Hausaufgaben abschaffen?
Kinder sollten ihre Hausaufgaben selbstständig lösen können. So stehts im Lehrplan. Im richtigen Leben geht ohne Hilfe der Eltern meist gar nichts. Häufig sind es die Mütter, die Abend für Abend Bücher wälzen.
«Mami, ich chum nöd drus!» So regelmässig wie der Gebetsruf des Muezzins erklingt der ewig gleiche Satz, wenn das Kind seine Hausaufgaben machen sollte. Der Tisch ist gedeckt, das Abendessen in der Pfanne. Was tun?
«Das ist dein Problem!», zurückschreien und damit rechnen, dass der geliebte Nachwuchs die Steinzeit-Prüfung versiebt? Das Abendessen auf den Sankt-Nimmerleins- Tag verschieben und sich selber in Ackerbau- Methoden der Urmenschen einlesen oder noch unattraktiver, die Hilfe auf den späteren Abend verschieben und zum x-ten Mal mit müdem Kind vor schlecht kopierten Zetteln statt vor der Lieblingsserie sitzen?
Die Zeiten, in denen Kinder nach der Schule schnell mit dem Thek ins Zimmer verschwanden und nach einer halben Stunde fröhlich in den Garten hüpften, sind definitiv vorbei. Wer mit Eltern von Mittel- und Oberstufenkindern spricht, hört Schauermärchen en masse. «Englisch- und Franzwörtli inbegriffen sind zwei bis drei Stunden pro Tag normal», sagt die Mutter eines Sekschülers, und: «Ohne meine Hilfe geht gar nichts.» «Am Wochenende einfach wegzufahren, liegt für uns nicht mehr drin», beklagt sich die Mutter einer Tochter im ersten Gymnasium, «der Sonntag geht regelmässig für Stefanies Hausaufgaben drauf, zum Leidwesen ihrer kleinen Schwester.» Und Vincents Vater gibt zu, dass die Vorträge, die sein Fünftklässler in der Schule hält, mehr auf seinem Mist gewachsen sind als auf dem seines Sohnes. «Die Schule setzt stillschweigend voraus, dass die Kinder daheim unterstützt werden und ihnen jemand erklärt, wie man einen Vortrag aufbaut», erklärt er.
Mütter als Vizelehrerinnen
Alois Niggli, Professor an der pädagogischen Hochschule Freiburg, kennt das Problem: «Ich höre des öfteren, dass es Lehrkräfte gibt, die allzu gern einen Teil der Stoffvermittlung nach Hause delegieren. Dazu kann ich nur sagen: Hausaufgaben sollten nicht als Zusatzunterricht verstanden werden. Wenn die Schule schon zusätzliche Lebenszeit eines Kindes beansprucht, dann sollte dies in einer Art geschehen, die entwicklungsfördernd ist.» Was das heisst, ist klar: Hausaufgaben müssen so gestaltet sein, dass die Kinder sie ohne Hilfe lösen können. Oder wie Niggli sagt: «Ufzgi sollen zu Erfolgserlebnissen führen, nicht zu gestressten Familien.»
Im Falle von Vincent würde das heissen, dass er in der Schule lernt, wie man einen Vortrag erarbeitet. Dass er gemeinsam mit der Lehrkraft eine geeignete Auskunftsperson sucht oder in der Schule lernt, wie man im Internet oder in geeigneten Büchern zu Informationen kommt. Aber auch, dass die Entstehung des Vortrages begleitet wird, dass Vincent ein Feedback auf seine Fortschritte erhält, Hilfestellung, wenn er nicht weiterkommt. So will es übrigens auch der Zürcher Lehrplan: «Hausaufgaben dürfen nur erteilt werden, wenn die Aufgabenstellung klar ist und die Schülerin bzw. der Schüler die Arbeitstechnik
kennt. Sie müssen ohne fachliche Hilfe der Eltern lösbar sein», steht hier schwarz auf weiss.
«Reine Theorie», sagt Richard Humm, Leiter einer Beratungsstelle für Lern- und Erziehungsfragen in Zürich. « In der Praxis sieht es so aus, dass viele Mütter daheim als Vizelehrerinnen amten. Die Einführung von Werkstattunterricht und Wochenplänen hat das Problem deutlich verschärft», sagt Humm. Wenn jedes Kind im eigenen Tempo an seinen Plänen arbeite, seien Lehrkräfte extrem gefordert. Sie müssten die ständige Kontrolle über das Fortkommen jedes einzelnen Kindes haben. Das sei gar nicht leistbar. «Was passiert?», fragt Humm, «die Eltern übernehmen diese Kontrolle.» Er warte schon lange darauf, dass die Eltern auf die Strasse gingen. Insbesondere für die Mütter sei es ein unerträglicher Stress, sich neben Job, Haushalt und Erziehung abends noch um den Schulstoff der Kinder zu kümmern.
Also, was tun, wenn es wieder «Mami, ich chum nöd drus!» heisst? «Natürlich dürfen die Eltern helfen, wenn sie gefragt werden», sagt Niggli, «aber zur Regel sollte die Mithilfe nicht werden.» Denn diverse Studien hätten gezeigt, dass sich eine zu starke Einmischung der Eltern negativ auf die Leistung der Kinder auswirke. Insbesondere schwächere Schüler und Schülerinnen würden durch die elterliche Kontrolle zusätzlich verunsichert.
Ungleiche Ausbildungschancen
Also doch Lieblingsserie gucken und das Kind mit unerledigten Hausaufgaben zur Schule schicken? Den Lehrer anrufen und sagen, das Kind sei überfordert, im Wissen, dass die meisten seiner Gschpänli die Vorträge auch mithilfe der Eltern erledigen? «Das ist nicht so einfach», sagt Jacqueline Fehr, Nationalrätin und Autorin des Buches «Schule mit Zukunft». Die meisten Kinder kämen in grosse Not, wenn sie ihre Ufzgi nicht erledigen könnten und: « Für Eltern
ist es ein grosser Schritt, hinzugehen und zu sagen, ich will nicht mehr so oft helfen oder ich bin damit überfordert.» Offen gibt sie zu, dass auch sie immer wieder mal vor Wikipedia sitzt und sich Matheaufgaben in Erinnerung ruft, um ihren Söhnen helfen zu können. «Obwohl ich es nicht richtig finde. Denn wenn ich meinen Kindern daheim das Bruchrechnen beibringe, ist das nach Hause delegierter Bildungsauftrag und die Chancengleichheit wird untergraben», sagt Fehr. Unterstützung erhält sie von Parteikollegin Linda Bär, SP-Gemeinderätin der Stadt Zürich. Die 24-jährige Studentin, die aus einer Lehrerfamilie stammt, ärgert sich masslos darüber, wie viel Schulstoff zu Hause erarbeitet werden muss. «Ich bin doch heute nur da, wo ich bin, weil meine Mutter Zeit hatte, stundenlang mit mir zu büffeln.» Zwar sei sie dankbar dafür, aber mit Chancengleichheit habe das nichts zu tun, so Bär. «Heute entscheidet der Bildungsstand der Eltern über die Ausbildungschancen der Kinder.»
Jungpolitikerin Bär lancierte kurzerhand eine Petition, welche die Abschaffung der Hausaufgaben fordert. Ihr Modell: Lernzeit nach Schulschluss für alle, begleitet von den Lehrkräften. «Wer fertig ist, kann nach Hause gehen und hat wirklich frei.» Jubel bei den Kindern, Konsternation bei Fachleuten und Eltern. Die Reaktionen in den Medien waren heftig, Bärs «Schnapsidee» belebte Diskussionsforen und Leserbriefseiten. Auch parteiintern war man sich alles andere als einig. «Die Ufzgi sind definitiv eine heilige Kuh», folgert Bär. Eine, die sie nach wie vor gern zur Schlachtbank führen würde, wenn auch nicht mehr mit der Abschaffungspetition, die sie mittlerweile begraben hat. «Ich setze mich jetzt auf dem parlamentarischen Weg für Tagesschulen ein, diese lösen das Problem sozusagen durch die Hintertür.»
Ein Weg, dem sogar Hausaufgaben-Befürworter Niggli etwas abgewinnen kann: «Gelingt es der Schule nicht, sicherzustellen, dass alle Kinder die aufgetragenen Ufzgi daheim selbst erledigen können, befürworte auch ich, dass die Hausaufgaben in der Schule im Rahmen von Tagesstrukturen erledigt werden», sagt er. Jacqueline Fehr doppelt nach: «Ich nehme die Aussagen der Lehrpersonen ernst. Wenn die Kinder daheim wirklich nur wenig erledigen müssen und sie es erst noch selbstständig erarbeiten können, gibt es doch keinen Grund, warum die Kinder die Aufgaben nicht anschliessend an die Schule im Klassenzimmer machen können. Die Lehrerin kann während dieser Zeit ja in Ruhe vorbereiten oder korrigieren. Und hat ein Kind Fragen, ist sie da, um zu erklären. Oft haben gerade jene Kinder Mühe mit den Hausaufgaben, die zu Hause nicht auf die Hilfe der Eltern hoffen können.»
Tanja Polli











