Ohnmächtiger Juckreiz
Haben kleine Kinder Neurodermitis, leidet oft die ganze Familie. Was hilft wirklich gegen die quälende Hautkrankheit?
Im Moment geht es der zweijährigen Laura gut. Ihre Haut ist frei von Ekzemen und sie scheint sich wohlzufühlen. Wie lange dieser Zustand anhält, vermag den Eltern niemand zu sagen. Der nächste Krankheitsschub kann in drei Wochen oder sechs Monaten kommen. Oder gar nie, denn obwohl man Neurodermitis mit Medikamenten nicht heilen kann, wächst sie sich bei vielen Kindern aus. «Diese Unsicherheit ist schwer zu ertragen», sagt Lauras Mutter Marianne, «doch solange die Kleine beschwerdefrei ist, versuche ich, nicht darüber nachzudenken.»
Wirklich vergessen kann sie die Krankheit nie. Auch in guten Zeiten braucht Lauras Haut viel Pflege. Dermatologen nennen das Basistherapie und meinen damit das tägliche Eincremen mit einem Produkt, das der viel zu trockenen Haut dabei hilft, Feuchtigkeit zu speichern und ihre Barrierefunktion zu verbessern. Das Angebot an Lotionen, Salben und Cremes ist gross, und Besserung versprechen alle Hersteller. Weil jede Haut anders auf die Inhaltsstoffe reagiert, dauert die Suche nach einem geeigneten Produkt oft Wochen oder gar Monate. Auch für die tägliche Hygiene muss ein spezielles Mittel gefunden werden; herkömmliche Seife trocknet die Haut zu sehr aus. Fachleute empfehlen als Alternative Syndets oder rückfettende Ölbäder und Duschöle.
Cremen genügt oft nicht
Während eines akuten Krankheitsschubes reicht Cremen alleine nicht mehr aus. Die entzündeten Hautstellen müssen kurzfristig fast immer mit Kortison oder den neueren Wirkstoffen Tacrolimus oder Pimecrolimus behandelt werden. Ganz ohne Skrupel tun das die wenigsten Eltern, obwohl man die Entzündung damit gut in den Griff bekommt. Tacrolimus und Pimecolimus sind für Kinder unter zwei Jahren offiziell noch nicht zugelassen und Kortison hat wegen diverser Nebenwirkungen seit Jahren einen schlechten Ruf. Gegenüber den neueren Wirkstoffen hat es allerdings den Vorteil, dass auch langfristige Nebenwirkungen bekannt sind. Vielen Eltern geht es deshalb wie Lauras Mutter, die in ganz schlimmen Phasen gegen ihre Überzeugung ein kortisonhaltiges Präparat verwendete.
«Die Eltern fühlen sich oft ziemlich ohnmächtig», sagt Daniela Münch vom Schweizerischen Zentrum für Allergie, Haut und Asthma (aha!). «Die Krankheit ist sehr vielschichtig und verläuft bei jedem Kind anders.» Der nächste Schub, der sich je nach Ausmass in einigen sehr trockenen schuppenden Hautstellen oder offenen und nässenden Ekzemen auf dem ganzen Körper äussern kann, kommt häufig wie aus dem Nichts. Da kann es helfen, in einer Selbsthilfegruppe zu erfahren, dass man mit seinen Fragen und Nöten nicht allein dasteht. Als ebenso wichtig und hilfreich erachtet Lauras Mutter Marianne eine umfassende Information über den aktuellen Wissensstand.
Heute weiss man, dass genetische Faktoren eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Neurodermitis spielen. Waren oder sind beide Elternteile betroffen, leiden 6 von 10 Kindern ebenfalls darunter. Doch der Nachwuchs von gesunden Müttern und Vätern ist keineswegs davor geschützt. Sein Risiko beträgt 10 bis 15 Prozent. Auf jeden Fall leiden aus bisher ungeklärten Gründen immer mehr Kinder unter der Hautkrankheit. Vor rund 50 Jahren ging man von 1 bis 2 Prozent betroffenen Säuglingen aus, heute sprechen Fachleute von 10 bis 15 Prozent. Auch allergische Reaktionen können die Krankheit begünstigen. Im Blut von rund einem Drittel aller Kinder weisen Ärzte Antikörper gegen bestimmte Nahrungsmittel, Hausstaubmilben oder Haustierhaare nach und empfehlen den Eltern, diese künftig zu meiden. Bei allen anderen findet man keine Anhaltspunkte für mögliche Auslöser und ist deshalb auf Beobachtungen und Vermutungen angewiesen.
Käther Bänziger








