Ferien mit Freunden
Urlaub mit befreundeten Familien ist eine Erfahrung. Manchmal sogar eine tolle. Unter gewissen Bedingungen …
Vom Urlaub die schönste Zeit des Jahres zu erwarten, zeugt von ähnlich robustem Optimismus, wie ohne Regenjacke in die Hochmoore Schottlands zu reisen. Gedeckt von Fakten werden diese Erwartungen jedenfalls nicht. Vielmehr sind 30 Prozent aller Scheidungen unmittelbare Folge gemeinsamer Ferien am Strand von Usedom, Bali oder sonstwo. Jeder dritte Teenie findet laut «Eltern for family» Familienferien vorwiegend öde, die Hälfte der Urlauber erholt sich nach eigenen Angaben «überhaupt nicht». Italienische Männer – die meist ganze vier Sommerwochen zusammen mit Mama und Bambini verbringen – plagt eine besondere Geissel: eine Urlaubsallergie in Form von Ausschlag und Kopfschmerzen. Und längst haben Mediziner für den grassierenden Ferienfrust den Begriff «Liegestuhldepression» kreiert.
Kurz: Ferien sind eine Art sportlicher Belastungstest.
Legt man sie gar als Rudelurlaub, als Gruppenentspannen mehrerer Familien gemeinsam an, wird ein «Iron Man» daraus. Doch wie auch beim «Iron Man» gilt: Es gibt welche, die dafür schwärmen. Es ist tatsächlich zu schaffen. Und – bei entsprechender Vorbereitung – kann es ein Erlebnis werden. Sogar ein schönes.
Nicht nur Friede Freude
Pirkko Nidecker (46), Mutter von fünf Kindern, hat schon rund 15-mal mit anderen Familien zusammen Ferien gemacht. Und das nicht notgedrungen, weil ein Hotel für sieben Personen einen Onkel-Dagobert-artigen-Geldspeicher erforderlich machen würde, sondern – freiwillig. «Die Kinder lieben es, dass immer Gleichaltrige für gemeinsame Unternehmungen da sind; ich geniesse, dass ich nicht täglich kochen muss, sondern mich einfach hinsetzen kann. Und mein Mann freut sich, mal mit ganz anderen Leuten als Arbeitskollegen zusammen zu sein.» Ausserdem seien die oft trubeligen Gruppenurlaube nicht die einzigen Ferien des Jahres; einmal jährlich sei Urlaub in der Kernfamilie geplant. «Doch selbst da wird zuweilen gestritten. Allumfassende Harmonie gibt es nicht, wenn mehrere Leute beisammen sind. Im Urlaub schon mal gar nicht», lacht Pirkko Nidecker.
Nicht zu viel erwarten
Ein Mangel an Illusion, der eine gute Voraussetzung ist für gelungenen Urlaub zu vielen. Der immerhin einiges Bestechendes an sich hat: Ein Häuschen für acht Leute ist prozentual billiger als eines für drei, die Kinder haben Gesellschaft, an Regentagen finden sich genug für eine Runde «Die Siedler von Catan», ab und an hat ein Elternpaar kinderfrei, weil die anderen auf die Zwerge schauen, Kochen für eine Horde hat was gemütlich WGhaft-Gruppenbewegtes, und vielleicht findet sich unter 10 Personen jemand, den keine Mordlust überfällt, wenn der Partner bei 40 Grad Hitze eine flotte Runde Tennis vorschlägt. Theoretisch ist so ein Urlaub ideal.Theoretisch.
Konfliktpotential vorhanden...
Denn in der Praxis sieht es leider allzu oft so aus: Die beiden neunjährigen Mädchen der zwei Familien, zu Schulzeiten die dicksten Busenfreundinnen, sprechen just seit Reisebeginn kein Wort mehr miteinander. Die Frau des anderen Pärchens läuft ganztägig oben ohne herum. Und das bei Körbchengrösse C. Und das, wo der eigene Ehemann nur ein A gewöhnt ist. Die andere Familie versteht unter ausgewogener Kinderernährung 7-mal Pommes und 7-mal Pizza zum Mittag. Die Mitreisenden haben ein Kleinkind, das zwischen 13 und 15 Uhr strikte Mittagsruhe halten muss. Wobei Ruhe bedeutet: keinerlei Geräusch im Umkreis von 2,5 Kilometern, bitte. «Psst, Cosima schläft!», bleibt über Jahre ein geflügeltes Wort. Das – damals noch – befreundete Paar hat wahlweise ständig hörbaren Streit oder hörbaren Sex. Letzteres häufiger als man selbst. Und in Sachen Urlaubskasse redet man im Anschluss an die Ferien wechselseitig nur noch voneinander als von Familie «Geiz ist geil» bzw. «Man gönnt sich ja sonst nichts.»
Aber wie kommt man nun einigermassen trittsicher durch das Minenfeld «Gemeinschaftsurlaub»?
«Erstmal muss man sich darüber klar sein, dass jeder schöne Urlaub, egal wie viele Personen daran teilnehmen, zweierlei bieten muss: Entspannung und Kontrast zum Alltag», sagt Urs Keller, Tourismuswissenschaftler aus Zürich. Schon hier lauern die ersten Fallstricke. Buche etwa eine Familie mit klassischer Rollenaufteilung Ferienhausurlaub, bedeute das für die Frau häufig nur «Alltag unter erschwerten Bedingungen». Habe einer daheim Stress, sehne er sich nach Ruhe, sei es daheim eher eintönig, wird im Urlaub Action erwartet. Wer für die Kinder sorgt, will Entlastung von eben diesen, wer die Kids selten sieht, vielleicht möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen. «Darüber schon im Vorfeld zu sprechen, ist unerlässlich», meint Keller. «Gerade im Urlaub, von dem man so viel erhofft, macht man nicht gern die Faust im Sack.» Das gelte für intimen Kleinstfamilienurlaub genauso wie für Ferien in der Grosspackung. Neben den klaren Absprachen seien auch Rückzugsmöglichkeiten höchst nützlich. «Besser als ein einziges Haus für alle zu mieten ist es sicherlich, benachbarte Ferienwohnungen zu wählen. Spannungen gibt es so seltener.»
«Seltener sind sie vielleicht, ausgeschlossen nicht», betont Prof. Peter Zellmann, Leiter des Institutes für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien: «Je grösser eine Gruppe ist und je ‹emotional verdichteter› die Situation, desto konfliktanfälliger das ganze Konstrukt.» Und zum Konflikt kann wirklich alles werden. Die anderen Kinder helfen schon bei der Ankunft nicht beim Auto ausräumen. Die ungezogenen Gören! Die anderen Eltern erklären ihrem Nachwuchs jedes Käferlein am Wegesrand samt lateinischem Namen. Ja, was wollen die denn ranzüchten? Einen neuen Darwin?
Von Kindern lernen
Gerade unterschiedliche Erziehungsvorstellungen eignen sich prima, um erbittert darüber zu streiten. «Ein typischer Erwachsenenfehler ist es, die eigene Sicht der Dinge für die einzig richtige zu halten», so Zellmann, «Kinder dagegen schauen von anderen ab, nehmen erst mal unkritisch auf. Eine Haltung, die man für ‹Rudelurlaub› nur empfehlen kann.» Denn mal ehrlich: Ist es wirklich so schlimm, wenn zwei Wochen auf das familieninterne Tischritual «Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb» verzichtet wird? Der Gemeinschaftskaffee vom Denner, statt aus Nicaragua stammt?
Gut planen
Da es unendlich viele potenzielle Reibungspunkte gibt, empfiehlt Zellmann, sich gut, wirklich gut zu kennen, bevor man gemeinsam in die Ferien fährt und ein gemeinsames Prä-Urlaubs-Planungswochenende, an dem möglichst viele Punkte (Erwartungen, Geld, Erziehung usw.) angesprochen und auf eine Liste gesetzt werden. «Jeder darf dann beispielsweise zwei Sachen nennen, die für ihn in den Ferien unabdingbar sind.» «Kein Kartenspiel-Zwang» etwa. Oder «mindestens eine Ausgrabungsstätte besuchen». Oder «Nicht vor acht Uhr morgens geweckt werden, weder von eigenen noch von fremden Kindern, noch von Männern oder Retrievern…»
«Wenn man seine zwei Punkte durchkriegt und eine gehörige Portion entspannte Urlaubshaltung mitbringt, ist schon viel gewonnen.» Neben dem einander gut kennen erleichtere es auch, das Urlaubsgebiet gut zu kennen. Ist der Strand auch für Nichtschwimmer geeignet? Das Babybecken von der Liegewiese einsehbar? Gibt es Action für die Grossen? Zahlreiche Informationen zu hamstern, lange gut miteinander befreundet und gesellig zu sein, viel vorab zu besprechen und zu regeln, ist die halbe Miete.
Aber eben nur die halbe.
Caren Battaglia








