Welcher Kindergarten darfs denn sein?
Kindergärten sind etwas Gutes. Nur – welcher ist nicht nur gut, sondern der Beste fürs eigene Kind? Das Angebot ist verwirrend vielfältig. Darum hier die wichtigsten Konzepte im Überblick.
Öffentlicher/städtischer Kindergarten
Begründer: Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782 - 1852), deutscher Pädagoge und Schüler Pestalozzis, «erfand» die Bezeichnung «Kindergarten» für professionelle Kinderbetreuungseinrichtungen. Der erste Kindergarten, der auch diesen Namen trug, entstand 1840 im Thüringer Wald. In Ungarn existierte seit 1828 der sogenannte «Engelgarten».Motto: Kinder brauchen einen Spiel- und Erfahrungsraum mit Gleichaltrigen, der an die Familie anknüpft und auf die Schule vorbereitet.
Zentrale pädagogische Grundlagen: In der Schweiz ist der Kindergarten Teil der öffentlichen Schule. Er hat daher einen klar auf die 1. Schulklasse ausgerichteten Bildungsauftrag, der über das von fröbelsche «gärtnerische Hegen und Pflegen» der Kinder hinausgeht. Per Gesetz muss jedem Kind ab 4 Jahren ermöglicht werden, diesen für mindestens ein Jahr zu besuchen. Mädchen und Jungen sollen auf spielerische Art gefördert sowie schul- und gemeinschaftsfähig werden. Dabei wird mit unterschiedlichen pädagogische Konzepten gearbeitet: Es gibt Waldtage (vom Waldkinder - garten), Epochenunterricht (aus der Waldorfpädagogik), spielzeugfreie Wochen. Die Erzieherin setzt ihre Schwerpunkte.
Besonders geeignet für: alle Kinder.
Beachten: Kinder mit besonderem Förderbedarf oder speziellen Eigenheiten sind Teil einer relativ grossen Gruppe. Mit individueller Betreuung kann es schwierig werden.
Kosten: keine
Infos unter: www.kgch.ch (diverse Links zum Thema)
Montessori-Kindergärten
Begründerin: Maria Montessori (1870 - 1952), italienische Ärztin, Kinderpsychiaterin, Reformpädagogin und die erste Frau Italiens, die an der Uni Rom promovierte.Motto: Hilf mir, es selbst zu tun!
Zentrale pädagogische Grundlagen: Das Kind ist der Baumeister seiner selbst. Die Aufgabe des Erziehers besteht darin, das Kind zu beobachten und eine sogenannte «vorbereitete Umgebung» mit ansprechenden Materialien zu schaffen, anhand derer das Kind aus eigener Motivation heraus lernen kann. Wichtiger als das Lernziel ist der Lernprozess. Es wird davon ausgegangen, dass das Kind von Haus aus selbsttätig lernen möchte, wenn ihm nur das passende Angebot gemacht wird. Daher ist äusserliche Motivation durch Noten und Belohnung unnötig. Zentral: die Konzentration. Sie ist unabdingbar, um Sachverhalte gedanklich zu durchdringen. Deshalb sind Ruhe und Disziplin wichtig, und dass Kinder nicht aus ihren Beschäftigungen gerissen werden. Jedes Kind soll seinem Rhythmus folgen und in eigener freier Arbeit lernen. Standardnormen sind unerwünscht. Selbstständigkeit wird gross geschrieben. Erwachsene müssen vor allem Bedingungen schaffen (etwa erreichbar hohe Waschbecken), die selbstständiges Tun ermöglichen. Gelernt wird in recht grösseren, altersgemischten Gruppen.
Besonders geeignet für: alle. Besonders profitieren aber sicherlich Kinder, die spezielle Zuwendung brauchen, stillere und schüchterne, die schnell im lauten Massenbetrieb untergehen. Da Montessori- Kindergärten in der Schweiz häufig zweisprachig angeboten werden, ziehen sie vermehrt Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern an.
Beachten: Quirlige Kinder tun sich mit den wichtigen Ruhe- und Konzentrationsphasen zuweilen schwer. Kann Übergangsschwierigkeiten geben beim Wechsel in eine «normale Schule». Künstlerisch-Kreatives spielt (vgl. Steiner-Schulen) eine eher untergeordnete Rolle.
Kosten: Variieren je nach Einrichtung.
Infos unter: www.montessori-ams.ch
Steiner/Waldorf- Kindergärten
Begründer: Rudolf Joseph Lorenz Steiner (1861 - 1925), gebürtiger Österreicher, Philosoph, Esoteriker, Urheber der speziellen Menschenkunde «Anthroposophie». Gründete 1919 die erste Waldorf- Schule bzw. übernahm die pädagogische Betreuung der Mitarbeiterkinder-Schule der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart.Motto: Erziehung durch Kunst. Erziehen als Kunst.
Zentrale pädagogische Grundlagen: Steiner geht von einer Theorie der vier Leiber aus: Der Mensch kommt als physischer Leib auf die Welt, im Ätherleib sind die Wachstumskräfte angesiedelt, im Astralleib das Seelenleben, im Ich, der höchsten Stufe, der unsterbliche geistige Kern des Menschen. Steiner legt einen inneren Bauplan des Menschen zugrunde, nachdem der Mensch in 7-Jahres- Schritten nicht nur seine physische Erscheinung ändert, sondern auch seine Art zu denken und die Art, wie er Informationen am besten aufnimmt. Den Anforderungen der jeweiligen Phase hat der Erzieher seine Lehrmethoden anzupassen. Da das Intellektuelle erst auf der allerhöchsten Stufe, dem Ich, zum Tragen kommt, spielen Künstlerisch-Kreatives und Handwerkliches eine wichtige Rolle. Theateraufführungen und Schulkonzerte sind zentraler Bestandteil des Schul- und Kindergartenlebens. Auch Gärtnern, Schreinern und Schneidern wird unterrichtet. Besonderheit: Eurythmie, eine Art Tanzkunst mit angeblich therapeutischer Wirkung. Grosser Wert wird auf die Schularchitektur gelegt, die hohen ästhetischen Ansprüchen genügen muss. Die Klassenzimmer sind in Form und Farbe dem Entwicklungsauftrag der entsprechenden Klassenstufe angepasst. Der Lehrer wird als Erziehungskünstler gesehen, der das Kind «ganzheitlich» erfassen und zur individuellen Entwicklung bringen soll. Sitzenbleiben gibt es nicht.
Besonders geeignet für: künstlerisch-kreative Kinder, deren Eltern die Theorie und Lebensweise aufgrund einer anthroposophischen Weltsicht mittragen. Für Familien, die keine Berührungsängste mit spirituell angehauchtem Denken haben und viel Wert auf Kreativität legen. Kinder mit handwerklichen Interessen sind hier besonders gut aufgehoben.
Beachten: Wer sich näher mit dem Gedankengut Steiners beschäftigt, stösst auf Theorien, die rationalistischen Menschen Mühe bereiten. Reinkarnation, Ätherleiber, geistige Wesenheiten und ähnlich Wolkiges. Auch Steiners zeitbedingte, aber problematische Äusserungen zu verschiedenen «Menschenrassen» sind immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Intellektuelle Kinder fühlen sich zuweilen fehl am Platz.
Kosten: Etwa 400 bis 650 Franken pro Monat. Variiert von Schule zu Schule. Bei mehreren Kindern: «Familienbeitrag» von etwa 10 Prozent des steuerbaren Einkommens.
Infos unter: www.steinerschule.ch
Waldkindergarten
Begründerin: Die Dänin Ella Flattau gründete 1950 in Sölleröd den ersten Waldkindergarten. Auslöser war keine Theorie, sondern sie ging einfach mit ihren eigenen Kindern in den Wald. Später gesellten sich stetig mehr begeisterte Nachbarskinder dazu, und das Interesse wuchs über die Grenzen hinaus.Motto: Kindergarten ohne Wände und Decke. Zentrale pädagogische Grundlagen: Ausgangspunkt ist die Erfahrung, dass Kinder sich gerne bewegen und die Überzeugung, dass sie eben dies am besten in freier Natur tun. Die Natur steht im Mittelpunkt. Umweltschutz, Naturerlebnis und Erfahrungen mit Wind, Regen, Hitze, natürlichen Materialien wie etwa rauem Holz und weichem Moos wird hoher erzieherischer Wert beigemessen. Die Überzeugung ist, dass Kinder erst frei und wild in der Natur herumtoben müssen, bevor sie viele Jahre lang auf kleinen Stühlchen in engen Klassenräumen hocken. Bewusste Gegensteuer zum Couch-Potatoe-Zeitgeist mit Computer und Gameboy.
Besonders geeignet für: Jungen und Mädchen, die es lieben, draussen zu toben; motorische, unempfindliche Kinder, die Ruhiges, Feinmotorisches wie Weben und Prinzessinnenmalen nicht sonderlich vermissen. Unruhige Kinder fühlen sich hier oft wohler als im Stuhlkreis eines Kindergartenzimmers.
Beachten: Waldkindergärten sind nicht zwingend in der Umgebung des Wohnquartiers. Die Kinder knüpfen also keinen Kontakt zu Nachbarskindern und späteren «Schulgschpänli». Und: An strengen Wintertagen ist der Aufenthalt im Freien nur begrenzt lustig und begrenzt gesund. Wenn Kinder das versunkene, feinmotorische Basteln und Malen sehr mögen, müssen die Eltern entsprechende Angebote machen. Die Eingewöhnung in die Schule kann unter Umständen ein wenig länger dauern.
Kosten: Es gibt kostenlose städtische und private Waldkindergärten. Kosten der privaten: unterschiedlich.
Infos unter: www.waldkindergarten.ch
Reggio-Kindergarten
Begründer: keine Einzelperson. Der Name stammt von der norditalienischen Stadt Reggio Emilia, in der zwischen 1910 und 1920 die ersten kommunalen, nicht kirchlichen Kindergärten gegründet wurden. Bekanntester Vertreter: Loris Malaguzzi. Er entwickelte in den 70er-Jahren die erste eigentliche Konzeption.Motto: Nur wenn Gefühl und Fantasie erwachen, blüht die Intelligenz. Und: Der Raum ist der dritte Erzieher.
Zentrale pädagogische Grundlagen: Das Augenmerk liegt auf der Lernfreude, statt auf Wissen. Deshalb ist hier Methoden lernen wichtiger als Inhalte. Ausgangspunkt: Das Kind hat einen angeborenen Forscherdrang. Daher arbeitet Reggio vornehmlich mit Projekten. Ausgangspunkt des Projektes ist das individuelle Interesse des Kindes, lernt es doch dann am besten, wenn es in den Gegenstand «verliebt» ist. Deshalb kann genauso gut ein einzelnes Kind etwa zum Thema «Schach» forschen, wie eine grössere Gruppe zum Thema «Hund». Festgehalten wird die mal einen Tag, mal ein halbes Jahr dauernde Projektarbeit in ausführlichen Dokumentationen als Wandtafeln, Bildern etc. Räume sind nicht nur ein Drumherum, sondern prägend. Sie fordern auf, spiegeln das Selbst, und auch der Kindergarten als Ganzes ist in eine Gemeinde eingebettet. Möglichst grosse Durchlässigkeit zwischen «normalem» Leben ausserhalb des Kindergartens und dem Kindergarten selbst ist erwünscht. Der Erzieher hält sich zurück und begleitet vornehmlich das Forschungsprojekt des Kindes. Die Gemeinschaft ist enorm wichtig, zentral ist deshalb das Erlernen von Sozialkompetenz und Solidarität. In Skandinavien stark verbreitet.
Besonders geeignet für: jeden. Vor allem aber für die Kinder von Eltern, bei denen Sozialkompetenz und Eigenständigkeit unter den Erziehungszielen ganz oben rangieren.
Beachten: Reggio-Pädagogik ist in der Schweiz bislang eher unbekannt. Momentan existiert nur in Cham (ZG) eine Kindertagesstätte für Kinder zwischen zwei und vier Jahren.
Kosten: Kindertagesstätte: ganzer Tag Fr.100.-, halber Tag Fr. 47.-.
Infos unter: www.kitawaha.ch
Caren Battaglia








