Um jeden Preis ans Gymi?
«Es gibt attraktive Alternativen zum Gymi», sagt Beat W. Zemp, Präsident des Dachverbands des Schweizer Lehrerinnen und Lehrer LCH.
wir eltern: Wie beurteilen Sie die Fixierung auf
das Gymnasium, die immer mehr um sich greift?
Beat W. Zemp: Ich habe Verständnis für den Wunsch der Eltern, ihren Kindern eine möglichst gute Schulbildung zu ermöglichen. Die Generation der heutigen Eltern hat ja selber unser Schulsystem durchlaufen und dabei offenbar verinnerlicht, dass eine akademische Ausbildung am besten über das Gymnasium läuft. Mit der Berufsmaturität und den Fachmaturitätsschulen gibt es heute aber auch attraktive Alternativen zum Gymnasium, die noch zu wenig genutzt werden. Auch der Auf- und Ausbau von Fachhochschulen ist noch nicht überall zur Kenntnis genommen worden.
Andere Länder öffnen die Türen zur höheren Bildung viel weiter. Warum dürfen in der Schweiz nicht mehr als 20 Prozent der Schüler die Matura machen?
Mit den verschiedenen Ausbildungsgängen auf der Sekundarstufe II und den heute vorhandenen Anschlüssen zur höheren Bildung auf der Tertiärstufe stehen auch in der Schweiz die Türen weit offen. Die Maturitätsquote hat ja in den letzten Jahren auch zugenommen. Sie schwankt aber stark je nach Kanton von knapp 14 Prozent bis 29 Prozent und liegt in der Westschweiz deutlich höher als in der deutschen Schweiz, wo dafür die Berufsbildung stärker gewichtet wird.
Viele Eltern schicken ihre Kinder in teure Vorbereitungskurse, mit der Begründung, die Primarschule leiste keine wirksame Vorbereitung aufs Gymnasium. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?
Ich kann diesen Vorwurf in dieser Pauschalität nicht nachvollziehen. Die Primarschulen haben ihre eigenen Lehrpläne und bereiten auf die verschiedenen Anschlüsse auf der Sekundarstufe I vor.
Wie schätzen Sie den Nutzen der privaten Vorbereitungskurse ein? Ist das nur eine gute Geschäftsidee oder ein echter Service?
Den Nutzen muss jeder selber einschätzen, der solche Kurse belegt. Natürlich wird damit auch ein Geschäft gemacht. Denn wenn keine Nachfrage da wäre, gäbe es auch kein Angebot. So funktioniert nun mal unsere Marktwirtschaft.
Würden Sie selbst Ihr Kind in einen Privatunterricht schicken?
Nur wenn es in der Schule nachweislich Lernstoff verpasst hat, z.B. durch eine längere Absenz oder bei einem momentanen Leistungstief. Ich würde aber zuerst bei der Lehrperson nachfragen, ob es schulinterne Möglichkeiten gibt und wie sie die Notwendigkeit von solchen Vorbereitungskursen einschätzt.
Allgemein wird bemängelt, die Kinder stünden heute unter unwahrscheinlichem Leistungsstress. Wer stresst Ihrer Meinung nach die Kinder? Die Schule? Die Eltern? Die Gesellschaft?
Wenn man den Resultaten der neuesten Studien über die Notengebung glaubt, dann beeinflussen die Eltern die schulischen Leistungen ihrer Kinder durch hohe Leistungserwartungen und Hilfe bei den Hausaufgaben weit stärker als die Lehrpersonen.
Jugendliche können sich selber aber auch überfordern, wenn sie einen Berufswunsch haben, der ausserhalb ihrer intellektuellen Fähigkeiten liegt.
Regina Kesselring








