Väter im besten Alter
Der eine war schon verheiratet, als der andere noch in den Windeln steckte. Heute, im Alter von 45 und 25 Jahren, wechseln sie die Windeln ihrer eigenen Kinder. Zwei Väter in zwei Welten und doch irgendwie in derselben.
In den Gärten des Quartiers spielen Männer mit Krawatten und hochgekrempelten Bundfaltenhosen Fussball mit ihren Kindern. «Die Leute, die hier wohnen, haben recht gute Jobs», sagt Beat Kenel (45). Er selbst ist Logistikleiter bei einer Versicherung, arbeitet schon seit 20 Jahren am gleichen Ort. Auch er hat zwei Kinder, Joelle Leonie (3) und Cédric Levin (9 Monate). Als sie auf die Welt kamen, sei er «gumped» vor Freude.
Fast wie geplant
Beat hat früh geheiratet, hat lange Zeit Sport auf hohem Niveau getrieben und war auch beruflich im Sportbereich tätig. «Mit etwa 25 Jahren habe ich mir überlegt, ich müsste für den Fall vorsorgen, dass ich irgendwann eine Familie gründen würde», erzählt er. Also suchte er einen soliden Job, fand ihn bei der Versicherung und wirklich – drei Jahre später waren Kinder für ihn ein ernsthaftes Thema. Doch es kriselte in Beats Ehe. Es kam zur Scheidung, und Beats Kinderwunsch wurde vorerst auf Eis gelegt. Dort sollte er bleiben, bis er seine heutige Ehefrau Olivia (32) kennenlernte.
Der kleine Schock
Eduardo (25) klappt seinen Laptop zu. Die Arbeit lässt ihn auch an seinem freien Tag nicht ganz los. Er ist Informatiker, Eventveranstalter und Clubbetreiber. Seine Freundin Helen (23) ist mit Nelio (11⁄2) in der Krabbelgruppe. Die junge Familie lebt in einer günstigen Genossenschaftssiedlung. Als Eduardo vor zwei Jahren von einer längeren Reise mit Helen, mit der er seit sechs Monaten zusammen war, nach Hause kam und verkündete, Helen sei schwanger, reagierten seine Freunde schockiert. «In meinem Umfeld waren Kinder kein Thema», sagt er. Eduardo selbst nahm es gelassen: «Ich wollte schon immer früh Vater werden.» In Mexiko, dem Herkunftsland seiner Mutter, sei das normal. Zudem: Angst, es könnte zuwenig Geld hereinkommen, hätten er und seine Freundin nie gehabt. «Wenn man jung ist, hat man schliesslich noch nicht so kostspielige Ansprüche.»
Witze da, Vorurteile dort
Als Beats Frau Olivia schwanger wurde, bewegte er sich privat bereits seit Jahren in einem Freundeskreis, in dem Kinder geboren wurden und aufwuchsen. Sein Patenkind, heute volljährig, begleitete er eng durch alle Phasen der Kindheit und Jugend. «Ich wusste also recht genau, was es bedeutet, Kinder zu haben», sagt er. Gleichzeitig habe er durch den steten Umgang mit den Kindern auch gemerkt, wie gut er es mit ihnen könne. «Ich fühlte mich sicher, die Vaterrolle ausfüllen zu können.» In seinem Freundeskreis wurde Beat mit humorvoll gemeinten Bemerkungen eingedeckt, als er seine künftige Vaterschaft bekannt gab: «Hast du es doch noch geschafft?» oder «Was, der alte Sack wird noch Vater!» So und ähnlich hätten sie ihn auf die Schippe genommen. Zu Beginn machte sich Beat schon Gedanken über sein Alter, nicht zuletzt, weil sein eigener Vater mit 60 Jahren starb; wenn er selbst in diesem Alter ist, würden seine eigenen Kinder kaum volljährig sein. Doch ernsthafte Sorgen bereitet ihm dies nicht: «Es ist für mich einfach richtig, jetzt und nicht früher Kinder zu haben. Ich bin ja noch rüstig, kann mit meinen Kindern aktiv sein; und die Frage nach den Prioritäten in meinem Leben ist für mich absolut geklärt.»
Vorurteile abprallen lassen
Eduardo kann sich gut an die schiefen Blicke der Leute erinnern, wenn sie Helens runden Bauch bemerkten. «Helen war 21 und sah zudem noch jünger aus. Die Leute sahen in ihr eines dieser schwangeren Kinder», sagt Eduardo. Aber seine Freundin und er hätten einfach versucht, diese Vorurteile an sich abprallen zu lassen. Eduardo fehlte sowieso die Zeit, sich intensiv damit zu befassen. Er arbeitete, machte daneben eine Weiterbildung und war zugleich beschäftigt, ein weiteres Baby auf die Beine zu stellen: seinen eigenen Club – Eduardos Domäne ist die Partyszene. Das alles unter einen Hut zu bringen, sei extrem hart gewesen. «Ich habe zwar nie wirklich gedacht, ich sei zu jung, um Vater zu werden. Aber rein von der beruflichen Seite her hätte das Kind auch zwei Jahre später kommen können.»
Als Helen schwanger wurde, seien sie in ihrem Umfeld die einzigen in dieser Situation gewesen. Freunde oder Bekannte, die auf Augenhöhe mit ihm über die Anliegen eines werdenden Vaters gesprochen hätten, hatte Eduardo keine. «Ich habe mich mit niemandem über solche Dinge unterhalten», sagt er. Sie hätten zwar versucht, Kontakte zu knüpfen, aber es sei schwierig gewesen, junge Leute zu finden, die Eltern werden. «Ich konnte mir überhaupt nicht ausmalen, wie das Leben mit einem Kind sein würde», fasst er zusammen. «So kam ich nach der Geburt von Nelio ziemlich auf die Welt.»
Zu jung oder zu alt?
Mitte zwanzig habe für ihn anderes als die Familie gezählt, sagt Beat. Der Sport, die Ranglisten. «Ich wäre damals nicht der gute Vater gewesen, der ich heute bin», ist er sich sicher. Wenn er mit seinen Kindern unterwegs ist und junge Väter sieht, fragt er sich deshalb manchmal: «Sind sie schon reif genug? Wissen sie, was auf sie zukommt?» Es gebe sicher junge Männer, die aus vollster Überzeugung früh Kinder bekommen. «Ich zweifle aber manchmal daran, dass sie die nötige Ruhe und Gelassenheit haben.» Er schliesse damit, wohlgemerkt, von sich auf andere, betont Beat.
Vater oder Grossvater?
«Die Vorstellung, dass es Kinder gibt, deren Väter auch ihre Grossväter sein könnten, finde ich manchmal seltsam», sagt Eduardo. Aber sonst mag er sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob das Alter Einfluss darauf hat, wie gut man als Papa ist. Er nimmts, wie es kommt. Er sei in den Alltag mit Baby halt so reingerutscht. Als Nelio in der ersten Zeit vor allem viel schrie und wenig schlief, sei es für ihn selbstverständlich gewesen, weniger für den Club zu arbeiten. «Es brauchte zwar einige indirekte Vorwürfe von Helen, damit ich gemerkt habe, dass ich nun zu Hause mehr gebraucht werde», räumt er ein. Letztlich habe es aber auch gut getan, ein bisschen raus zu treten aus dem Arbeitsleben. Nach dem strengen ersten Jahr hat er sein Arbeitspensum allerdings wieder erhöht. Doch mittlerweile ist die junge Familie und auch deren Umfeld gut eingespielt. «Wenn ich mich mit Freunden treffe, nehme ich Nelio einfach mit. Sie haben den Plausch an ihm und machen gerne hin und wieder ein bisschen Scheiss mit ihm – sie sind eben jung.» Eduardo meint, dass ältere Männer kaum so unverkrampft auf Kinder zugehen.
Beat Matter








