Die mit Eifer sucht...
Liebe ohne Eifersucht ist keine Liebe, sagen die einen. Eifersucht ist ein Beziehungskiller, die anderen. Beides stimmt.
Eifersüchtige wirken immer leicht hysterisch, kleinlich irgendwie, unsouverän. Ihnen wird unterstellt, sie spionierten ständig hinter ihrem Liebsten her, kontrollierten dessen Handy-speicher und schmollten, wenn er nur eine halbe Stunde zu spät kommt. Mit Eifersucht wollen die meisten nichts zu tun haben. Es ist beschämend, als jemand dazustehen, der der Liebe des Partners nicht sicher sein kann. Und es ist erniedrigend, heimlich nach Beweisen dafür zu suchen. Dabei kennen laut Befragungen über 90 Prozent aus eigener Erfahrung dieses Gefühlsgemisch aus Angst, Wut und Selbstwertverlust.
Schmollen hilft nicht
Männer können das schlecht zugeben. Stattdessen versuchen sie mit allen möglichen Mitteln, den Kontakt zu dem – vermeintlichen oder tatsächlichen – Nebenbuhler zu boykottieren. Sanna hat das erlebt. Ihr Freund Nic hat jedes Jahr, wenn die Fasnachtsaison losging, seinen «Eifersuchtstrip» angetreten. Sanna spielt in einer Gugge, seit Jahren schon. Für Nic ein absolut rotes Tuch. Er findet es «niveaulos», dass Sanna sich im November mit steigender Leidenschaft ins Kostüm zwängt und dann Abende – und manchmal ganze Nächte mit ihrer Truppe unterwegs ist. Ein paar Mal ist Nic anfangs mitgegangen, das machte sein Leiden noch schlimmer. Zu sehen, wie Sanna ausgelassen andere Männer umarmte und mit ihnen lachte, hielt er nicht aus. Er blieb zu Hause. Und strafte Sanna jedes Mal mit Nichtbeachtung, mit tagelangem trotzigem Schweigen. Erst hatte Sanna ein schlechtes Gewissen, dann versuchte sie sich zu rechtfertigen – schliesslich lief da wirklich nichts mit anderen. Irgendwann wurde es ihr zu bunt und sie liess Nic halt schmollen. Sie wollte nicht auf ihr Hobby verzichten, er konnte nicht erklären, was ihn daran so störte. Das allein war zwar nicht der Grund, warum sie sich nach fünf Jahren trennten, aber es war jedes Jahr ein offensichtliches Signal, dass etwas mit ihrer Beziehung nicht stimmte.
Gefühle brauchen keine Beweise
Wer eifersüchtig ist, zeigt, dass er verletzt ist. Will man in dieser Situation nicht als zickig oder mindestens unvernünftig dastehen, muss man seine Eifersucht schildern, muss seine Verletzungen offen legen. Das braucht tatsächlich mehr Mut, als die SMS des Partners zu lesen. Das kann aber eine grosse Chance für die Beziehung sein. Weil man zugibt: «Ich fühle mich vernachlässigt. Ich bin plötzlich unsicher, ob da etwas meine Liebe bedrohen könnte. Ich habe Angst, dich zu verlieren.» Es nützt nichts, wenn der Partner versichert, da sei nichts. Ob etwas als «Fremdgehen» erlebt wird, hängt allein von der Beurteilung des verletzten Partners ab. Für Gefühle braucht man keine Beweise.
Ab nach vorn
Das war Philipp lange nicht klar. Als er zum wiederholten Male von seiner neuen Kollegin schwärmte, machte Ella ihn darauf aufmerksam, dass es schon auffällig sei, wie er von ihr rede. Nicht nur, dass sie angeblich tolle Geschäftsideen hatte, Philipp imponierte vor allem, dass sie so sportlich war. Sie fuhr Motorrad, sie trainierte regelmässig beim Biken. Dinge, die Ella nicht bieten konnte. Als die Mitarbeiter im Team anfingen, das unkooperative Verhalten der neuen Kollegin zu kritisieren, nahm Philipp sie vehement in Schutz. Irgendwann schlug Ella vor, die «Rivalin» doch mal zum Essen einzuladen. «Ich wollte sie kennenlernen; ich wollte wissen, was Philipp an ihr sah.» Eine gute Idee, findet Ella noch heute. Sie war beruhigt. «Die war einfach nur blöd, die hatte keinen Stil», meint sie. Und Philipp habe das sehr bald danach auch erkannt. Er gab zu, dass er sich habe blenden lassen und dass seine Kollegen das viel schneller als er durchschaut hatten. Und Ella sowieso. Sie ist froh, dass sie nicht in die Falle getappt ist und ihre Eifersucht durch immer bedrohlichere Phantasien genährt hat.
Wenn sich Paare ehrlich sagen können, was sie an «Aussenbeziehungen» ertragen und was sie als «Fremdgehen» ansehen, ist Eifersucht kein Beziehungskiller, sondern ein echter Liebesbeweis.
Doris Michel








