Zu perfekt
Perfektionisten haben nicht nur viel Stress, sie sind auch nicht besonders beliebt.
Sauber reicht nicht, porentief rein muss es sein. Perfekt bis ins Kleinste. Kein Staubkorn in der Wohnung, kein Schwitzfleck unter den Achseln, keine Cellulitisdellen an den Oberschenkeln, kein falsches Wort beim Geschäftsessen mit den Chefs: Wer etwas auf sich hält, nimmt jedes Detail ernst. Überlässt nichts dem Zufall. Von nichts kommt nichts. Ohne Fleiss kein Preis. Es liegt nur an einem selbst, ob man das eigene Potenzial ausschöpft und etwas aus sich macht oder sich hängen lässt und die Zeit verplempert. Freunde, Kinder, Haushalt, Job, Urlaub – alles eine Frage der optimalen Organisation. Und die Medien sind voll von Tipps zur durchgestylten Wohnungseinrichtung, zur perfekten Gästebewirtung, zur Karriereplanung, zur unerlässlichen Fitness. Alles lässt sich «optimieren»: die Karriere, die Erziehung der Kinder, die Ernährung, das Sportprogramm.
Perfektionisten sind wahre Kontrollfreaks, überzeugt davon, dass nichts und niemand gut genug ist. Sie ärgern sich masslos über Fehler. Leider machen sie sich damit nicht besonders beliebt. Sie sehen nicht, dass sie andere nerven mit ihrer Pingeligkeit. Chefs finden es zwar toll, jemanden im Team zu haben, auf deren übersteigertes Verant-wortungsgefühl sie sich verlassen können. Aber wenn es um die Besetzung eines Führungsjobs geht, ziehen sie den Kollegen vor, der sich gut darstellen kann und sich lieb Kind gemacht hat. Für die Karriere ist die Leistung erwiesenermassen nur zu einem kleinen Teil ausschlaggebend, viel wichtiger sind das Image und der Bekanntheitsgrad der Kandidaten.
Perfektionisten stressen
Wenn der Stress der Perfektionisten sich schon in der Geschäftswelt nicht auszahlt – wie dann im Privatleben? Gut – welcher Mann wird es nicht zu schätzen wissen, wenn seine Frau täglich seine Bartstoppeln akribisch aus dem Waschbecken entfernt und seine Hemden exakt bügelt und gefaltet in den Schrank legt? Ganz zu schweigen von dem regelmässigen Sterne-Essen und sonstigen Bequemlichkeiten, die sie ihm serviert. Aber wenn er ständig zu hören kriegt, dass er statt am Feierabend auf der Couch rumzulümmeln, etwas für seinen Body tun oder wenigstens mit den Kindern Frühenglisch trainieren soll, wird er sich vielleicht nicht mehr ganz so wohl fühlen.
Kann man denn nicht einfach mal fünfe gerade sein lassen? Nein, die Perfektionistin kann das nicht. Fünf ist nun mal ungerade und definitiv schlechter als eine Sechs. Unsere Kinder sollen es einmal besser haben. Dafür wird gebüffelt und geochst und geschwitzt. Nachhilfe ist kein Makel mehr für jene, die es einfach nicht kapieren, sondern ein Zeichen von optimaler Leistungsvorbereitung. «Besser als wer, soll Ihr Kind es haben? Wer ist der Massstab? Ihr Partner oder Sie selbst, Verwandte oder Bekannte, Nachbarn oder Kollegen, Prominente aus Funk und Fernsehen oder Obdachlose?», fragen die Autorinnen Irene Becker und Jutta Meyer-Kles in ihrem Ratgeber «Lieber schlampig glücklich als ordentlich gestresst». Ja, woher kommen diese übersteigerten Ansprüche? Für wen ist es eigentlich so wichtig, dass die Kinder es besser haben? Geht es wirklich um das Kind oder geht es um das eigene Selbstbild als Mutter und Vater? Eltern sind nie perfekt. Kinder werden nie perfekt. Zum Glück.
Doris Michel








