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Gute Mutter, schlechte Mutter

Die Diskussion, ob eine Mutter berufstätig sein oder sich besser rund um die Uhr um ihre Kinder kümmern sollte, sorgt überall für heisse Köpfe. wir eltern möchte sich diesem Thema fernab ideologischer Grabenkämpfe nähern.


«Wozu haben Sie überhaupt Kinder?», fragte ein Leser, nachdem ich einmal im Editorial über die schwierige Suche nach einer Krippe für meinen Sohn schrieb. Erst Kinder auf die Welt stellen und sie nachher auf Staatskosten fremdbetreuen lassen, so liess er mich wissen, habe nichts mit Mutterliebe zu tun. Autsch! Mich öffentlich als berufstätige Mutter zu outen, war offenbar keine gute Idee. Dabei lebe ich ja keineswegs exotisch, denn heutzutage haben die meisten Frauen sowohl Kinder als auch einen Job. 72 Prozent aller Mütter mit einem Kind unter 6 Jahren gingen 2007 zumindest einer Teilzeitarbeit nach, 15 Prozent waren sogar vollzeitig ausser Haus beschäftigt. Und je älter die Kinder werden, desto mehr gehen Mütter arbeiten. Was treibt diese Frauen und mich an, diesen oft mühsamen Spagat zwischen Beruf und Familie zu wagen? Ist es Mangel an Liebe zu den Kindern oder Egoismus oder Karrieregeilheit? Vielleicht alles zusammen?

Die Qual der Wahl

«Für viele Frauen geht es vermutlich um ein Stück Unabhängigkeit», sagt Étiennette Verrey, die neue Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen, «und auch um den Wunsch, in ihrem Beruf dranzubleiben.» Ein wichtiger Beweggrund, so findet sie, denn wer sich allzu lange aus seinem Beruf zurückziehe, habe später womöglich kaum mehr eine Chance, wieder einzusteigen. Die 66-jährige Waadtländerin war lange Zeit Gleichstellungsbeauftragte bei Roche in Basel – eine der ersten in der Schweiz. Für firmeninterne, günstige Krippenplätze hat sie sich dort engagiert und grundsätzlich für familienfreundlichere Arbeitsbedingungen. Denn, so ist sie überzeugt, eine Frau müsse die Wahl haben, ob sie nach der Geburt eines Kindes weiterhin berufstätig sein will oder eben nicht. «Wenn eine Mutter beschliesst, sich aussschliesslich der Familie zu widmen, sollten nicht mangelnde oder zu teure Betreuungsmöglichkeiten ausschlaggebend sein», sagt Verrey. Gleichzeitig gibt sie zu bedenken, dass längst nicht alle Frauen das Glück haben, ihr bevorzugtes Familienmodell zu leben. Denn viele Mütter müssen Geld verdienen, weil sie alleinerziehend sind oder das Gehalt des Mannes nicht ausreicht. Unter den Müttern ohne Partner ist denn auch der Prozentsatz der Berufstätigen einiges höher, als bei jenen mit Partner. Dass diese sich oft wünschten, «nur» Hausfrau und Mutter zu sein, mit viel Zeit und Geduld für die Kinder, liegt auf der Hand. Zum Beispiel Karin B.*: Sie ist geschieden, hat eine 7-jährige Tochter und arbeitet halbtags in einem Büro. Der Job macht ihr zwar Spass, aber nur so lange alles rund läuft. Wehe, wenn Schulferien sind, der Mittagstisch ausfällt oder die Tochter krank ist. «Dann würde ich am liebsten fristlos kündigen!» Von «arbeiten, um sich selbst zu verwirklichen», kann bei Karin B. nicht die Rede sein.

Kampf der Mütter

Dass heute viele Frauen aus existenziellen Gründen berufstätig sein müssen, anerkennt unterdessen wohl jede und jeder. Der Ideologiekampf «Gluckenmafia gegen Karrierehühner», wie ein Buch zu diesem Thema treffend heisst, entzündet sich eigentlich erst, wenn Frauen ganz und gar freiwillig das eine oder andere Familienmodell wählen. Dann führen sowohl die Vollzeitmütter als auch die berufstätigen jede Menge Studien ins Feld, mit denen sie ihr jeweiliges Modell als das einzig richtige verteidigen. Mal sind es amerikanische Forscher, die herausfinden, dass Krippenkinder häufiger unter ADS leiden, mal skandinavische Experten, die Krippenkindern eine höhere Sozialkompetenz attestieren. Egal, in welchem Lager frau zu Hause ist, irgendein Beweis dafür, dass sie alles richtig macht, lässt sich immer finden. Warum aber wollen Frauen immer der ganzen Welt wissenschaftlich unterfütterte Erkenntnisse für die Unanfechtbarkeit ihres Lebensstils liefern? Weil alle – egal ob berufstätig oder nicht – ein urmütterliches Gefühl umtreibt: das schlechte Gewissen! Rechtfertigungszwang entsteht gern, wenn man sich seiner Sache nicht ganz sicher ist. Und da ist Angriff halt die beste Verteidigung.

Wenn man schon Expertenmeinungen braucht, lassen sich auch viele finden, die weder das eine noch das andere Familienmodell favorisieren. Remo Largo zum Beispiel schreibt in seinem Klassiker «Babyjahre»: «Es gibt Mütter, die ihr Kind fast ausschliesslich allein betreuen und die diese Rolle erfüllt; durch die Fürsorge erfahren sie eine tiefe Befriedigung.» Es gebe aber auch Mütter, betont er, die sich zu Hause isoliert und nicht ausgefüllt fühlten. Mit einer unglücklichen Mutter sei einem Kind aber nicht gedient.

Ja, aber, hört man die Eva Hermans dieser Welt rufen, ausgefüllt hin oder her, eine Frau gehört doch zu ihren Kindern und umgekehrt. Keine Nanny, keine Krippenangestellte kann Kinder so lieben wie es die eigene Mutter tut! Und die amerikanische Autorin Caitlin Flangan konnte kürzlich in der «Weltwoche» ihr Credo verbreiten: «Wenn eine Mutter arbeitet, geht etwas verloren.» Das sei reine Biologie, sagt, sie. Und ist gleichzeitig überzeugt, dass Gott die Mutter für ein Kind aussucht und sie darum dafür bestimmt ist, es rund um die Uhr zu betreuen.

Die Diskussion auf diesem von Schuldgefühlen gepflasterten Feld zu führen, bringt indes niemandem etwas. «Wer kann bestimmen, was das einzelne Kind braucht?», fragt denn auch Étiennette Verrey. Das Bild der urtümlichen Mutter, die sich um Kinder, Küche, Kirche kümmert, stimmt sowieso nicht ganz. Tatsache ist nämlich, dass Mütter bis vor ungefähr hundert Jahren je nach gesellschaftlichem Stand ihre Kinder entweder von Personal oder von unverheirateten Verwandten oder älteren Geschwistern aufziehen liessen. Arbeiterinnen und Bäurinnen hatten kaum Zeit für ihren Nachwuchs, weil sie mindesten zwölf Stunden pro Tag harter Arbeit nachgingen, Bürgersfrauen, weil sie durch Haushaltsführung und Beziehungspflege ausgelastet waren.

Status der Mutter

Die Rollenverteilung «Mann macht Karriere – Mutter sorgt für Kinder und Haushalt» ist also relativ jung. Fast alle Familien, die es sich leisten konnten, lebten bis in die 60erJahre mit dieser Aufteilung, heute sind es noch knapp 30 Prozent. Geändert hat sich damit auch der Status: Während früher die berufstätigen Mütter schief angeschaut wurden, fühlen sich jetzt die sogenannten Familienfrauen immer mehr in der Defensive. «Spätestens wenn ein Kind ein halbes Jahr alt ist, werden Mütter gefragt, ob und was sie arbeiten, oder für wann das zweite Kind geplant ist», erzählt die 35-jährige Marianne K., die seit der Geburt ihres nun dreijährigen Sohns zu Hause ist. Nicht nur sie empfindet eine gewisse Geringschätzung ihrem Hausfrauendasein gegenüber. Einige wir eltern-Leserinnen haben ebenfalls das Gefühl, als «Nur»-Mütter missachtet zu werden. Und schreiben zum Beispiel: «Wir wollen nicht immer nur von berufstätigen Müttern lesen, sondern auch von uns Vollzeitmamis!»

Wertvoller Job

Vielleicht geht bei all den gegenseitigen Anschuldigungen und Verunsicherungen ganz einfach vergessen, dass es doch im eigentlichen Sinne des Wortes auch ein Beruf ist, Familienfrau zu sein. Ein Beruf, der ebenso Wertschätzung verdient wie jede andere Tätigkeit.  Étiennette Verrey, eine Feministin der ersten Stunde, betont deshalb: «Egal ob sich eine Frau für Haushalt und Kinder entscheidet, oder ob sie Beruf und Familie unter einen Hut bringt – ihre Bedeutung in der Gesellschaft sollte die gleiche sein.»

 

Regina Kesselring




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