Zwei auf einen Streich
Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Für Zwillingseltern dürfte es ruhig eine Grossstadt sein.
Da stimmt etwas nicht», dachte Nina Dammann sofort, als sie auf dem Bildschirm über sich dieses schwarzweisse Knäuel mit zwei blinkenden Punkten sah. Die damals 27-Jährige war bereits Mutter einer fünfjährigen Tochter und wusste, wie ein Ultraschallbild im dritten Monat aussehen soll. So jedenfalls nicht.
Die Ärztin schwieg lange und sagte schliesslich: «Das ist aber nicht allein.» Dann war es still. Nina Dammanns Gefühle fuhren derweil Achterbahn. Sie war froh, dass das, was sie da sah, «nur» Zwillinge waren, aber gleichzeitig traf sie fast der Schlag. «Sophia hat mich als Baby schon an meine Grenzen gebracht, wie um Himmels willen sollte ich das mit zwei schaffen?»
Felix Dammann, der mit Tochter Sophia neben seiner Frau sass, begriff zuerst einmal gar nichts. Die Ärztin gratulierte und eine Viertelstunde später sass die überrumpelte Familie in einer Cafébar in der Winterthurer Altstadt. «Den Freunden, die wir dort trafen, erzählten wir alles brühwarm», erinnert sich Nina Dammann. «Ich glaub, um selber zu begreifen.»
Das war vor sechs Jahren. Jetzt sitzen die Dammanns am langen Holztisch in der Küche ihres umgebauten Bauernhauses in der Weinländer Gemeinde Neftenbach, und Sophia (11) erzählt ihren Brüdern Niklas und Moritz (5) eine Geschichte. Ein Bild, ein bisschen wie aus dem Bilderbuch. «All die Arbeit, all die Mühen haben sich tausendmal gelohnt, wir sind stolz auf unsere Kinder», sagt Nina Dammann mit Blick auf ihre drei Blondschöpfe. Und die Art, wie sie diesen Satz sagt, verrät, dass da Mühen waren. Grosse.
Die letzten drei Monate der Schwangerschaft verbrachte Nina Dammann liegend in der Uniklinik Zürich. Nach einer Kontrolle wegen Blutungen in der 27. Schwangerschaftswoche durfte sie nicht einmal mehr heim, um Ihre Sachen zu holen. Bettruhe, Wehenhemmer, Cortison. Zehn lange Wochen später ging dann plötzlich alles so schnell, dass Niklas und Moritz sich in den ersten Minuten ihres Erdendaseins mit Ärzten und Hebammen begnügen mussten – Mama lag nach dem Notfallkaiserschnitt noch in der Narkose und Papa hat die Geburt seiner Söhne trotz rasanter Autofahrt knapp verpasst. Den Buben gings zum Glück gut, mit 2850 und 2370 Gramm Geburtsgewicht waren die beiden gut beieinander, und nur der zartere Niklas brauchte noch kurze Zeit medizinische Unterstützung.
Nach Wochen endlich die Gewissheit, dass beide gesund sind.
«Als ich meine zwei Buben zum ersten Mal sah, fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen», erinnert sich Nina Dammann. «Nach all den Wochen der Angst, endlich die Gewissheit, dass beide gesund sind.» Und mit einem Lachen sagt sie: «Und ich war froh, dass ich die beiden unterscheiden konnte.»
Trotzdem war von jetzt an nichts mehr, wie es war. Wenn man Zwillinge bekomme, sagt Felix Dammann, sei es wie beim ersten Kind. «Man hat eine Vorstellung und die Realität ist dann eine ganz andere.»
In weiser Voraussicht hatte Nina Dammann sich Hilfe organisiert. Jeden Tag fassten eine Freundin, die Schwester oder die Grosseltern mit an. Unterstützung, die dringend nötig war, denn Nina Dammann erkrankte durch die Strapazen der Schwangerschaft an Osteoporose und konnte ihre Kinder zeitweise kaum mehr selber tragen. Und auch als es Nina wieder besser ging, verlangten die Kleinen ihren Eltern alles ab. «Wir schliefen durchschnittlich 4 Stunden pro Nacht», erinnert sich Felix Dammann, Creative Director einer Zürcher Werbeagentur. «Oder kurz gesagt: Die ersten Monate waren extrem schwierig.» Er habe lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass sie das nicht alleine hinkriegen. Im Nachhinein habe sie diese Zeit als Familie zwar offener gemacht und ihr soziales Netz extrem gestärkt, doch damals hätte er an manchen Abenden am liebsten auf dem Treppenabsatz kehrt gemacht. Ruhe und eine Art Alltag kehrte bei Dammanns erst wieder ein, als sie nach einem halben Jahr eine junge Frau einstellten, die ihr Sozialpraktikum bei ihnen absolvierte.
«Ich bring am Moritz au eis», unterbricht Niklas das Gespräch. Er beisst in die Schokohülle eines Überraschungseis und hält mit der anderen Hand ein zweites in die Höhe. Obwohl die Eltern von Anfang an darauf geachtet haben, ihre Söhne als unabhängige Individuen zu erziehen, das heisst, sie nicht gleich anzuziehen, auch einmal einzeln mit ihnen loszuziehen, sie getrennt in den Kindergarten zu schicken, verbindet die Brüder ein starkes Band. «Wenn wir mit dem einen schimpfen, hilft ihm der andere sofort, und dass sie miteinander teilen, ist für beide selbstverständlich.»
Wie viel gemeinsam, wie viel getrennt? Diese Fragen würden sich wohl alle Zwillingseltern stellen, sagt Nina Dammann. Sie habe gemerkt, dass es da zwei Lager gäbe. «Die Eltern, welche die Kinder möglichst eigenständig erziehen und die, welche den Fokus vor allem auf die Gemeinsamkeiten legen.» Etwas, das wohl jede Familie für sich entscheiden müsse. «Für mich ist es einfach absurd, zwei Kinder wie eines zu behandeln, bloss weil die beiden zufällig zur gleichen Zeit im selben Bauch gewesen sind.»
Verbindet Niklas und Moritz nicht mehr? Auf die Frage, ob die beiden ein- oder zweieiig seien, haben Nina und Felix schon lange gewartet. Beide lachen. «Das fragen alle, auch wildfremde im Bus und auf der Strasse.» Die Wahrheit sei, sagt Felix Dammann: «Wir wissen es nicht.» Sie gingen davon aus, dass die beiden eineiig seien, aber um sicher zu sein, müssten sie einen DNA-Test machen. «Aber den machen wir nur, wenn die Buben das einmal selber wünschen.»
Vorläufig kümmern die Gene weder Niklas noch Moritz. Die beiden verstecken sich hinter dem Sofa. Plötzlich stehen sie auf, schauen sich an und umarmen sich innig.
Und all die Mühen haben sich gelohnt. Tausendmal.
Tanja Polli








