁄2 Stunden, 300 Höhenmeter, bestens abgesichert. Infos www.diavolezza.ch

Auskunft über alle Steige: www.klettersteige.de

 
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