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Beim Sex erwischt

Dürfen Eltern sich lieben, wenn ihr Baby im gleichen Zimmer schläft? Und was, wenn der 4-Jährige Mama und Papa mitten in der Nacht in flagranti erwischt?

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(Bild: iStockphoto)
Reto legt den Arm um die Schultern seiner Frau, flüstert ihr etwas ins Ohr. «Ja, eigentlich schon!», denkt Lisa. Nun, da Reto sie so zärtlich umarmt, kriecht auch bei ihr – vier Monate nach der Geburt ihres Kindes – die Lust das erste Mal wieder hoch. Das Baby schläft. Jetzt könnte man doch das Laken wieder einmal so richtig zerwühlen, sich gegenseitig bestätigen, dass Elternschaft nicht gleich Klosterleben bedeutet. Lisa beschleicht dennoch ein ungutes Gefühl, denn das Baby liegt in der Wiege gleich neben dem Elternbett. Was, wenn es erwacht?

Esther Elisabeth Schütz arbeitet seit 30 Jahren als Sexualtherapeutin, solche Anfragen junger Eltern gehören zu ihrem Alltag. Und sie beruhigt: «Ein Säugling kann das Liebesspiel seiner Eltern noch nicht einordnen.» Solange der Austausch der Eltern zärtlich ist, die Lust nicht gerade Brachialgeräusche verursacht, spricht nichts gegen Sex im gleichen Zimmer. Es stellt sich aber die Frage, wie behaglich sich die Eltern fühlen. «Insbesondere Frauen empfinden in den ersten Monaten nach der Geburt eine hohe Schutzfunktion gegenüber dem Baby», erklärt Schütz. Dazu gehört, dass sich eine Mutter nicht entspannen kann, wenn der Nachwuchs in ihrer Nähe schläft. Aus Angst, ihn aufzuwecken. Auch Väter sprechen in Elternforen Klartext: «Gummibärchen» zum Beispiel gibt auf urbia.de unverblümt zu: «Ich würde keinen hoch bekommen, wenn unsere Zwillinge im gleichen Raum schlafen würden... Bei uns gibt es nur Sex, wenn die Kinder woanders sind.»

Traumatisiert wird ein kleines Kind zwar nicht. Die Phase, in welcher dem Baby die Geräusch- und Bildkulisse des Sexspiels seiner Eltern völlig einerlei ist, dauert jedoch nicht ewig. Spätestens, wenn sich das Kind zwischen dem 6. und 12. Monat die Welt mit all seinen Sinnen zu eigen macht, ist es ratsam, das Kleine abzuschirmen von der Intimsphäre der Eltern. Zumindest während der Schäferstündchen. Denn nun beginnen die intimen Handlungen von Mama und Papa das Kind zu irritieren. In der Dreiecksbeziehung zu Vater und Mutter, in der es entwicklungspsychologisch lebt, kann es das Treiben nicht einordnen und fühlt sich ausgeschlossen. Grundsätzlich empfinden Kinder ein Gefühl von Sicherheit, wenn Mama und Papa sich liebhaben. Und wo das Sexleben nach einer Geburt nicht in der Tiefkühltruhe versenkt wurde, platzt dann halt manchmal der Nachwuchs ins Liebesspiel der Eltern. Solange keine Peitschen knallen und Latten krachen, tragen auch Kleinkinder keinen Schaden davon.

Gelassen bleiben
Wenn also der 3-jährige Sohn oder die 5-jährige Tochter mit dem Teddy unter dem Arm ausgerechnet dann antapsen, wenn Vater und Mutter füdliblutt und verknäuelt im Bett liegen, sollten die Eltern vor allem eines bleiben: gelassen. Auf keinen Fall ein Tamtam veranstalten, rät Esther Elisabeth Schütz. Denn damit würde man ja vom Gedanken ausgehen, dem Kind etwas Schlimmes angetan zu haben – und verkompliziert die Sache so enorm. Klar, die Situation ist für alle ungewohnt, und die Eltern gucken womöglich selber einen Moment lang verdutzt aus der Bettwäsche. Das Kind zieht sich vor lauter Überraschung häufig gleich wieder zurück. Natürlich darf man den kleinen Störenfried nicht einfach ziehen lassen. Wichtig ist, sich dem Kind zuzuwenden, es in die Arme zu nehmen und nach dem Grund für sein Erwachen zu fragen. Von Seiten der Eltern genügt die kurze Erklärung, dass Mama und Papa miteinander geschlafen hätten, das tun sie, weil sie sich fest liebhaben. Punkt.

Ob und wie Kinder sexuelle Handlungen ihrer Eltern mitbekommen, ist unter anderem kulturell geprägt. In Malawi wohnen zehnköpfige Familien in einer einzigen Buschhütte, in Grönland schlafen ganze Inuit-Familien im gleichen Iglu. Dabei erhaschen Kinder von Klein auf Einblick in die Spass- und Fortpflanzungstechniken von Eltern, Grosseltern, Onkel und Tanten. Das ist für sie normal. Dennoch gucken selbst Kinder, die in beengten Verhältnissen aufwachsen, dem Liebesspiel der Grossen nicht einfach unverhohlen zu. Im Gegenteil: Sie stellen ihre Sinne auf «Durchzug». Die Begründung dafür ist biologischer Natur. Die Sexualität führt beim Menschen nicht in den Inzest – wie etwa bei den wild durch alle Generationen hindurch kopulierenden Bonobo-Affen, die gerne als Beispiel bemüht werden. Nein, der Sex führt bei uns über den Nestrand hinaus in die Fortpflanzung mit neuen Partnern. Entwicklungspsychologisch wird deshalb auch von der «Nesttheorie» gesprochen. Das Kind beginnt sich mit dem Entdecken des eigenen Körpers und Geschlechts über «den Nestrand hinaus» zu orientieren – und sich damit langsam von den Eltern abzulösen.

Details Ihrer Sexualität vor den Kindern sind tabu
Deshalb gehört das Kinderbett in unserer Kultur spätestens ab dem 1. Lebensjahr nicht mehr dorthin, wo Eltern sich verlustieren. Das Kind hat ein Recht darauf, seine eigene Sexualität zu entwickeln, die nichts mit der Erwachsenensexualität gemein hat. «Lässt man ein älteres Kind während des Sexualaktes im Schlafzimmer der Eltern oder gar im Ehebett bleiben, kommt das einem seelischen Übergriff gleich», erklärt die Sexualtherapeutin Schütz. Dasselbe gelte für Zärtlichkeiten, die über das Alltägliche hinausgehen. «Wenn Eltern sich innig küssen oder gar hinübergleiten in die Erotik, fühlt sich das kleinere Kind ausgeschlossen.» Schulkinder und Teenys wiederum wenden sich peinlich berührt ab. Kein Teenager will auch nur im Ansatz von seinen Eltern wissen, was diese hinter der Schlafzimmertüre treiben. Gespräche über pikante Details ihrer Sexualität vor den Kindern sind tabu. Schon Kindergarten- und Schulkinder befremden intime Beschreibungen, Teenager und Jugendliche empfinden die Vorstellung, wie die Alten miteinander «rummachen», schlicht als eklig.

Ein Recht auf Intimsphäre haben beide – Kinder und Erwachsene. Sobald das Kind mit sechs oder sieben Jahren das entsprechende Verständnis aufbringen kann, hilft ein Schildchen an seiner Zimmertür, mit dem es bekundet, ob es gestört werden darf oder nicht. Ohne das Kind zu brüskieren, kann ihm so gleich der Umkehrschluss vermittelt werden: Auch an die geschlossene Schlafzimmertüre von Mama und Papa wird geklopft. Reto und Lisa brauchen sich noch nicht um Schildchen an der Schlaf- oder Kinderzimmertür zu kümmern, dafür ist ihr Baby noch zu klein. Um es nicht zu wecken, nehmen die jungen Eltern heute vorlieb mit dem Sofa in der Stube. So wie damals als Frischverliebte.
 

Manuela von Ah


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