Männerrunde
Schluss mit dem Gejammer über abwesende Väter! Denn die neuen Väter sind da! Beat Matter, Vater von Janick (14 Monate), ist ein Stellvertreter einer neuen Generation von Papas. Väter, die lieber am Familien- als am Stammtisch sitzen.
«Schon früh in unserer Beziehung begannen meine Frau Esther und ich, langfristige Pläne zu schmieden. Kinder zu haben war einer davon. Zunächst wollte ich allerdings meine Ausbildung in Journalismus und Organisationskommunikation an der Zürcher Fachhochschule Winterthur abschliessen, was nicht von ungefähr kommt: Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der viel Wert auf Sicherheit gelegt wird. Obwohl ich mir teilweise Mühe gebe, dagegen zu verstossen, waren mir in diesem Fall die Prioritäten doch klar – zuerst die Ausbildung, dann das Kind.
Mit meinem Freundeskreis teilte ich bis vor Kurzem vor allem den Musik- und Getränkegeschmack. Wir trafen uns im Ausgang, immer spontan, häufig in Bars mit und jederzeit mit viel Bier. Ausgang am Abend war ein Synonym für Kater am Morgen. Es war gut so. Damals.
Der Freundeskreis wird kleiner
Weil sich mein Studium zunehmend schlechter mit drei Zechtouren pro Woche vertrug, verlor ich einige Ausgehfreunde. Ich wurde ruhiger, die Beziehung und die Zukunft wichtiger, mein Freundeskreis kleiner.
Endlich war meine Ausbildung fertig. Eine Stelle hatte ich noch keine, ja, mein Anzug war nach der Diplomfeier noch nicht aus der Reinigung zurück, als Esther schwanger wurde. Ich freute mich. Gemessen an meinem Sicherheitsbestreben war die Schwangerschaft jedoch eine Verwegenheit, die mich ins Schleudern brachte. Aus dieser Nervosität, aus dieser Unsicherheit heraus wuchs mein Bedürfnis, Kontakt zu Männern in ähnlichen Situationen herzustellen. Ich wollte wohl einfach hören, dass es normal ist, sich unsicher zu fühlen, Angst zu verspüren. Mein kinderloses Netzwerk hörte mir zwar zu und hatte sogar Verständnis, jedoch ohne mich wirklich zu verstehen. Sie bewunderten meinen Mut und fanden es toll, wie gelassen ich blieb. Ich aber merkte, dass ich mit ihnen nicht darüber sprechen konnte, wie mich die Zukunft neben aller Vorfreude auch beunruhigte und ängstigte.
Die schwierige Suche nach dem Netzwerk
Also suchte ich in Internetforen nach Männern mit gleichen Erfahrungen. Ich folgte damit Esthers Beispiel, die sich auf einem Mütterforum intensiv und erfolgreich um ein neues Umfeld bemühte. Auf meine Suchanzeigen meldete sich allerdings niemand. Es schien mir gar, als ob es gerade in sogenannt progressiven Väterforen noch verstärkt tabu war, zu Unsicherheiten zu stehen. «Goool!», kündigten dort werdende Väter ihre kommende Vaterschaft an. Das war nichts für mich. Als ich kurze Zeit später eine Vollzeitstelle fand, schrumpfte auch mein Bedürfnis nach einem neuen Netzwerk.
Mit der Geburt von Janick veränderte sich alles von neuem. Tagsüber arbeitete ich, abends schien es mir wenig lohnend, noch mehr Zeit fern der Familie zu verbringen – sei es für die Pflege von Freundschaften oder für die Erweiterung des Freundeskreises. Zudem brauchte mein Umfeld eine Weile, um zu verstehen, dass Treffen mit mir nun frühzeitig abgemacht werden mussten. Manche Kumpels verstanden Planung als grösster Feind der Freiheit; mir jedoch blieb keine andere Wahl, als meine Freiheit zu planen.
Die besten Freunde bleiben
Mittlerweile haben sich meine besten Freunde daran gewöhnt – die anderen sind auf der Strecke geblieben – und ich geniesse die Momente mit ihnen bewusst, auch weil Kinder bei ihnen keine Rolle spielen. Sie sind meine Auszeit. Auch mein Verhältnis zu meiner Arbeit blieb von den Veränderungen in meinem Privatleben nicht verschont. Mein Vollzeitjob als Chefredakteur einer Fachzeitschrift für die Baubranche schien es mir nicht mehr wert, 45 Stunden wöchentlich von meiner Familie getrennt zu sein. Ich entschied, freischaffend zu arbeiten, mir aber zur finanziellen Absicherung eine 50-Prozent-Stelle zu suchen und bewarb mich bei einer lokalen Wochenzeitung in Dübendorf. Das Bewerbungsgespräch führte ein junger Mann, der früh Vater geworden war. Wir klärten kurz den beruflichen Teil und sprachen danach lange übers Vatersein. Den Job hatte ich in der Tasche, und so ist mein Chef heute meine Anlaufstelle, um über Familienthemen zu reden.
Dass ich diesen Kontakt fand, gerade weil ich ihn nicht aktiv suchte, war eine inspirierende Erfahrung. Seither versuche ich kaum mehr, auf solche Gelegenheiten hinzuarbeiten. Lieber schärfe ich den Blick, damit ich sie erkenne, wenn sie sich bieten. Um zu realisieren, dass dies mein Weg ist, hat es ebenso lange gedauert wie mein gut einjähriger Sohn gebraucht hat, um auf seine Beine zu kommen.»
Beat Matter








