zur Hauptnavigation
Direkt zum Hauptinhalt

 

Spagat zwischen zwei Kulturen

Jede zweite Ehe wird heute in der Schweiz zwischen  Menschen verschiedener Nationalitäten geschlossen.
Sind diese Beziehungen schwieriger als andere oder  bieten sie besondere Chancen? Beides.


Wenn Lijun Iseli ihre Familie besuchen will, muss sie erst um die halbe Welt fliegen. Aus Liebe zu ihrem Schweizer Mann hat die Chinesin nicht nur ihre Familie, sondern auch ihr Restaurant und ihre Freunde hinter sich gelassen und sich damit auf ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang eingelassen. Wie sollte sie wissen, ob sie sich in der Schweiz auf Dauer wohl fühlen oder die Beziehung trotz der grossen kulturellen Unterschiede halten wird? Sie habe deshalb lange gezögert, bis sie mit ihm in die Schweiz gezogen sei, sagt ihr Mann Martin Iseli. «Doch ich habe ihr von Anfang an gesagt, dass ich mir eine gemeinsame Zukunft nur hier vorstellen kann.»

Der Garten ist ihr ganzer Stolz

Drei Jahre sind seit damals vergangen. Heute lebt Lijun Iseli mit ihrem Mann und zwei Kleinkindern in einem schmucken Einfamilienhaus in Frauenfeld. Bereits im Garten fallen als erstes die prächtigen Blumen ins Auge, im Haus stehen sie in unzähligen Töpfen. Die Einrichtung im kürzlich renovierten Haus mutet wie der Garten nicht wirklich chinesisch an. Im Quartier scheint die junge Mutter gut integriert, ihre Liebe zu Pflanzen aller Art hat sich in der ganzen Nachbarschaft herumgesprochen. Immer wieder bekommt sie ein Stöcklein geschenkt, das unter ihrer Pflege besonders gut gedeiht. Der Garten ist denn auch ihr ganzer Stolz. Aber «wirklich schön ist er noch nicht», findet sie in gebrochenem Deutsch.

Deutsch im Integrationskurs

Seit einigen Monaten besucht sie mit anderen ausländischen Frauen einen Integrationskurs, bei dem sie enorme Fortschritte macht. Ihr Wortschatz ist inzwischen so gross, dass sie den Alltag mit den zwei Kleinkindern weitestgehend alleine bewältigen kann. Sie geht mit ihnen einkaufen, zur Mütterberaterin oder zum Arzt.

Ihre Familie scheint ihr nicht sehr zu fehlen. Als Martin Iseli vor einigen Wochen einen Arbeitseinsatz in China hatte, blieb sie mit den Kindern in der Schweiz. «Zu Hause», wie sie sagt. Die weite Reise mit dem Zweijährigen und einem Baby wäre für sie alle zu anstrengend gewesen.

Zweisprachigkeit erwünscht

Mit ihrem Mann spricht sie chinesisch. Er hat auf seinen zahlreichen mehrmonatigen Arbeitseinsätzen in China nicht nur einen Einblick in ihre Kultur erhalten, sondern sich auch eine, wie er sagt, «vereinfachte Sprache» angeeignet, in der sie sich seit ihrem ersten Date unterhalten. Mit den Kindern redet er deutsch und auch ihr rutscht manchmal ein deutliches «Nei» heraus, obwohl sie sonst chinesisch mit ihnen spricht. Das soll auch so bleiben, denn beide Eltern wünschen sich, dass die Kinder zweisprachig aufwachsen. Illusionen macht sich das Paar dabei keine. Solange die Umgebungssprache Deutsch ist, werden die Kinder vor allem diese Sprache beherrschen. Deshalb überlegen sich Lijun und Martin Iseli, sie später in eine Privatschule zu schicken, in der sie auch chinesisch lernen.

«Probleme gibt es überall»

Paare mit derselben Nationalität stehen selten vor solchen Entscheidungen. Dennoch glaubt Martin Iseli nicht, dass eine interkulturelle Beziehung schwieriger zu leben ist als eine zwischen Menschen, die im selben Land aufgewachsen sind. «Probleme gibt es überall», sagt er. Ohne Bereitschaft, sich mit dem Herkunftsland des Partners, seinen Traditionen und Sitten auseinanderzusetzen, geht es allerdings nicht.

Zudem starten viele Paare mit erschwerten Bedingungen ins Eheleben. Wegen der Aufenthaltsbewilligung sind sie oft zu einer schnellen Heirat gezwungen, Zusammenleben auf Probe ist nicht möglich. Und so willkommen wie Lijun Iseli fühlen sich längst nicht alle Ausländer. «Vor allem Schwarzafrikaner sind immer wieder Diskriminierungen ausgesetzt, die selbst die beste Beziehung bis zur Zerreissprobe belasten können», sagt Gabriela Ess, Leiterin der Basler Beratungsstelle für binationale Paare und Familien. Vielen Frauen und Männern aus nichteuropäischen Staaten fehlt es zudem an Wertschätzung und Selbstbestätigung. Manchmal schon in der Familie, bestimmt aber ausserhalb. Selbst gut ausgebildete Frauen und Männer finden in der Regel nur einen schlecht bezahlten Hilfsjob – und manche trotz guter Sprachkenntnisse nicht einmal das. Diplome, die sie in ihrem Heimatland erworben haben, sind in der Schweiz oft nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben sind. Trotzdem ist die Scheidungsrate bei interkulturellen Paaren mit Kindern geringer als unter Schweizern, was laut Gabriela Ess daran liegen könnte, dass sie sich ihrer Verschiedenartigkeit bewusster sind als Partner mit demselben Hintergrund und sich deshalb mehr miteinander auseinandersetzen. Ausserdem könne man nicht alle Probleme auf die fremde Kultur schieben. «Dass man sich auseinanderlebt, passiert auch nationalen Paaren.»

Die Einstellung ändert sich

Oft verändert sich mit dem Umfeld eines Menschen auch seine Einstellung. Lijun hätte sich in China nie vorstellen können, ihre Kinder zu stillen. Hier gibt sie dem Jüngeren trotz seiner bald 6 Monate noch ganz selbstverständlich die Brust – weil es ihr von allen Seiten so empfohlen wurde und Stillförderung in der Schweiz gross geschrieben wird. Auch die Geburt des zweiten Kindes endete trotz ihrer schlimmen Angst davor mit einer Spontangeburt – was sie sich bei der ersten Geburt in China nie zugetraut hätte und was dort auch nicht wirklich unterstützt wurde.

Alles hat sie allerdings hier nicht verändert. Dass ein Kind in seinem ersten Lebensmonat nicht über die Hausschwelle getragen wird, befolgte sie in der Schweiz ebenso eisern wie in China. Zu tief sitzt der Glaube, dass dies Unglück bringen könnte. Und der erste Geburtstag des kleinen Andreas wurde nach einem Monat ebenso gross gefeiert wie sie das in China getan hätte.

Für Kinder kein Problem

Und wie gelingt den Kindern der Spagat zwischen zwei Kulturen? Untersuchungen zeigen, dass sie damit keine Probleme haben, solange die Eltern sich in ihrem Umfeld wohl fühlen. Zwar können nicht alle wie Michael und Andreas Iseli gleich zweimal ins neue Jahr hinüber rutschen, doch im guten Fall bekommen sie aus zwei Kulturen das Beste mit und lernen von klein auf, dass Menschen verschieden sein und doch gut miteinander auskommen können. Ausserdem haben sie dank der Verflechtung zweier Länder, laut Gabriela Ess, «eine oft verkannte enorme interkulturelle Kompetenz».

Bedauert jedoch der Elternteil, der für den anderen alles zurückgelassen hat, diesen Schritt und wünscht sich nichts sehnlicher als wieder nach Hause gehen zu können, leiden auch die Kinder. Oft gibt es in diesem Fall nur zwei Lösungen: Umzug oder Scheidung.

 

Käther Bänziger


Familie Iseli

Kein Problem?

Er Schweizer, sie Brasilianerin, er Nigerianer, sie Schweizerin - jede zweite Ehe, die heute in der Schweiz geschlossen wird, ist binational. Chance oder Risiko?
» Diskutieren Sie mit!

 
Baby des MonatsPresent ServiceSchwangerschaftskalender