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Träumen macht keinen Lärm

Die hyperaktiven ADS-Kinder halten mit ihrem auffälligen und oft schwierigen Verhalten ihre Umwelt auf Trab. Die aufmerksamkeitsgestörten Träumer leiden dagegen still und oft unerkannt.

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Seit einer Stunde sitzt die Drittklässlerin Ina* über ihren Hausaufgaben. Ein Stöckli hat sie bis jetzt gerechnet, vor ihr liegen noch jede Menge Rechnungen und ein Deutscharbeitsblatt. Die Mutter schaut ihrer Tochter von Zeit zu Zeit über die Schulter und sieht, dass es wie immer einfach nicht vorwärts geht. Statt das Heft aufs Pult zu legen, das Buch aufzuschlagen und den Füller in die Hand zu nehmen, sitzt das Mädchen an seinem völlig chaotischen Schreibtisch, schaut aus dem Fenster und träumt. Jeden Tag spielt sich das gleiche Theater ab: Ina kann sich nicht konzentrieren, trödelt, weint irgendwann, ist verzweifelt. Auch heute endet die Hausaufgabenqual damit, dass die Mutter erst schimpft und schliesslich neben ihrer Tochter sitzt, sie ungeduldig antreibt und ihr hilft. Warum nur kann Ina nicht wie andere Kinder mit den paar Rechnungen in 30 Minuten fertig sein? Warum ist jeder Nachmittag vergiftet durch den ewigen Kampf mit den Hausaufgaben?

Möglicherweise leidet die zehnjährige Ina unter einem sogenannten Träumer-ADS – einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom – , das sie am Lernen hindert und daran, Aufgaben ihrem Alter gemäss konzentriert und zielstrebig anzupacken. Bei diesem Typus sind deutlich mehr Mädchen vertreten (1 Mädchen zu 2 Jungen) als bei den Hyperaktiven (1 Mädchen zu 4 Jungen). Fachleute vermuten, dass insgesamt mehr Kinder von der Hans-Guck-in-die-Luft-Variante betroffen sind als vom Zappelphilipp-Syndrom. «Weil sie sich nicht auffällig verhalten, kommt man oft gar nicht auf die Idee, sie könnten ein ADS haben», sagt die Psychologin Dr. Monika Brunsting, die sich seit Jahren in ihrer Praxis mit unaufmerksamen Kindern beschäftigt und kürzlich das Buch «Träumer oder ADS?» herausgegeben hat. Während die Hyperaktiven eher vom Schulpsychologen abgeklärt würden, sässen die tendenziell angepassten und unproblematischen Träumer oft harmlos in der letzten Reihe, wo sie weit weg vom Schulstoff in den Wolken schweben. Wissenslücken und unterdurchschnittliche Leistungen sind die Folge. Unter Umständen muss das Kind eine Klasse wiederholen oder wird in eine Kleinklasse versetzt. Erst wenn die Lehrerin solche Massnahmen vorschlägt oder der Übertritt in die Oberstufe ansteht, kommen die Eltern in ihre Praxis, so die Erfahrung von Monika Brunsting. Meistens gehe diesem Schritt aber ein langer, stiller Leidensweg voraus. «Mir ist es darum ein grosses Anliegen, dass Eltern und Lehrpersonen auch diesem ADS-Typus Beachtung schenken und frühzeitig reagieren», sagt die Fachfrau, «denn nur mit therapeutischer Hilfe können die betroffenen Kinder ihre Fähigkeiten entfalten.» Leidet nun jeder Schüler, jede Schülerin mit unbefriedigenden Noten zwangsläufig unter einem ADS? «Natürlich nicht», räumt Brunsting ein, «nicht jedes verträumte Kind mit mittelmässigem Zeugnis muss gleich zum Psychologen.» Doch ein normal intelligentes Kind, das wie Ina über längere Zeit mit stark ausgeprägter Unaufmerksamkeit zu kämpfen hat, schlecht lernen kann und Noten bringt, die nicht seinem Potenzial entsprechen, sollte von einer Fachperson abgeklärt werden.

Ein bisschen verträumt, leicht ablenkbar und bisweilen unaufmerksam seien ja alle Kinder immer wieder mal, sagt auch die Neuropsychologin Dr. Renate Drechsler (siehe Interview). Aber: «Die Symptome treten bei ADS-Kindern mit einem besonderen Schweregrad auf und schränken den Alltag stark ein.» Gerade wenn man nicht wisse, was hinter den Schulschwierigkeiten eines Kindes steckt, müsse man genau hinschauen.

Wenn eine Drittklässlerin täglich stundenlang an den Hausaufgaben sitzt und nur mit Hilfe der Mutter vorwärts kommt, besteht ein Problem, das untersucht werden muss. Liegt tatsächlich ein ADS vor, muss das Kind sich nicht mehr die ständige Nörgelei von Eltern und Lehrern, es soll sich endlich mal anstrengen, anhören, sondern kann auf Verständnis und Hilfe hoffen. Denn Ermahnungen, Strafen oder auch Geringschätzung wirken auf ein Kind, das unter einer Aufmerksamkeitsstörung leidet, fatal. Klar, dass jeder Tag mit Hausaufgaben ein Horrortag ist und dass nur noch Ferien und Wochenenden ein Lichtblick sind. Die Diagnose ADS sei daher eine Entlastung, sowohl für die Kinder als auch für die Eltern, sagt Renate Drechsler. Einerseits müssen sich die Eltern nicht ständig hinterfragen, ob sie in der Erziehung völlig versagt haben, und andererseits bekommen sie Anleitungen, um ihr Kind zu unterstützen. Ein Freibrief sei der Befund aber nicht, warnt sie: «Eltern sind nicht von ihren erzieherischen Aufgaben enthoben und für Kinder mit ADS ist es besonders wichtig, sich an Regeln zu halten.»

* Name geändert

 

Regina Kesselring


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