Wie gescheit ist mein Kind?
Intelligenz ist messbar. Bei Kindern wird sie vor allem dann ermittelt, wenn Schulschwierigkeiten auftreten. Wie aber funktionieren Intelligenztests? Und was bringen sie?

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Die Schulpsychologin hilft
Fast jede Institution, die sich um Entwicklungsauffälligkeiten von Kindern kümmert, arbeitet mit Intelligenztests: entwicklungs- und sozialpädiatrische Zentren, Jugend- und Kinderpsychiatrie, neurologische Praxen oder Frühförderstellen. Mit dem Test können psychischen Verhaltensauffälligkeiten oder Diagnosen wie dem Asperger-Syndrom (autistische Störung) auf den Grund gegangen werden. Im Schulbereich kommen Intelligenztests dann zum Zug, wenn unklar ist, wodurch die Schulschwierigkeiten bedingt sind: Legasthenie oder Dyskalkulie, psychische Belastung oder Konzentrationsund Lernstörungen. Oder bei Unsicherheiten bezüglich Einschulungszeitpunkt oder Klassenwiederholung.
Hapert es nun bei einem Schüler oder einer Schülerin über längere Zeit mit dem Lernstoff, und erbringt er oder sie aus Sicht der Lehrerin nicht jene Leistungen, die den Anforderungen der Klasse entsprechen, kann in Rücksprache mit den Eltern ein Termin bei der Schulpsychologin vereinbart werden. Bei Ruth Moser zum Beispiel: Sie betreut Kinder vom Kindergarten bis ins Jugendalter. Dank ihrem hell eingerichteten Büro in Zürich Wollishofen und ihrer warmen Ausstrahlung verlieren die Kinder ihre Scheu vor der ungewohnten Situation schnell. Und nachdem die Psychologin den Test erklärt hat, brüten die meisten ganz gerne über den Fragen.
Neuer Intelligenztest
Den gängigsten Test, den Kinderpsychologen heute durchführen, ist der Hamburg- Wechsler-Intelligenztest für Kinder (HAWIK IV), ein weltweit angewandter und normierter Test. Er ist für Kinder von 6 bis 16 Jahre konzipiert, dauert 60 bis 80 Minuten und untersucht neben dem sprachlichen Verständnis das logische Denken, das Arbeitsgedächtnis und die Bearbeitungsgeschwindigkeit. Etwas kürzer ist der Kaufman Assessment Battery for Children-Test (K-ABC). Während die Durchführung nur 30 bis 60 Minuten dauert und auf 3- bis 11-jährige Kinder zugeschnitten ist, misst er die zusätzlich erworbenen Fertigkeiten.
Der zuvor in der Schweiz weit verbreitete, aber veraltete Kramer-Intelligenztest wiederum wurde von Professor Alexander Grob von der Psychologischen Fakultät der Universität Basel neu ausgearbeitet und unter dem Namen Intelligence and Development Scales (IDS) auf Kinder im Alter von 5 bis 10 Jahren «geeicht». Berücksichtigt werden in diesem Test neben der Kognition die Psychomotorik, die sozial emotionale Intelligenz, Mathematik, Sprache und Leistungsmotivation.
Können x Wollen x Möglichkeiten
Die Kognition beschreibt nur einen Teil der Leistungsfähigkeit eines Kindes. «Können x Wollen x Möglichkeiten» heisst denn auch die Dreifaltigkeit als Grundlage für schulischen und beruflichen Erfolg. «Können» bezeichnet dabei die Intelligenz, «Wollen» die Motivation und Selbstdisziplin, und «Möglichkeit» das Bildungsniveau und die unterstützende Zuwendung der Familie und das Lernumfeld in der Klasse. Ob ein Kind in der Schule die Leistung erbringt, hängt also auch stark von seiner Arbeitshaltung ab. Motivation und Selbstdisziplin sind wichtige Eigenschaften, ebenso aber, ob eine Familie ihr Kind unterstützt. «Es kann zentral sein, nachzufragen, ob die Hausaufgaben erledigt sind oder ob das Kind noch Hilfe braucht», erklärt Ruth Moser.
Wenn die Schulpsychologin die Ergebnisse mit den Eltern bespricht, redet sie eigentlich lieber vom Begabungs- als vom Intelligenztest. Gerade bildungsbewusste und ehrgeizige Eltern würden dann manchmal nach dem IQ fragen. Dazu äussert sich Ruth Moser aber höchst ungern in einer konkreten Zahl: «Einem Kind kann dadurch ein Stempel aufgedrückt werden, der nur einem Teil seines ganzen Wesens entspricht, oder der eine aktuelle Befindlichkeit oder die Tagesform eines Kindes repräsentiert.» Die Schulpsychologin sagt den Eltern, ob die Begabung ihres Kindes durchschnittlich, überdurchschnittlich oder unterdurchschnittlich ist und in welchen Teilbereichen es Stärken und Schwächen zeigt.
Die meisten Kinder gehören zu jenen 68 Prozent, die irgendwo im Mittelbereich eines durchschnittlichen IQs von 100 Punkten liegen, rund zwei Drittel aller Kinder haben einen Intelligenzquotienten von 85 bis 115 Punkten. Unter normalen Bedingungen genügen diese den Schulanforderungen. Wenn der Schüler am unteren Ende aber sehr fleissig arbeitet, kann er seine Leistungen anheben, ein fauler Schüler wird unter seinen Möglichkeiten bleiben.
Mit Intelligenztest den Druck wegnehmen
Dennoch: Bei deutlich unterdurchschnittlicher Begabung ist es Ruth Moser wichtig, dass die Eltern sanft aber ehrlich damit konfrontiert werden. Oft brauchen sie Zeit, mit dieser Nachricht vertraut zu werden und die Möglichkeiten des Kindes zu akzeptieren. Sie durchlaufen dann manchmal einen schmerzhaften Prozess und müssen Abschied nehmen von ihren eigenen Wünschen für ihr Kind. Den Eltern kann mithilfe des Intelligenztests durchaus Druck genommen werden. Sie lernen, bei Minderbegabung von ihrem Mädchen oder Jungen etwas weniger einzufordern, und umgekehrt bei hoher Begabung, dem Kind etwas abzuverlangen. Bei Kindern mit hohem IQ geht die Schulpsychologin der emotionalen Befindlichkeit nach und leitet je nach Bedürfnis entsprechende Massnahmen ein, um das Kind zu fördern. Bei Teilleistungsschwächen weniger begabten Kinder wiederum ist es wichtig, die richtigen Fördermassnahmen zu treffen und eine Heilpädagogin, Psychomotorik- und Psychotherapeutinnen und Logopädinnen beizuziehen.
Der IQ allerdings ist kein unverrückbarer Wert. Wie beim Körpergewicht kann er von Tag zu Tag leicht variieren. Denn gerade die allgemeine Lebenssituation eines Kindes hat einen Einfluss auf den IQ-Wert. Deshalb wird beim IDS beispielsweise bei einmaliger Messung mit dem Ergebnis von 109 IQ-Punkten von einer 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit des IQs im Bereich von 102 bis 116 gesprochen.
Immer intelligenter?
Schliesslich gehe es aber darum, sagt der Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologe Alexander Grob, das Wissen über den intellektuellen Entwicklungsstand eines Kindes als Chance zu betrachten: «Jedes Kind hat seine Stärken und Schwächen; nur wenn wir wissen, welche Voraussetzungen es mitbringt, können wir es auch gezielt fördern.» In den 80er-Jahren beobachtete der Intelligenzforscher James Flynn, dass die Leistung der Kinder überall beständig zunehme. Seine Schlussfolgerung: Die Menschen werden immer schlauer. Alexander Grob relativiert dieses Fazit. Wir würden zwar als Gesamtgesellschaft dazulernen, dabei gehe es aber eher um eine Wissensveränderung: «Die Kultur fordert heute anderes Wissen, um sich angemessen und intelligent zu verhalten und neue Wissensstrukturen aufzubauen.» Wer seinem Nachwuchs beim wieselflinken Erlernen neuer Medientechniken über die Schultern guckt, kann das nur bestätigen.
Manuela von Ah








